Gemäß der Forschungsarbeit von Israel Schwierz (*1943) existierte im 14. oder 15. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Außer dem sicheren Wissen um das Bestehen gibt es heute keinerlei feststellbaren Spuren mehr. Mit dem 1861 neu gewonnenen Recht auf Freizügigkeit lebten bis in die 1930er Jahre immer nur vereinzelt jüdische Personen in Mühldorf, sodass kein Gemeindeleben entstehen konnte. An die Gräuel der NS-Diktatur erinnert auf dem kommunalen Friedhof ein KZ-Friedhof und Gedenkstätte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs richtete die US-Militärverwaltung ein "Camp" für jüdische DPs (Displaced Persons) aus den befreiten Lagern im östlichen Europa ein. Im Mai 1946 lebten dort 154 Personen. Im nahe gelegenen Aschau a.Inn wurde dazu ein "Children's Camp", ein Kinderlager für elternlose Minderjährige eingerichtet.
Gegen Kriegsende legte die NS-Diktatur im Dickicht des Mühldorfer Harts – einem Waldstück zwischen Waldkraiburg, Ampfing und Mühldorf – unter dem Decknamen "Weingut I" ein neues Außenlager des Konzentrationslagers Dachau an: Im Zeitraum August 1944 bis Mai 1945 wurden dort mehr als 8000 Häftlinge zur unmenschlichen Arbeit gezwungen. Über 4000 Menschen haben diese Arbeiten nicht überlebt: Wer am Rüstungsbunker arbeitete, hatte eine Lebenserwartung von unter zwei Monaten.
Die Zwangsarbeiter wurden oft aus dem KZ Auschwitz und dem Warschauer Ghetto über Dachau in den Mühldorfer Hart verlegt. Ein Großteil stammte aus Ungarn, kleinere Gruppen auch aus Polen, Litauen, Italien, Frankreich und Griechenland. Das Ziel der deutschen Militärführung war der Bau eines 400 Meter langen halbunterirdischen Bunkers zur Produktion von Kampfflugzeugen. An das gigantische Bauvorhaben erinnert heute noch ein einzelner Bunkerbogen aus Beton. Er liegt noch auf dem Kiesberg auf, über dem er gegossen worden war, und konnte deshalb von der US-Armee nach der Befreiung des Lagers am 28. April 1945 nicht gesprengt werden. Er gibt der heutigen Gedenkstätte ihren Namen: Das Gelände umfasst rund 17 Hektar und gehörte bislang privaten Eigentümern. Zur Realisierung der Gedenkstätte musste die Fläche zunächst in Eigentum des Freistaates Bayern überführt werden. Seit 2018 erinnern zwei Installationen an das Gefangenenlager ("Waldlager") sowie an ein aufgelassenes Massengrab, in dem rund 2000 ermordete Zwangsarbeiter verscharrt worden waren. Die US-Armee veranlasste umgehend die Exhumierung der Toten durch ehemalige NSDAP-Angehörige und ordnete eine würdevolle Bestattung auf Ehrenfriedhöfen an, bei denen die lokale Bevölkerung teilzunehmen hatte: In Mühldorf am Inn, Burghausen, Kraiburg am Inn sowie Neumarkt-St. Veit. Im Geschichtszentrum Museum Mühldorf a. Inn (Haberkasten, Fragnergasse 3) wurde 2015 die Dauerausstellung "Alltag, Rüstung, Vernichtung – Der Landkreis Mühldorf im Nationalsozialismus" eröffnet.
Der Bunkerbogen wird zurzeit als dritter NS-Gedenkort im Mühldorfer Hart aufwendig ausgestalltet. Die Fertigstellung ist für Herbst 2027 geplant. Schon jetzt ist der öffentlich nicht zugängliche Bunkerbogen; aber schon jetzt den Schauplatz jährlicher Gedenkveranstaltungen. Der Verein Für das Erinnern. KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart e.V. organisiert in Zusammenarbeit mit dem Geschichtszentrum Museum Mühldorf am Inn ein breit gefächertes Angebot mit Tagungen, Lesungen und Vorträge, geführten Radtouren und Zeitzeugeninterviews, übernimmt durch Freiwilligenarbeit auch die Pflege der Gedenkstätte. Im Geschichtszentrum Museum Mühldorf a. Inn widmet sich die Dauerausstellung "Alltag, Rüstung, Vernichtung – Der Landkreis Mühldorf im Nationalsozialismus"
(Patrick Charell)
© Stiftung Bayerische Gedenkstätten / Fotos: Heiner Heine, Burgkirchen, Rainer Viertlböck, Gauting / Gestaltung: engelhardt, atelier für gestaltung, Mühldorf
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 25.
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S.
Weiterführende Links
- "Für das Erinnern". KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart e.V.
- Totenbuch der verstorbenen Häftlinge ("Für das Erinnern". KZ-Gedenkstätte Mühldorfer Hart e.V.)
- Der Landkreis Mühldorf im Nationalsozialismus (Geschichtszentrum Museum Mühldorf)
- Bodenordnung für die KZ-Gedenkstätte am „Bunkergelände im Mühldorfer Hart“ (Amt für ländliche Entwicklung Oberbayern)
