Jüdisches Leben
in Bayern

1772: Judenordnung aus Adelsberg

Judenordnung des Freiherrn von Drachsdorff für die Schutzjuden in Adelsberg (Entwurf), 26. Juli 1772. Nachträgliche Seitenzahlen (Sammelakt). Staatsarchiv Würzburg, Adelsarchiv v Drachsdorff 8.


Vorbemerkung

Im Jahr 1750 erwarben die Freiherrn von Drachsdorff die Herrschaft über das Rittergut Adelsberg und übernahmen damit auch den Schutz über die ansässigen jüdische Gemeinde. Deren regelmäßige Abgaben waren eine verlässliche Einnahmequelle, daher errichtetem die Drachsdorffer auf dem Hof des Schlosses neue "Judenhäuser" und genehmigten um 1775 den Bau einer Synagoge.

Der Fürstbischöflich-Würzburgische Generalfeldzeugmeister Johann Karl Wilhelm Freiherr von Drachsdorff (1723-1805) übernahm 1772 eine ältere "Judenordnung" seines Vaters und ergänzte sie durch eine umfangreiche Synagogenordnung. Seine neuen Bestimmungen regelten nun im Detail alle religiösen und organisatorischen Belange des jüdischen Zusammenlebens bis hin zu den Strafzahlungen.

Dadurch ist die Adelsberger Judenordnung eine wichtige Quelle zum fränkischen Landjudentum im ausgehenden 18. Jahrhundert. Die Handschrift ist lediglich das Konzept , das vielleicht auch bei einer gemeinsamen Sitzung mit dem Barnos und dem Chasan abgefasst wurde; Johann von Drachsdorff beauftragt seinen Schreiber am Ende des Textes, das Ganze in Schönschrift zu übertragen.

Die oft fränkisch-jiddisch eingefärbte Schreibweise der hebräischen Ausdrücke wird entsprechend kommentiert. Wichtige Themenblöcke sind als Gliederungspunkte in eckigen Klammern vorangestellt. Sowohl die Seitenzahlen, wie auch die durchgestrichenen Passagen entsprechen der Vorlage.

Quellentext

[72r] Nachdem seite einer geraumen Zeit her bey gemeiner [allgemeiner] Judenschafft auf dem Ritterguth in Adelsberg mancherlei Unordnungen eingeschlichen, und erstbesagte Juden selbsten bei der Herschafft angesuchet haben ihnen eine nach den Jüdischen dolerirten reliquien abgefaste Vorschrifft, nach welcher sie sich zu fügen hetten anzuordnen, so ist Tergfels von Drachsdorfischer Judenschafft alhier befohlen worden kunftig hinn und adado [a dato] der Publication nachstehente Puncten fest und fleisig zu halten, welche zu dem Ende auch und zu unserer Begreftigung von mir eigenhäntig unterschriben worden seynt, so geschehen Adelsberg.

[Gehorsamspflicht] Vor Erstere soll sich kein Jud unterfangen, seine gnädige Herschafft abholt zu seyn, sondern sich alzeit als ein treyer Unterthan und Schuzverwanter nach Pflichten gehorsam und unterthenig bezeigen, die herschafftliche gaben willig und zur Zeit abführen, seine Dienstschuldigkeiten nach bester Möglichkeit ohne Widerwillen noch Verzögerung verrichten, Reinlichkeit in und auser denen Heüsern pflegen, und allen Decreten und Verordnungen treylich nachleben.

[Gebet für die Obrigkeit] Zweitens soll alle Schabas [Schabbat] in der Schuhl [der Synagoge] der Seegen vor gnädige Herschafft [gemeint ist das Ha-Noten Teschua] durch den Vorsinger nach altem Gebrauch und Gewohnheit gesprochen werden, wenn

[Wahl, Pflichten und Lohn des Chasan] Trittens ein Vorsinger auf und angenommen werden soll, mues der Parnes [Barnos] gnädiger Herschafft dessen die Anzeig thun, und wenn die Erlaubnuß ertheilet worden, versamlen sie sammentliche Hausvätter in den Orth wohin sie ihr vorgesetzte Barnas berufet, alda samlet dieser die Stimmen deren ein jeglicher Jud nur eine zu geben hat, [72v] der Barnas aber zwei Stimmen, so balt auf welchen demnach die mehristen Stimmen falten, dieser wird von seiner gnädigen Herschafft zur Approbation vorgeführet und wann solche nichts dagegen einwendet, wird ihm sein Contract schrifftlich aufgesezet und von der Herschafft confirmiret. Und sollte

4tens die Judenschafft Ursach haben gegen den Vorsinger Klagen zu führen so zeigt der Barnas und der älteste nach ihme also 2 Juden die Ursachen der Herschafft an, welche alsodann weiters befehlen wird, was geschenen soll. Was

5tens den betungenen Lohne des Vorsingers betrifft, so hat es bei der uhralten Observance sein Verbleiben. Die Hälffte des Lohnes wird auf die lehrente Kinter geschlagen, die antere Hälffte wird getheilt und wird also der eine auf jeden HausVatter gleich, der andere aber nach der

Anlage angeschlagen und dem Vermögenstandt angeschlagen, Dann mus

6tens der Vorsinger alzeit seine Schuldigkeit verrichten sowohl wie Vorsingen, der Kinderlehre, des Schächtens des neye Jahr, den langen Dag, auf dem Witerhorn [Widderhorn, gemeint ist der Schofar] blasen, die trei Hauptfeste als Lauberhitten [Laubhüttenfest Sukkot], Ostern [gemeint ist Pessach], und Pfingsten.

7tens mus der Vorsinger an Schavot [Schabbat] alzeit so lang warten, bis der Barbas in der Schuhl ist (wann er einheimisch ist) an andern Dägen aber kann er anfangen zu singen oder betten wann nur 2 Manner in der Schuhl seynt.

8tens hat der Vorsinger folgente Accidentien [gemeint sind Akzidentalien, also Nebeneinkünfte] genüssen:

1mo wann er eine Kindsbetterin den Creis schreibet 7 ½ xr 2. von Malchusho oder Vorgesang in der Schuhl 10 xr 3. vor die Aussegnung einer Kindesbetterin 10 xr 4. desgleichen vor eine Hochzeiterin 10 xr [73r] 5. vor eine Hochzeiter Echod Joched 10 xr 6. wann der Vorsinger zu der Tochechy oder 98 Fluch der 5 Bücher Moises berufen wird 10 x aus der Almosen Büchsen. Wann

[Bezahlung für das Schächten] 9tens der Vorsinger durch einen Juden gefordert wird den selben auswerts zu schächten, so bekommet er einen Fus, und den Opfer Tarm [Darm] sambt den Fett so daran gewachsen ist, es seye ein Ochs, Kuh oder Rindt, von einen Bock, Geis, Schaf oder Lamm bekommet er die 4 Füs sambt den Tarm wie oben stehet. Von einem Kalb bekommet er einen Fus, und das Miltz [die Milz] und von der Stundt Weegs [für jede Wegstunde] 5 Kreitzer, wann er nach grosen oder kleinen Wernfelt berufen wird bekombt er keinen Bottenlohn, sondern wird nur Unkösten frey gehalten. Alles flieget Vieh [Federvieh] mus er denen Juden im Hof ohnentgeltlich schechten.

10tens wann eine Frau sich batet gibt sie dem Vorsinger 2 xr, nach einen Kintsbett [Kindsbett, also Geburt] 4 xr, nach einer Hochzeit 10 xr.

11tens wann granke Juden auf einem Wagen ankommen, ist der Vorsinger schultig nacher Wernfeldt zu gehen, und alda einen Schelg zu tingen, seyn Lohn soll 2 xr seyn.

12tens wenn ein toppelte Schabat einfallet, und 2 Bücher Moises gelesen werden ist der darzu berufen werdende Jud dem Vorsinger ein Opfer schultig, das wenigste ist 3 xr. Sollte der Jud auch nicht inheimisch seyn, ist er doch zu bezahlen schultig, der aber welcher in seinem Nahmen berufen wird ist frey.

Treizehentens was wegen dem Buch Ester [für die Lesung der Esther-Rolle am Purim-Fest] geopfert wird ist in 3 Theil zu theilen, 2 Theil gehören dem Vorsinger und der tritte Theil wird in Almosen geleget.

14tens von 20 Jahr an opfern alle Manspersonen zum Buch der Ester der Arme wie der Reiche.

15tens soll der Vorsinger seinen Lohn und Zahlung nach den uhralten Herkommen alle Monath richtig und ohne Abzug bekommen.

16tens ist der Vorsinger schultig [hier: verpflichtet] alle Freytag das Almosengeld von einen jedweden zu fordern und richtig ins Buch aufzuschreiben wovon die gantze schultige Einlag und Rechnung an Ostern [Pessach] und Lauberfest gepflogen werden soll.

[Unterricht der jüdischen Kinder] 17tens sollen die Juden wann sie Buben haben so das 4te Jahr erringet haben dem Vorsinger zur Lehr schicken, damit wird fortgefehren bis sie 13 Jahr alt seynt. Die Mägtlein aber werden erstlichen nachdem sie das 5te Jahr erringet haben, in die Lehre geschickt, damit wird condinuiret [franz. fortgefahren] bis sie das 11te Jahr erlanget haben.

18tens zahlet der Vater oder Mutter vor des erstere Kint so er in die Lehre schickt im ersten halben Jahr nichts mehr dann seine 4tel Stunte. 1. a. b. c. lernendes Kindt zahlet eine 4tel Stund 2. ein Gebettbuch Kint eine halbe Stundte. [74r]

3tens ein die 5 Bücher Moises lernendes Kindt ¾ Stundte 4. ein Kindt welches den Talmud studiret eine ganze Stundte.

19tens sollte ein Hausvatter vor seine Kinder einen praeceptorem [lat. Hauslehrer] halten und dahero seine Kinder nicht in die gemeine Schuhle schicken, so ist er auch nicht schultig den Vorsinger vor seine Kinder etwas zu zahlen.

20tens eine Wittfrau [Witwe] ist zwar schultig vor diejenigen Kinter welche sie in die Lehre schicket zu bezahlen, übrigens aber bezahlet sie zum Unterhalt des Gemeinschaftlichen Vorsingers oder Ravi nur die Hölftte.

[Synagogenordnung] 21tens gehört in der Schuhl der erstere Plaz nemlich auf der ersten Seiten der Tohra alzeit dem von gnädiger Herschaftt vorgesezten Barnes [Barnos] oder Vorgänger, also auch dessen Frau in der Weiber Schuhl. Alle ubrige Juden nehmen ihren Rang nach der Älte ihrer Schuzbriefe, als wordurch sy die Aufnahme begrüntet und also nehmen die Weiber ihren Rang auch.

22tens werden auch alle Juden nach dem Alter ihrer besizenten Schuzbrief [nach dem Ausstellungsdatum ihrer Schutzbriefe] zu der Tohra[-Lesung] aufgerufen.

23tens an den trey Hauptfeyrdägen [Hauptfeiertagen] als Ostern, Lauberfest und Pingsten werden alzeit die Juden nach ihrer Älte in der Ordnung aufgerufen. Ausgenommen jedoch die herschafttliche Parnes der ohndispudirlich bey allen Gelegenheiten [74v] aufhabenden Ambtswegen den Vorrang haben, es seye dann er wolle es einem andern freywillig überlassen.

24tens wann frembte Juden aus dem Stammen Abrahams die Schuhl besuchen und den Schabat beywohnen so gehet es nach deren Rang, die inheimischen aber verbleiben nach der Verordnung num. 21 und 23, der Barnes alein ausgenommen welcher den Rang alzeit behaltet.

25tens wäre aber nur 1 Jud aus dem Stammen Arons zugegen [gemeint ist ein Kohen], so mus derselbe allemahl einen Dag aus der Schuhl gehen, als am neyen Jahr, dem langen Dag, die 3 mehr gemelte Feyrdäg.

16tens belangend die Mitzwas oder Verehrung, so wird solche versteigeret, der meist biedente erhaltet solche er seye Barnas oder ein gemeiner Jud, das erlösete Geld gehört dem Almosen, und tarf auch ein 18Jähriger lediger Jud darauf biedten und steigern als Haftohra, NeyJahr, Langen Dag und die 3 Feyr Däg Oster Lauberfest, und Pfingsten.

27tens trift sonsten das Jahr hindurch der Jud welcher bey der Tohra stehet wann schon der Rang an ihme wäre sich doch nicht aufrufen lassen, sollte aber des vorige Jahr, und dem Jom Kiepur [Jom Kipur] oder Langen Dag oder die 3 Feyr Däg der Rang an ihme stehen, lasset er sich vermög Jüdischen Gebrauch aufrufen. [75r]

[Eintrittsgeld] 28tens der Jenige Jud welcher sich mit einem herschafftlichen Schutzbriff bey gemeiner Judenschafft legidimiret hat trey Gulten frandt [3 fränkische Gulden = Rechnungswährung in den Fürstentümern Würzburg, Bamberg, Ansbach und Bayreuth] in die judische Gemein Cassa zu erlegen, alsdann hat er Antheil an der Judenschaft und deren darinnen befintlichen von der Gemeint angeschafften Sachen.

29tens eines hiesigen Freyherrn von Drachsdorffischen Schuz Juden Sohn welcher den Schuz vor sich erhaltet, zahlet nur die Hälffte als 1 ½ Gulten frä.

[Almosenkasse] 30tens damit des Almosen aufrecht gehalten und die benöthigte Unkösten bestritten werden können, mus jeder Jud jahrlich wenigstens 60 xr dahin legen.

31tens wann ein Jud oder Jung von 18 Jahren hiesiger Gemeinte an Fasenacht nicht nacher Haus köme mus er seyn Machzis Hascheckel in hiesige Judenschuhl geben, er seye reich oder arm [Machazit Haschekel = "Halber Schekel", religiöser Zwangsalmosen nach Exodus 30,11-16].

32tens der jenige Schuz Jud oder Jung der an Schavat nicht zu der Judenschafftl. Lehr kombt [wer am Schabbat nicht am Gottesdienst teil nimmt], gibt in Almosen 2 xr Straf. So auch an denen Feyr Dägen.

33tens wer nicht Hoschänna Rabe [gemeint ist das Neujahrsfest Rosch ha-Schana] oder am Lauberfest [Sukkot] oder Pfingsten zu nachts zum Gebett kombt worunter auch ein 13jähriger Knab begrifen ist, mus ein halb 4tel Pfunt Wax Straf geben.

34tens wann das Judenschafftliche gebett verkaufft wird mus der Vorsinger an Schabat Feyrdag selbsten in der Schuhl vorsingen. [75v]

35tens wann am Lauberfest oder Pingsten des gemeinschafftliche Schiuv nicht verkaufft worden, so geschihet selbiges bey dem Baal seegen durch denjenigen welcher zu der Zeit in der Schuhl bey der Tohra stehet, will es der Jud nicht in seinem Haus haben so kann er es mit Erlaubnis und Vorwissen das Barnes einen frembten Juden verehren.

36tens belangend dieselben welche Schavas müssen berufen werden zu der Tohra oder denen 5 Büchern Moises deren sey es 10erley wie folget: 1tens wer im Seegen [Segen] gehet, 2. wer aus dem Seegen gehet, 3. ein Jahrdag nur die Eltern, 4. ein Beschneiter [Mohel], 5. des neygebohrnen Kinds Vatter, 6. ein Gevattermann [Sandak] zur Zeit, 7. so einer ein Hochzeiter wird, 8. ein Hochzeiter vor der Zeit, 9. auch nach der Hochzeit zum Schenkwein, 10. des Hochzeiter seyn Vatter zum Schenkwein.

37tens derjenige Jud, welcher einen Seegen hat mitten im Jahr wann schon der Rang an ihme wäre mus nach sehen, es seye dann es wäre einer deren 10 Vorstehenden.

38tens derjenige Mann dessen Frau ausgesegnet wird ist aus einer Schultigkeit zur Tohra der selbigen Schavos zu berufen, davor gibt er wann er einen Buben erhalten einen 4ting Wachs, wäre es aber ein Machtlein nur die Hälffte.

39tens derjenige Jud welcher am Lauberfest der letzte zur Thora berufen wird gibt dem Almosen 8 Leht Wachs und derjenige welcher witerum zu erst berufen wird gibt 4 Loth.

40tens wann ein toppelter Schavas einfallt, so das mann vor 2 bis 5 Bücher Moses vorlesen thut und jeder Jud darzu berufen wird opfert jeder 2 dl in dem Almosen. [76r]

41tens wann unter der Gemeinte sich ein Vorsinger befänte, so am neyen Jahr langen Dag oder sonsten an Feyrdägen dises Ambt versehen kann, so hat er ein Vorrecht wann ihne besonders die halbe Judengemeinte darzu haben will, wollte er aber aus Trutz oder Passion solches nicht thun und ginge von der Gemein weg bey anders auswärdigen Juden vorzubetten soll derselbe seyn Recht auf alhzeit verlohren haben.

42tens derjenige Schuzjud oder legider Bursch der zu Haus ist und an Schabas oder FeyerDag, Weynachten, Fasenacht oder halben Feyrsägen beym Neymondt, Mondag oder Donnersdag seine Schuhl verabsaumbet oder nach dem Gebett von Barchu kombt gibt 2 xr Straff in Almosen.

[Verbot von "Betteljuden" in Adelsberg] 43tens ist austrucklich verbotten Bettel Juden zu halten, weilen die Herschafft ihre besondere heilsamme Absichten dabey heegt, es soll also in deren herschafftlichen Häusern auser denen reisenden Handelsjuden oder denen Anverwanten niemand über nacht beherberget werden, und ist es sehr löblich wann die bemittelte Juden denen ärmeren Schuzjuden nach Masgab ihres Vermögens mit Almosen an Handen gehen.

[Autorität des Barnos] 44tens hat in der Schuhl auser der Barnas niemand nichts zu befehlen und sich alle seinem Willen zu fügen deme zu viel geschehen thut kann sich nach der Hand bey der Verwaltung beschwehren [kann sich im Nachhinein bei der Gutsverwaltung beschweren].

[Das Ritualbad] 45tens hat sich hiesige Freyherl. von Drachsdorffische Judenschafft wegen eins in Georg Hepfs Behausung erkaufften und von hochfürstl. Würzburgischen Regierung Convirmirden Contentes [lat. bestätigte Zufriedenheit, also "offiziell genehmigt"] Reinigungs Baadts zu gebrauchen wollen die Uhrkunten in der Repositur in originale vorhanten seynt und damit gemeine Judenschafft sich ihr verlangtes Baadrecht nicht begibt so mus jede Haushaltung alle halbe Jahr 3 xr zum Barnes tragen, [76v] dieser bezahlet den contractmäsigen Zins, und wan solches Geld nicht langen sollte, kann er des nöthige aus dem Almosen heben.

[Weitere Synagogenordnung und Gebühren] 46tens wenn ein Jud das Tehilm erkaufft hat [Tehellim = Buch der Psalmen, welches laut singend verlesen wird] mus er solches alein sagen, wann es keiner mit ihm sagen will, wird es aber nicht verkauft sagt es der Vorsinger und ist keinem verwehrt es mit ihm zu sagen.

47tens die Haftora [Haftara = Lesung aus den Prophetenbüchern der Tora] von dem schwarzen Schavas wird an den meist biedenten verkauft.

48tens das Kadesch [Kaddisch = Segensspruch] bleibet wie vorhin nach dem Rang des Alters.

49tens wann der Baalseegen oder Schicho, oder Koll Wecholl nicht in der Schuhl vorkommen fallen solche dem vorgesezten Parnas anheim.

50tenswann 2 Amlosen Pfleger gemacht werden so mus einer die Büchsen [Sammelbüchse] und der andere den Schlüssel haben, sie müssen alle Jahr Rechenschafft geben an gemeine Judenschafft. diese derfen ohne Vorwissen des Barnes oder in Abwesenheit dessen den 2 ältesten gemein Juden nichts aus disem Alomsen abgeben, es seye dann eine Fuhr oder Bottenlohn, Schuhlsamlung Colecte genandt, oder Hochzeitsbrief müssen sie anfragen wie viel sie geben sollen.

51tens wann jemand in der Schuhl sich ungebuhrlich aufführet und der Barnes wäre nicht zu Haus so wird die Sach bis zu seiner Zurückkunft verschoben, alsdan examinirt er die Sach und bestrafft die Verbrecher doch soll die Straff niemahls heher dann ¼ Wags seyn, wann es eine grosere Straff verdient soll es der [freiherrlichen] Verwaltung angezeiget werden. [77r]

52tens wer ein Hausgebett lernen lasset kann es mitten im Jahr nicht aufkünten, er mus es vors ganze Jahr bezahlen.

53tens wann ein Jud in seinem Handels oder andern Geschefften gezwungen wäre eine weite Reis zu thun, und könnte an denen Hauptfestdägen nicht zu Haus seyn, so mus er sich melten [melden], ansonsten ist er in Straf verfallen. Sein ausen bleiben mus aber Grunt haben und nicht geflüssentlich geschehen [das Ausbleiben muss einen Grund haben und darf nicht aus Nachlässigkeit geschehen].

54tens der wegen eines guten Werkes, Hochzeit oder Beschneitung ausbleibt ist entschuldiget.

55tens der Jud so Jom Kipur oder Neyjahr ausbleiben thut soll einen halben Rths [Reichstaler] Straff erlegen, wer aber vorbetten kann und verdinget sich mus einen [ganzen Reichstaler] Straf erlegen.

[Auszugsgeld] 56tens wann ein hiesiges Schuz Kint [Kind eines freiherrlichen Schutzjuden] Hochzeit im Hof machen sollte und nicht in Herschafftlichen Schuz aufgenommen wird, sondern abzihet [den Ort verlässt], mus er wenn solche vorbey in die Schuhl 1 Pfunt Wax almosen geben und dem Vorsinger seine accidentien [gemeint sind Akzidentalien, also Nebeneinkünfte].

57tens desgleichen mus auch ein frembter thuen, jedoch mus er ein halbes Pfunt Wachs mehr in Al[m]osen geben.

[Zusammenarbeit des herrschaftlichen und rabbinischen Gerichts] 58tens sollen sich die Juden vor denen in ihrer Religion beschriebenen Lasten hüten ihren nächsten lieben also zwar das wann einer ohne seyn Verschulten oder sonstige Verhindernus am Schavas allenfals eine ¼ oder höchstens halbe Stunte zu spät kombt [77v] er nicht gestrafft sondern mit der Schuhl auf ihm gewartet werde, und gleichwie das Gesäz einen Jedweden hinlanglich belehret was er zu thun und zu lassen hat, so kann er sich auch hüten und Straf vermeiten, Sollte aber gleich wohlen führohin sich ein Casus ereignen welcher in die Judische Ceremonien einschlaget jedoch nichts ärgerliches oder gegen das Interesse gnadiger Herschafft betrifft und laufet welcher von einem ordentlichen Raviner [Rabbiner] Bescheit erforderte, so wird Barnes [Barnos] und gemeiner Judenschafft andurch angewisen, die Anzeig davon gnädigster Herschafft zu thun und mittels dero Erlaubnus sich an dem Ritterschafftlichen Raviner zu wenten dessen Sprich aber witerum vor die Herschafft zu bringen, wo alsdann weiter erfolgen soll was rechtens ist.

Gegenwerdige Ordnung und Verordnung soll in ein Brief sauber eingetragen werden und alsdan soll es zur Radification eingeschikt werden. Sig. Wurzbg. den 26ten July 1772 [Unterschrift] Freyherr von Drachsdorff

(Edition von Maria Hildebrandt]