Jüdisches Leben
in Bayern

1544: "Großes Judenprivileg" von Speyer

Kaiser Karl V. (reg. 1520-1556) bestätigt die Privilegien, Freiheiten und Schutzbestimmungen für die Juden im Heiligen Römischen Reich (sog. Großes Speyrer Judenprivileg). Reichstag zu Speyer, 3. April 1544 (Einblattdruck). Landesarchiv Baden-Württemberg - Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Sammelakte A 56 Bü 8.

Vorbemerkung

Wie bereits auf dem Reichstag in Augsburg 1530 traf Rabbiner Josel von Rosheim 1544 in Speyer erneut mit Kaiser Karl V. zusammen. Im Namen der Reichsjudenschaft klagte darüber, dass trotz der kaiserlichen Schutzbriefe die Rechte der Juden im Heiligen Römischen Reich zunehmend missachtet wurden. Auslöser waren unter anderem die judenfeindlichen Schriften Luthers von 1543. Der Kaiser bestätigte alle bereits gültigen Schutz- und Freiheitsrechte. Die vorliegende Quelle ist eine gedruckte Zusammenfassung des kaiserlichen Edikts, welches auf die einzelnen Bestimmungen des Judenschutzes gar nicht näher eingeht.

Ungewöhnlich ist die Deutlichkeit, mit welcher der Kaiser seine "Freunde" (die Fürsten des Reiches) "ernstlich" dazu aufforderte, den Judenschutz auch wirklich umzusetzen und alle Verbrechen gegen Juden in der täglichen Praxis konsequent zu ahnden. Zwischen den Zeilen ist die zunehmende Verbitterung eines alternden Monarchen spürbar, dessen Träume einer geeinten, katholischen Universalmonarchie des Hauses Habsburg bereits gescheitert waren.

Quellentext

Wir Karl von Gottes Gnaden Römischer Kaiser zu allen Zeiten Mehrer des Reichs / In Germanien / zu Hispanien / beider Sizilien / Jerusalem / Ungarn [„Hungern“] / Dalmatien / Kroatien / etc. König / Erzherzog zu Österreich / Herzog zu Burgund / etc. Graf zu Habsburg / Flandern / und Tirol / etc.

Entbieten allen und jeglichen Kurfürsten / Fürsten / Geistlichen und weltlichen Prälaten / Grafen / Freiherrn [„Freyen“] / Herren / Rittern / Knechten / Hauptleuten / Landvögten / Viztumen / Vögten / Pflegern / Verwesern / Amtsleuten / Schultheißen / Bürgermeistern / Richtern / Räten / Bürgern / Gemeinden / und sonst allen anderen Unseren und des Reichs auch Unseren Erblichen Fürstentümern und Ländern Untertanen und Getreuen, in was welchen / Standes [„Stats“] / oder Wesens die sein / den dieser Unser Brief / oder [eine] glaubwürdige Abschrifft davon vorkommt / damit sehen und gemahnt werden / Unserer Gnade / und alles Gute / [die] Hoch und Ehrwürdigen / Hochgeborenen / lieben Freunde / die Neuen / Alten [„Oheimen] / Kurfürsten / und Fürsten / Wohlgeborenen / Edlen / Ehrsamen / Andächtigen und lieben Getreuen.

Uns hat die allgemeine / Judenheit im Heiligen Reich Deutscher Nation / durch eine Klage vorgebracht: [„gemaine Judischhait“; gemeint ist hier wie folgt die Summe der Juden im Reich als königliche Kammerknechte, vertreten durch die Reichsjudenschaft] /

Wie dass etliche Juden / über und wider ihren Freiheiten / Privilegien / Schutz / Schirm / und Geleit / mit denen Sie von päpstlichen Generalkonzilen ["Bäpsten gemainen Concilien"] / unseren Vorfahren am Reiche / [den] Römischen Kaisern und Königen / seligen und löblichen Angedenkens ["gedechtnuß"], / [von] Uns / und dem Heiligen Reich / gnädig begabt und versehen waren / Auch Unserem und des Reiches aufgerichteten Landfrieden, und das Sie einem jeden, so er denn Spruch und Forderung zu ihnen sämtlich oder sonderlich zu haben vermeint / von Uns / Unserem Kaiserlichen Kammergericht / oder an Enden, da sich dasselbe gebührt, kein Urteil und keine Gewalt erfuhren und erfahren, als Unser und des Heiligen Reiches Strafen ["Rechtens nit vor gewesen / unnd noch nit seyen / gewaltigklich / Freuenlich auff unser uund des heyligen Reichs straffen"]. /

Und auch in etlichen Städten / Märkten / und Dörfern / an ihren Leibern / Hab und Güttern / mit Rauben / Wegführen [d.h. Entführen] / Gefängnis / Austreibung [Vertreibung] ihrer häuslichen Wohnungen / Zerstörung und Versperrung ihrer Synagogen und Schulen / Auch an geleit- und Zollgeld / merklich beschädigt / beleidigt / beschwert / und gesteigert werden. /

Und wiewohl Sie etliche auf Euch / demütig angerufen / und gebeten [haben] / gegen denjenigen so Sie also beschädigt und beschwert / nach Vermögen des Reichs Landfriedens / unseres Schutzes / Schirmes / und Geleits / zu handeln, / Auch bei ihren Freiheiten / Privilegien / Schutz / Schirm bleiben / und ferner nicht zu gestatten, dass sie auf oben erwähnte Weise [„obberurter massen“] / bedrängt / oder beleidigt werden [Satzbau umgestellt], / So haben Sie doch bei Euch zum Teil dasselbe nicht bekommen noch erlangen mögen, / dieses der gemeinen Judenheit / zu merklichem Schaden und Nachteil reichte / und sich des[halb] bei Uns hoch beschwert / und demütig angerufen / und gebeten [haben] / der gemeinen Judenheit hierin mit Unserer Hilfe / gnädig zu erscheinen, / diese zu schützen / und zu schirmen.

Und dieweil [es] Uns dann / als dem Römischen Kaiser gebührt, / einem jeden bei Recht / und dem ihm zustehenden Freiheiten [„seinen habenden Freyhaiten“] zu handhaben / und vor unbilliger Gewalt zu schützen und zu behüten / [und] dieses auch entschlossen umzusetzen [„des auch zuthun gentzlich gemaint sein]; / Haben [wir] darauf die erwähnte Judenheit von neuem / in Unsern und des Heiligen Reichs Schutz und Schirm genommen / und ihnen Unser und des Reichs / Frei Sicherheit und Geleit für Gewalt und zu Recht gegeben […] / laut unseres Briefes darüber aufgegangen. /

Demnach gebieten Wir Euch allen / und Euer jedem in sonders / bei Vermeidung unser und des Reichs schweren Ungnade und Strafe / und Strafgebühren [„den penen“] / in erstgedachtem Unserm Schutz / Schirm und Geleit-Briefe / und der Judenheit Freiheiten / und Privilegien erfüllt [„begriffen“] / von Römisch Kaiserlicher Macht / Ernstlich mit diesem Briefe / und wollen, / dass ihr die gemeine Judenheit / samt und sonderlich / bei den oben bestimmten Bullen der päpstlichen Generalkonzilen, Unser[er] Vorfahren am Reiche / und Unsern gegebenen Freiheiten / Privilegien / Konfirmation [Bestätigungen] / Schutz / Schirm / und Geleit / handhabt und gänzlich dabei bleiben sollt / das alles „gerübiglich“ gebrauchen / genießen / Auch allenthalben im Heiligen Reiche / und desselben zugehörigen [„zugethanen“] Fürstentümern / Grafschaften / Herrschaften / Landschaften / Städten und Gebieten / sicher handeln und wandeln lasset / und darüber ihr Leiber, Habe oder Güter / nicht beschädigt / oder beleidigt. /

Auch im Allgemeinen oder im Besonderen [„in gemain oder sonderhait“] / von ihren häuslichen Wohnungen / Haben und Gütern / eigentlichen Teils fürnehmens nicht vertreibt / noch die[se] zerstört oder entwertet. /

Auch Sie mit neuen ungewöhnlichen Zoll und Geleitgeld / oder sonst auf anderen Wegen / wider Altherkommen [d.h. mittelalterliches Gewohnheitsrecht] und Billigkeit / nicht beschwert / bedrängt / oder steigert / noch jemand anderem dies zu tun befehlt / [an]schafft / oder gestattet. /

Auch den Tätern [„thettern“] / so [sie] also [die] Reichsjudenschaft / sämtlich und sonderlich / wider Unsern und des Reiches Landfrieden / und diesen Unsern Schutz / Schirm / und Geleit / an ihrem Leib / hab / oder Gütern angreifen / vergewaltigen [hier: Gewalt antun] und beschädigen würden, / keine Hilfe / Vorschub / oder Beistand [erweist], / [weder] heimlich noch öffentlich […] / in keiner Weise noch Wegen. Als lieb Euch und einem jeden sei / übengenannte Strafgebühren und Strafe / zu vermeiden [„Als lieb Euch und einem yedens ey obberurte peen unnd straff zuvermeyden“]. / Das meinen wir Ernstlich. /

Mit der Verkündung dieses Briefes besiegelt mit Unserem kaiserlichen aufgedrückten Siegel.

Gegeben in Unser und des Reichs Stadt Speyer [„Speir“] / am dritten Tag des Monats April. Nach Christi unsers lieben Herrn Geburt / Fünfzehnhundert und im Vierundvierzigsten, Unsers Kaisertums im Vierundzwanzigsten / und Unserer Reiche im Neunundzwanzigsten Jahren.

CAROLUS           

Im Auftrag des Kaisers & Katholischen Majestät [“Ad mandatum Caesarae & Catholicae Maiestatis proprium”]                                               

Johann Obernburger [kaiserlicher Sekretär]

(Edition von Patrick Charell)