In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhundert nennen die archivalischen Quellen zwei Schutzjuden des Würzburger Juliusspitals, die in Mittelsinn wohnten. 1740 werden im Ort drei jüdische Haushaltsvorstände unter dem Schutz des Juliusspitals, fünf unter dem Schutz der Landgrafschaft Hessen-Kassel und ein Schutzjude des Würzburger Hochstifts, also insgesamt neun jüdische Familien erwähnt. Seit 1744 gab es laut Grundbuch ein Mikwe im Ort. Auch eine Synagoge dürfte den jüdischen Einwohnern schon in der Barockzeit im Dorf zur Verfügung gestanden haben.
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 erhielt Mittelsinn insgesamt 19 Matrikelstellen. Bis 1843 erhöhte sich diese Anzahl noch um fünf Familien, so dass die jüdische Einwohnerschaft 1843 rund 180 Personen in 24 Haushalten umfasste. Bis 1863 stand Mittelsinn unter der gemeinsamen Herrschaft von Hessen-Kassel und dem Bayerischen Königreich. Daher bildeten auch die Juden hier zwei formal getrennte Gemeinden. Sie mussten sich in allen wichtigen Fragen abstimmen und dabei die oft unterschiedlichen Rechts- und Verwaltungssysteme der beiden Staaten berücksichtigen. Auch in der Judenpolitik hatte jeder Staat seine eigene Gesetzgebung, was gelegentlich langwierige Abstimmungen nach sich zog. Neben der Synagoge wurde jedoch auch die Mikwe im Ort gemeinschaftlich genutzt. Da die jüdischen Ritualbäder gemäß einer neuen Hygienegesetzgebung saniert werden sollten, beschlossen die Vertreter beider Kultusgemeinden im Jahr 1831, gemeinsam eine neue Mikwe zu errichten. Die Auseinandersetzungen über die Art der Ausführung und die Finanzierung zogen sich jahrelang hin; ob das Projekt letztlich realisiert wurde, ist in den Akten nicht dokumentiert. Erst für 1865 ist der Neubau einer Mikwe am Auerbach eindeutig nachgewiesen.
Nach der Aufhebung des Matrikelzwanges im Jahr 1861 ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und Abwanderung langsam zurück.
1868 erwarb die Kultusgemeinde das ehemalige kurhessische Forstamtsgebäude in der Judengasse im Süden des Orts (alte Haus-Nr. 30, heute Fellenbergstr. 12 u. 14) und ließ es zu einem Gemeindehaus mit Synagoge, Unterrichtsraum und Lehrerwohnung umbauen. 1870 wurde darin eine Israelitische Elementarschule eröffnet (1896 durch Anbau erweitert). Zum Unterricht der Kinder und zur Erfüllung aller religiöser Belange stellte die Kultusgemeinde einen Lehrer an, der teilweise zugleich als Vorbeter und Schächter arbeitete. Die IKG Mittelsinn gehörte zum Distriktsrabbinat Aschaffenburg, die Toten erhielten im jüdischen Friedhof in Altengronau (Hessen) ihre letzte Ruhestätte.
Das Protokollbuch der IKG Mittelsinn wird in den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem (CAHJP) aufbewahrt und liefert wertvolle Informationen über die Ereignisse im Dorf zwischen 1884 und 1937. Gleichzeitig stellt es eine seltene Quelle für das damals in Franken gesprochene Westjiddische dar, das hier in lateinischen Buchstaben notiert ist, wodurch auch die Vokallaute wiedergegeben sind.
Um die Jahrhundertwende lebten noch zirka 150 Jüdinnen und Juden in Mittelsinn. In der Folgezeit setzte sich der Schwund am Bevölkerungsanteil der Israeliten fort. Dazu verschärfte die zunehmende Verarmung der Kultusgemeinde die Lage. Anfallende Reparaturen an den Gemeindeeinrichtungen konnten nur noch durch Spenden und staatliche Fördermittel, die für leistungsschwache jüdische Gemeinden bestimmt waren, durchgeführt werden. Die Anzahl der Werktagsschüler sank von 28 (1904) auf 15 (1910). 1921 waren es nur noch acht Jugendliche. Daher musste die jüdische Konfessionsschule 1924 wegen Schülermangels schließen.
Im Jahr der NS-Machtübernahme 1933 lebten noch 105 Jüdinnen und Juden in Mittelsinn. Trotz der zunehmenden Feindseligkeiten und des wirtschaftlichen Boykotts verließen bis Anfang 1938 nur relativ wenige von ihnen das Dorf. Jüdische Mittelsinner wurden in den ersten Jahren der NS-Herrschaft mehrfach durch Steinwürfe verletzt. Eine Frau wurde von einem Schotterstein so schwer getroffen, dass sie nach langem Koma starb! Der ab 1936 im Dorf tätige Lehrer Müller übte mit den Kindern im Unterricht ein antisemitisches Lied ein und zog dann mit seinen Klassen vor die jüdischen Anwesen, um dort zu singen. Im Zusammenhang mit der Annexion Österreichs im März 1938 wurden in Mittelsinn die Fenster der Synagoge, sowie der jüdischen Geschäfte und Wohnungen eingeschlagen. Am 10. November 1938 stürmten einheimische SA-Leute alle jüdische Immobilien. Am Nachmittag und Abend desselben Tages bekamen sie Verstärkung von Parteimitgliedern aus dem Raum Brückenau. Die Horden fielen anschließend gemeinsam in die jüdischen Geschäfte, Häuser und Wohnungen ein, stahlen Wertgegenstände, schlugen alles andere kaputt und verbrannten Waren, Möbel und Haushaltsutensilien. Auch viele christliche Einwohner bereicherten sich bei dieser Gelegenheit schamlos. Bald nach diesen schrecklichen Ereignissen verließ die Mehrheit der jüdischen Einwohner den Ort. Ein Teil konnte auswandern, die meisten verzogen jedoch in Großstädte innerhalb von Deutschland. Im Dezember 1938 wohnten nur mehr 27 Jüdinnen und Juden im Dorf. Bereits im April 1939 gab es keine Israeliten mehr in Mittelsinn. Das letzte öffentliche Zeugnis der Kultusgemeinde Mittelsinn stellte eine Bekanntmachung des Vorstands zur Gottesdienstordnung im Jahr 1937 dar. 1940 erwarben Privatleute das demolierte jüdische Gemeindehaus von dem unter Zwangsverwaltung stehenden Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden.
68 der in Mittelsinn geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Mitbürger mussten im Holocaust ihr Leben lassen; dies bezeugen die Verzeichnisse von Yad Vashem in Jerusalem und das "Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" des Bundeszentralarchivs.
1950 verhängte das Landgericht Würzburg gegen fünf der neun Täter, die am Mittelsinner Novemberpogrom beteiligt waren, Gefängnisstrafen zwischen neun und fünfzehn Monaten. Gegen drei Männer wurde das Verfahren eingestellt; einer erhielt einen Freispruch. Auf Revision der Verteidigung hat man 1951 das Verfahren gegen weitere drei der in erster Instanz Verurteilten aufgehoben.
Das einstige jüdische Gemeindehaus war nach dem 2. Weltkrieg größtenteils so beschädigt und verfallen, dass es nicht mehr genutzt werden konnte; nur der Schulflügel war noch bewohnbar. 1949 stellte der Baufachmann der JRSO fest, dass die Synagoge unbrauchbar sei. Das Anwesen wurde 1959 abgerissen. An seiner Stelle entstand ein Wohnhaus. Der ganze Komplex wurde dabei völlig neu gestaltet. Eine Gedenktafel auf der anderen Straßenseite erinnert heute an den ehemaligen israelitischen Sakralbau und die jüdischen Bürger von Mittelsinn. Das Ritualbad (Brunnenstraße 8) ist in seiner Bausubstanz noch erhalten. 2010 errichtete die Gemeinde ein Ehren- und Mahnmal für die Opfer des 2. Weltkriegs. Die Kommune Mittelsinn beteiligte sich an der Initiative DenkOrt Deportationen und stellte als Mahnmal die Skulptur eines Koffers auf, der an die deportierten Opfer der Shoah erinnert. Ein Gegenstück erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz. In einer Kooperation mit den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem werden von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns nach und nach die erhaltenen jüdischen Gemeindearchive – darunter das Gemeindearchiv aus Mittelsinn – digitalisiert, um sie erstmals und vollständig online zugänglich zu machen.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Mittelsinn. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 277-293.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 214.
