Jüdisches Leben
in Bayern

Ansbach Synagoge

Bis 1743 gab es in Ansbach keine eigene Synagoge, sondern nur zwei Betsäle in den Privathäusern der Familie Model und Isarel. Jenes bereits baufällige Haus des Hoffaktors Löw Israel wurde mit dem angrenzendem Grundstück durch ein markgräfliches Dekret als Bauplatz der neuen Synagoge bestimmt. Das geschah vor allem auf das Betreiben Israels, der die Grundstücke der Gemeinde verkaufen wollte und seine gute Beziehung zum Landesherren für seine Zecke einsetzte.

Die Baupläne fertige der markgräfliche Hofbaumeister Leopoldo Retty (1704-1751). Am 13. Juli 1744 wurde der erste Spatenstich gesetzt.

Der ursprüngliche Entwurf sah zur Straße ein zweistöckiges Haus mit den Wohnungen des Vorsängers und Schächters vor. Dahinter sollte die Synagoge in einen Hof abgehen, was sie vor neugierigen Blicken schützen und „vor Feuers Gefahr wohl verwahren solle“. Die Pläne wurden im März 1946 nach einigen Unstimmigkeiten überarbeitet; der endgültige Entwurf sah die Synagoge direkt an der Rosenbadstraße, während der angrenzende Hof von der Reuterstraße aus zugänglich blieb. Die Arbeiten waren Anfang August 1746 mehr oder minder beendet. Am 2. September konnte der Einweihungsgottesdienst stattfinden. Es gab großen Zulauf, der aber „ohne einige Unordnung oder Unfug abgegangen“ sei.

Der Standort im südwestlichen Teil der Altstadt ist vom Stadtzentrum mit den zwei Pfarrkirchen und dem Residenzschloss abgerückt. Zwar fügt sich der Bau in die benachbarten Bürgerhäuser ein, doch verleiht ihr ein hohes Mansardendach und die der Straße zugewandte Fassade ein stattliches Aussehen, das sie aus der übrigen Häuserzeile hervorhebt. Das Portal ist unauffällig, aber die hohen Fenster, die Putzfeldgliederung und die Rustika gehören zu jenen Bauformen, die im Spätbarock Gebäude von höheren, das heißt „öffentlichem“ Rang auszeichnen. Andererseits fehlen Säulen und Pilaster, denn diese kamen einzig „Prachtgebäuden“ wie Palästen, Universitäten oder Kirchenbauten zu. Die Fassade der Synagoge zeigt dadurch den Status an, der den Juden in Ansbach um die Mitte des 18. Jahrhunderts zugestanden wurde: Sie waren geduldet und ihre Religionsausübung sollte in einem würdigen Rahmen stattfinden. Dafür spricht auch, dass der markgräfliche Hofbaumeister mit der Ausführung beauftragt wurde. Andererseits durfte eine gewisse Grenze der gesellschaftlichen Repräsentation keinesfalls überschritten werden. Daher blieb die Synagoge des Hofbaumeisters Rotty zwar durchaus anspruchsvoll, aber doch von einer gewissen Zurückhaltung.

Unter der Synagoge befand sich eine Mikwe (Ritualbad), die aus zwei Bädern in einem geräumigen, gewölbten Keller bestand. Eines der Bäder verfügte über einen Ofen mit Warmwasserkessel, in der damaligen Zeit eine Seltenheit. Das ungeheizte Wasser quoll aus dem Grundwasserspiegel und wurde bei einer staatlichen Kontrolle Anfang des Jahres 1830 als „ganz klar und rein“ befunden. 1839 wurde eine neue Miwke im Erdgeschoss des „Dienerhauses“ eingerichtet. Dieses schließt sich im Südwesten als Seitenflügel an die Synagoge an und bekam seinen Namen im 19. Jahrhundert, weil dort die Wohnräume von Gemeindebediensteten lagen. Vermutlich wohnten hier im 18. Jahrhundert der Vorsänger und der Schächter. Eine dritte Mikwe für Frauen sowie eine Fleischbank wurden 1861 im Synagogenhof eingefügt.

Die Synagoge selbst ist ein etwa 11m breiter und 16m langer Saalraum, der mit Ausnahme der hölzernen Frauenempore von einem Spiegelgewölbe überfangen ist. Die Empore erstreckt sich an der Westwand an der gesamten Breite. Acht Pfeilerarkaden spiegeln die Fenster und schaffen ein Gefühl der baulichen Harmonie. Die wenig artikulierte, beinahe flache Architektur bildet lediglich den Hintergrund für eine umso prächtigere Ausstattung: Die zentrale Bima (Lesekanzel) und der Aron ha-Kodesch (Toraschrein) sind durch ihre aufeinander abgestimmte Gestaltung und den würdevollen Farbklang aus marmoriertem Purpur, Dunkelgrün und Gold, als Zentrum und Zierpunkte des Raumes ausgezeichnet. Die Bima selbst bildet den prachtvollen Mittelpunkt des Saales und dominiert den Innenraum im Stile eines antikischen Pavillons. Eine erwähnenswerte Besonderheit ist das sogenannte Misrachfenster, das sich nach jüdischem Ritus eigentlich über dem Toraschrein befinden müsste, was aber in Ansbach durch die Baulage mit direktem Anschluss an das Nebengebäude nicht machbar war. Retty löste das Problem durch eine schachtartige Öffnung im Gewölbe, die durch den Dachstuhl zu einem Gaubenfenster führt.

Als die Synagoge 1746 fertig gestellt wurde, verbreitete sich ihr Ruhm rasch in ganz Europa. Sie galt als ein derartiges architektonisches Kleinod, dass 1786 sogar William Henry, Herzog von Glochester und Bruder des britischen König George III. für eine Besichtigung anreiste.

Die Ansbacher Synagoge inspirierte zahlreiche Nachfolgebauten, vor allem ihre Pendants in Nimwegen (Nijmegen) und Leutershausen. Die Synagoge bildet mit dem Rabbinerhaus, dem Schächterhäuschen sowie dem Männer- und Frauenbad eine bis heute vollständig erhaltene Anlage.

Bis ins 20. Jahrhundert wurde sie immer wieder modernisiert oder den Bedürfnissen angepasst: 1836 beschaffte die Gemeinde Sitzbänke, 1883 erweiterte sie die Frauenempore, statte 1904 das Taharahaus am Friedhof mit einer Abortanlage aus und ließ im selben Jahr den Synagogenkomplex an das neue Elektrizitätswerk anschließen. 1910 wurde eine entsprechende neue Beleuchtung installiert und 1912 das Dienerhaus zum Verwaltungsgebäude umgebaut.

Während der Novemberpogrome 1938 stürmten SA-Männer die Synagoge, zerschlugen die Inneneinrichtung und setzen den Haufen vor der Bima in Brand. Das Feuer konnte sich nicht ausbreiten, da die Feuerwehr schnell zur Stelle war. Die Stadt kaufte das Synagogengebäude am 11. November 1938. Im darauffolgendem Jahr richtete die Luftwaffe ein Depot ein. 1941 wurde es zum Lebensmittellager, das Ritualbad bauten die Machthaber zum Luftschutzraum aus.

Auf Anweisung der Amerikanischen Militärbehörde wurde die Synagoge nach Kriegsende notdürftig repariert. Im Mai 1946 fand dort eine Gedenkfeier für die ermordeten Jüdinnen und Juden statt. Auch der Friedhof wurde 1947 erstmals instand gesetzt. Das ehemalige Dienerhaus, inzwischen ein Wohnhaus, und der Hofraum der Synagoge wurden 1958 an eine Privatperson veräußert und ging 1984 zurück in den Stadtbesitz. Weil der alte Zugang zur Frauenempore vermauert war, brachte man eine Treppe aus dem Ansbacher Schloss im Vorraum der Synagoge an.

1960 ging die Synagoge in den Besitz des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinde über und wurde von 1962 bis 1964 umfassend saniert. Bei ihrer Einweihungsfeier erklärte sie der ehemalige Ansbacher Rabbiner Dr. Elie Munk zum „musealen und symbolischen Gotteshaus“. Die Stadt ließ den Synagogenkomplex ab 1996 in vier Bauabschnitten noch einmal umfassend und denkmalschutzgerecht sanieren. Die Synagoge ist heute im Rahmen von Führungen und zu speziellen Öffnungszeiten zu besichtigen. Eine Gedenktafel im Vorraum erinnert an die ermordeten Gemeindemitglieder.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Eberhardt, Barbara / Purrmann, Frank: Ansbach, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 45-68
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 10-13