Jüdisches Leben
in Bayern

Zirndorf Gemeinde

Eine Klageschrift der Reichsstadt Nürnberg aus dem Jahr 1551 erwähnt unter anderem jüdische Händler aus Zirndorf, die trotz eines strengen Verbots innerhalb der Stadtmauern ihrem Geschäft nachgegangen waren. Ein weiterer Beleg für die Ansiedelung von Juden ist ein Schutzbrief des Markgrafen Georg Friedrich I. von Brandenburg-Ansbach (reg. 1543-1603) für die Brüder Jacob und Samuel. Für fünf rheinische Gulden jährlich stand es ihnen frei, sich entweder in Zirndorf oder in Obernbreit bei Kitzingen niederzulassen. Die Herrschaft über Zirndorf war zwischen Nürnberg und den Ansbacher Markgrafen aufgeteilt, daher konzentrierte sich das jüdische Gemeindeleben auf die Ansbacher Seite, in Nähe der heutigen Schul- und Kleinstraße. Verschiedene Ausschaffungsedikte der markgräflichen Landstände in den Jahren 1561, 1564, 1566, 1573 und 1584 haben mit Sicherheit auch Zirndorf betroffen.

Erst mit der Erneuerung des Judenschutzes gewährte Markgraf Joachim Ernst (reg. 1603-1625) am 11. Juli 1609 ein dauerhaftes Wohnrecht für jüdische Bürger. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf durch die Armee des kaiserlichen Feldherrn Albrecht von Wallenstein fast vollständig ausgelöscht, zwei Drittel der Ortsbevölkerung kam ums Leben. Am Abend des 17. Juli 1632 hatten kroatische Reiter vom Osten her Zirndorf überfallen und ausgeplündert. Kurz darauf erschienen 30 jüdische Männer, Frauen und Kinder im heutigen Nürnberger Stadtteil Gostenhof und baten um Aufnahme für eine Nacht. Mit einem Empfehlungsbrief des schwedischen Königs Gustav Adolf zogen sie anschließend nach Schnaittach, um bei der dortigen Gemeinde unterzukommen. Die jüdische Gemeinde erholte sich wie der Rest des Dorfes nur recht langsam von den Kriegsschäden. In seiner 1732 erschienenen, vierbändigen Beschreibung des Fürstentums Ansbach notierte der Ingenieurhauptmann Johann Georg Vetter für Zirndorf immerhin 13 jüdische Haushalte mit einer „bewohnten Judenschuhl“. Dieses Gotteshaus, bereits 1685 oder später auf dem Anwesen Nr. 148 (heute Kleinstraße 2) errichtet, wurde um 1765/65 durch einen ansehnlichen Neubau ersetzt. Die Geschichte der zeitweise über 50 Familien umfassenden jüdischen Gemeinde im 18. Jahrhundert ist bislang kaum erforscht. 

1811 lebten nur noch 28 jüdische Familien in Zirndorf. Sie gehörten zu Rabbinatsbezirk Schwabbach, die Toten wurden auf dem Friedhof in Fürth bestattet. Als das neue bayerische Judenedikt 1813 in Kraft trat, galten für das Dorf 26 Matrikelstellen. Zur Besorgung religiöser Aufgaben hatte die Gemeinde dauerhaft einen Religionslehrer angestellt, der später auch zugleich als Vorbeter und Schächter tätig war. Die meisten jüdischen Familienväter verdienten ihr Geld als Vieh- und Warenhändler. Im 19. Jahrhundert eröffneten sie auch einige angesehene Gewerbebetriebe und Geschäfte in der Stadt.

Trotzdem blieben die wirtschaftlichen Verhältnisse insgesamt eher bescheiden, viele Familien waren von der Armenfürsorge abhängig. Zehn von zwölf jüngeren jüdischen Schulkindern besuchten 1821 die christliche Volksschule im Ort. Für den Religionsunterricht engagierten jene Eltern, die es sich leisten konnten, Privatlehrer. Nach der staatlichen Reform des jüdischen Schulwesens mussten alle Lehrer eine akademische Ausbildung vorweisen und in Zirndorf wurde 1828 Jonas Oberndorfer aus Ermreuth als jüdischer Elementar- und Religionslehrer verpflichtet. Er wohnte in einem Privathaus, den Unterricht hielt er jedoch weiterhin „in einem gesunden und ziemlich geräumigen Zimmer […] in der Synagoge ab“.

Entsprechend der neuen Hygienevorschriften berichtete der Nürnberger Arzt Dr. Baumann im selben Jahr von der Zirndorfer Mikwe im Haus des christlichen Büttnermeisters Ehemann, der seinen Keller an die jüdische Kultusgemeinde vermietete. Am 22. April 1846 schenkte die Witwe Nanny Krauß ihrer Gemeinde 700 Gulden, um eine moderne Warmwassermikwe zu errichten. Nach erfolgloser Standortsuche stellte Vorstand Simon Rosenstein (Anwesen Nr. 19) das Erdgeschoss seines eigenen Hauses zur Verfügung. Als Schulmeister Oberndorfer 1841 sein Amt auf eigenen Wunsch hin niederlegte, löste die Kultusgemeinde ihre eigene Schule auf, die Kinder gingen wieder in die örtliche Volksschule.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu überraschend engstirnigen Konflikten zwischen Juden und Christen: Die Vertreter der Bürgergemeinde warf den Juden vor, durch störende Hausarbeiten absichtlich Sonn- und Feiertage zu entwürdigen, außerdem würden sie durch Arbeitsaufträge Christen vom Kirchgang abhalten. Inwiefern und ob überhaupt ein nachvollziehbarer Kern in diesen Anklagen steckte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Im Zug der Auflösung der landjudenschaftlichen Korporation Ansbach hatte sich die Zirndorfer Gemeinde 1852 dem Rabinatsbezirk Baiersdorf angeschlossen. In dieser Zeit begann auch der unaufhaltsame Niedergang der Kultusgemeinde, weil vor allem junge Familien den Ort verließen und in die USA auswanderten. Diese Entwicklung verschärfte sich ab 1861 mit dem Recht auf freie Berufs- und Wohnsitzwahl. Anfang März 1873 wurde erst nach anderthalb Jahren voller interner Diskussion, nach einer schwierigen Standortsuche und gegen den Widerstand der christlichen Anwohner ein neues jüdisches Badehaus am Dorfbach fertiggestellt. 

Angesichts all dieser Probleme ist es nicht weiter verwunderlich, dass es der Kultusgemeinde zunehmend schwerer fiel, aus ihren Reihen einen Vorstand zu benennen; teilweise führten die Kandidaten sogar ärztliche Atteste an, nur um diesem mühevollen Ehrenamt zu entgehen. Nach dem Tod des Baiersdorfer Rabbiners Wolf Cohn im Januar 1888 übernahm der Fürther Distriktsrabbiner Dr. Jakob Immanuel Neubürger die Verwesung des Baiersdorfer Bezirks. Der Initiative Neubürgers zur Gründung eines neuen Rabbinatsbezirks Erlangen widersetzte sich die Gemeinde jedoch nachdrücklich. Aus dem Jahr 1890 ist ein handschriftliches „Reglement über die Cultusrechte und Pflichten der israelitischen Gemeinde zu Zirndorf“ erhalten. Mit Vertrag vom 25. Januar 1894 schloss sie sich offiziell dem Fürther Bezirksrabbinat an. 1897 publizierte Jakob Wasserman (1873-1934) die romanhafte Geschichte der „Juden von Zirndorf“. In Vorsetzungen erschien das Werk später auch in der israelitischen Zeitschrift „Menorah“ (Jg. 1923/24). Am 15. Oktober 1911 erhielt Zirndorf durch Prinzregent Luitpold von Bayern die Stadtrechte verliehen. 

Zu Beginn der NS-Gewaltherrschaft lebten immerhin noch 64 jüdische Frauen, Männer und Kinder im Ort. Bereits am 15. März 1933 wurde der NSDAP-Ortsgruppenleiter Julius Eicher als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt und die Verwaltung somit gleichgeschaltet. Damit begann auch in Zirndorf eine Zeit der zunehmend schärferen Drangsal, begleitet durch diskriminierende Gesetze des Staates und offener Diskriminierung durch die lokalen Behörden. Angesichts der fehlenden Zukunftsaussichten verließen nun etliche jüdische Familien ihre Heimat und zogen in größere Städte, wenn sie nicht gleich ins Ausland emigrierten.

1937 gab es nurmehr zwölf jüdische Geschäfte im Ort: Neben acht Viehhändlern gab es das Manufakturwarengeschäft von Fritz Krämer in der Spitalstraße 1, das „Verkaufsgeschäft für Werk-Moll-Manufakturwaren“ Cilly Lüneburgers in der Fürther Straße 10, die Metallwarenfabrik Wellhöfer & Co. in der Burgfarrnbacher Straße 9 sowie der Metallwarenhandel Gönninger & Co. in der Kleinstraße 2, dem Synagogengebäude. Gemeindevorsteher war zu dieser Zeit Julius Weinstein.

Bereits am 5. November 1938 brachen unbekannte Täter in die Synagoge ein, wobei der Religionslehrer Jakob Gönninger vergeblich nach Hilfe rief. Die Inneneinrichtung wurde größtenteils zerstört, die wertvollen Ritualien aus Metall (Leuchter, Weinbecher, Kannen usw.) gestohlen. In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 erhielt SA-Sturmführer Karl Dechant den Befehl: „Sofort Sturm alarmieren, Synagoge anzünden, Judengeschäften zerstörten, Juden festsetzen“. Die jüdischen Bürgerinnen und Bürger wurden im Hause Weinstein zusammengepfercht und mussten ihre Einwilligung zur Räumung der Häuser geben. SA-Leute brachten den gesamten Hausrat in die leer geräumte Synagoge und stapelten ihn nach Haushalten getrennt auf. Daraufhin brachten sie die Juden nach Nürnberg, einige ihrer Habseligkeiten konnten sie gleich mitbringen.

Im Gegensatz zu anderen Orten Mittelfrankens gab es in Zirndorf keine größeren Gewaltexzesse. NS-Bürgermeister Julius Streicher erklärte dies bei seiner Vernehmung 1947 ganz offen: „Bei meiner damaligen politischen Einstellung war mir der Grund, die Juden loszuwerden, der vordringliche. Mir war es zuwider, die Synagoge anzuzünden, als Bürgermeister war es mir zuwider, ein wertvolles Gebäude zu zerstören“. Auch einige SA-Leute, die kleinere Beutestücke für sich beiseitegeschafft hatten, wurden zur Rückgabe des Diebesgutes aufgefordert. Die Möbel kamen einige Zeit später laut Zeugenaussagen nach Fürth. Bis Ende 1941 hatten alle Zirndorfer Juden ihren Besitz verkauft – Im Fall der Familie von Siegfried Weinstein unterstützte sogar die Geheime Staatspolizei sein Bemühen, einen höheren Preis für die Immobilie zu bekommen; nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil er mit diesem Geld seine Auswanderung finanzieren musste. 

Eine Gedenktafel an der Westseite der ehemaligen Synagoge erinnert heute an „alle im Ersten Weltkrieg gefallenen und während des NS Regimes ums Leben gekommenen jüdischen Mitbürger der Stadt Zirndorf“. Darunter ruft seit 1998 eine weitere Tafel die ehemalige Nutzung des Hauses als Synagoge ins Gedächtnis. Bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Novemberpogroms wurden bei einer öffentlichen Zeremonie am 19. November 2017 die Namen der letzten jüdischen Zirndorfer Jüdinnen und Juden verlesen.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Eberhardt, Barbara / Haas, Hans-Christof: Zirndorf, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 771-785
  • Pomerance, Aubrey: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken, in: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hrsg.): Die Juden in Franken, München 2012, S. 95-113
  • Weinberg, Magnus, Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, 2 Bde., Frankfurt/Main 1937 u. 1938, hier S. 250-258