Jüdisches Leben
in Bayern

Zeckendorf Gemeinde

Schriftliche Quellen erwähnen erstmals im Jahr 1586 jüdische Einwohner in Zeckendorf. Damals beschwerte sich der fürstbischöfliche Vogt Friedrich Sebeer über 39 Juden, die sich hier seit längerem unter dem Schutz verschiedener Lehensherren „eingeschlichen“ hätten und den christlichen Bewohnern schaden würden. Anhand von noch früheren Nachweisen, die es über jüdisches Leben im Bamberger Land gibt, darf man jedoch annehmen, dass sich bereits im 12./13. Jh. hier Israeliten niederließen. Die Voraussetzungen zur Ansiedlung waren für Juden an diesem Ort besonders günstig aufgrund der verschiedenen Schutzherren, die in Konkurrenz zueinander standen.

Zu ihnen gehörten Veit von Giech, Achatz von Giech, Heinrich von Aufseß, Christoff von und auf Wiesenthau, die Herren von Künsberg und das Kloster Langheim. Letzteres protestierte gegen die Absicht der Bamberger Regierung, 1591 mit einer neuen Dorfordnung die Anzahl der jüdischen Einwohner zu beschränken. Ob diese Verordnung trotzdem zum Einsatz kam, ist nicht bekannt. Bis ins 18. Jh. wurden jedoch von den Zeckendorfer Christen immer wieder Versuche unternommen, eine weitere Ansiedlung von Israeliten zu verhindern.

Einer der Grundherren, Hans Mathes von Giech, gestattete den Demmelsdorfer und Zeckendorfer Juden im Jahr 1617 die Anlage eines Friedhofs auf einem Hügel zwischen den beiden Dörfern. Dieser Gottesacker diente in den folgenden Jahrhunderten Israeliten aus der gesamten Region zur Bestattung ihrer Toten. 1748 musste man das Areal vergrößern. Heute sind hier noch fast 600 Grabsteine erhalten; der älteste stammt aus dem Jahr 1637. Das Landesrabbinat, das nach der Gründung der Landjudenschaft 1619 seinen Sitz und Versammlungsort in Bamberg hatte, wurde von der Obrigkeit 1644 nach Zeckendorf verlegt. Über 30 Jahre lang stand das Dorf damals im Zentrum jüdischer Aktivitäten im Bamberger Land und war Aufenthaltsort bedeutender israelitischer Autoren, wie z.B. Simon Akiba Baer, Isaak Seligmann und Moses Meyer, bevor man das Landesrabbinat dann wieder nach Bamberg zurückholte. Von Baer sind zwei in Sulzbach erschienene Drucke digital verfügbar: Sefer mahadura batra shel ʿavodat bore, Sulzbach 1707, und Sefer pi shenayim, Sulzbach 1702.


Um 1811/12 bestand die jüdische Gemeinde in Zeckendorf aus 140 Personen. Sie alle lebten in großer Armut und verdienten sich ihren kärglichen Lebensunterhalt als Hausierer. Gegen Mitte des 19. Jh. waren viele von ihnen im Viehhandel tätig. Die Regierung erlaubte der Gemeinde 1828 die Eröffnung einer eigenen jüdischen Religions- und hebräischen Sprachschule. Mit 166 Mitgliedern erreichte die Kultusgemeinde 1837 ihren Höchststand, reduzierte sich aber nach der Einführung der freien Wohnortswahl für Juden bis 1867 um die Hälfte. 1909 lebten noch acht jüdische Familien im Dorf. Um diese Zeit befanden sich die Israeliten laut einer Erhebung der politischen Gemeinde Zeckendorf in sehr guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Sie verfügten auch über eine Mikwe, die sich im Haus von Heinrich Hausmann befand.

 

1933 hatte Zeckendorf noch 22 jüdische Mitbürger. Dabei handelte es sich um rund neun Prozent der Ortsbevölkerung. Die Israeliten harrten in der Folgezeit trotz zunehmender Repressalien, Demütigungen und wirtschaftlicher Einschränkungen in ihrem Heimatort aus. Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde die Inneneinrichtung der Zeckendorfer Synagoge zerstört. Die jüdischen Männer kamen in Haft. Sie wurden in das KZ Dachau deportiert und erst Wochen und Monate später wieder frei gelassen. 1939 fielen das Synagogengebäude und der Friedhof in den Besitz der politischen Gemeinde. Noch im selben Jahr wurde das Gotteshaus abgerissen. 1940 war der jüdischen Friedhof das Ziel antisemitischer Ausschreitungen. 35 Grabsteine wurden umgeworfen; in der Folgezeit kamen weitere Grabmäler durch Diebstahl abhanden. Wenig später erwarb die Bayerische Bauernsiedlungsgesellschaft München acht jüdische Anwesen im Dorf weit unter ihrem Wert und überführte sie in „arisches“ Besitztum. Am 25. April 1942 hat man 17 jüdische Mitbürger aus Zeckendorf mit einem Lastwagen abgeholt, in das Vernichtungslager Izbica bei Lublin deportiert und dort ermordet.

Nach dem 2. Weltkrieg erhielt die Kibbuz-Verwaltung des Regionalkomitees Bamberg in Zeckendorf mehrere Häuser und eine landwirtschaftliche Fläche zur Verfügung, um hier einen Trainingskibbuz einzurichten. Auf dieser Farm, die „Njer Chaim“ ( „Licht des Lebens“) hieß, lebten von November 1946 bis September 1948 rund 60 bis 80 sog. Displaced Persons, die anschließend nach Israel auswanderten.

1991 hat man an der Staatsstraße zwischen Demmelsdorf und Zeckendorf einen Gedenkstein errichtet, der an die jüdische Gemeinden in den umliegenden Dörfern erinnert. Auf drei Metallplatten sind die Namen der 44 jüdischen Bewohner von Zeckendorf, Demmelsdorf und Scheßlitz genannt, die während die NS-Diktatur gewaltsam um ihr Leben kamen.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Literatur

  • Hager, Angela / Haas, Hans-Christof: Zeckendorf, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 221-227
  • Talabardon, Susanne: Auf schmalem Grat: Leben und Werk des Simon Akiba Baer (gest. 1724), In: Jüdisches Leben in der Region: Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im Süden des Alten Reiches. Schmölz-Häberlein, Michaela (Hg.), Baden-Baden 2018. S. 321-347
  • Michaela Schmölz-Häberlein: Jüdisches Leben in fränkischen Landgemeinden: Zeckendorf und Demmelsdorf im 17. und 18. Jahrhundert, In: Jüdisches Leben in der Region: Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im Süden des Alten Reiches. Schmölz-Häberlein, Michaela (Hg.), Baden-Baden 2018. S.267-320
  • Carsten Schliwski: Anmerkungen zum Sefer Naḥalat Shivʿah des Zeckendorfer Rabbiners Samuel ben David Moses Halevi – Versuch einer Einordnung.In: Jüdisches Leben in der Region: Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft im Süden des Alten Reiches. Schmölz-Häberlein, Michaela (Hg.), Baden-Baden 2018. S. 349-359
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken (gff digital, Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4), Nürnberg 2017