Jüdisches Leben
in Bayern

Miltenberg Gemeinde

Bereits Erzbischof Werner von Eppstein (Amtszeit 1259‒1284) sorgte für die Ansiedlung von Schutzjuden unterhalb der Festung, die das Erzstift Mainz zum Schutz von Miltenberg errichtet ließ. Die Juden förderten mit ihren Aktivitäten und Beziehungen den Handel in der Stadt, die eine strategisch wichtige Lage am Mainknie einnahm. Außerdem finanzierten sie als Kreditgeber die politischen Maßnahmen der Erzbischöfe. 1392 wird in den Quellen ein Mosse von Miltenberg als Geldverleiher genannt. Für die kleine jüdische Gemeinde entstand um diese Zeit eine steinerne Synagoge in gotischer Formensprache. Die Miltenberger Gemeinde blieb vom Rintfleischpogrom im Jahr 1298 verschont und hatte auch während der „Armleder-Erhebung“ 1336/37 keine Opfer zu beklagen. Doch diese Sicherheit bezahlten die Israeliten mit einem großen finanziellen Schaden, da sie im Gegenzug alle Geldforderungen an ihre christlichen Schuldner streichen mussten. Das Pogrom in den Jahren 1348/49 führte dann zur Auslöschung der jüdischen Gemeinde. Einige Überlebende dieser Verfolgung fanden in Frankfurt Unterschlupf, wo sie es zu neuem Wohlstand brachten. Der jüdische Besitz in der Stadt wurde vom Erzbistum Mainz beschlagnahmt. 

Spätestens 30 Jahre nach diesen Vorfällen lebten wieder jüdische Familien in Miltenberg. Die Steuer-, Zoll- und Schutzprivilegien von Erzbischof Adolf I. aus dem Jahr 1378 bezogen die Juden im Ort wieder ausdrücklich mit ein und erlaubte ihnen eine eigene Gerichtsbarkeit. In juristischen Auseinandersetzungen waren sie dem erzbischöflichen Judenhochmeister Isaak von Weida in Dieburg unterstellt. 1383 sind neben einem „Joselin“, der ein immens hohes Schutzgeld zu bezahlen hatte und dafür Pfandleihschäfte durchführen durfte, weitere jüdische Einwohner in der Stadt nachweisbar. Einige Mitglieder der Miltenberger Judenschaft lehnten sich 1429 gegen eine außerordentliche Sondersteuer auf, die vom Reich verhängt wurde. Daraufhin wurde über sie die Acht verhängt. Erzbischof Conrad III. (Amtszeit 1419‒1434) griff hart durch. Er ließ die Protestierenden einsperren, ihren Besitz, die Synagoge und alle Einrichtungen der Kultusgemeinde beschlagnahmen. In der Folgezeit erhielten immer wieder einzelne jüdische Familien Schutz- und Aufenthaltsbriefe für Miltenberg, doch das Gemeindeleben war weitgehend erloschen. 1461 verschenkte der Mainzer Erzbischof das gesamte Grundstück mit der Synagoge an den Priester der Miltenberger Mutter-Gottes-Kapelle. 

Auch in der ersten Hälfte des 16. Jh. gab es einzelne jüdische Haushalte in der Stadt. Für die Jahre 1541/43 sind zwei Schutzjuden verzeichnet. Laut Stadtrechnungen aus den Jahren 1542 bis 1547 existierte in Miltenberg ein „Judenkirchhoff“, auf dem neben den einheimischen Israeliten auch die Bürgstädter Juden ihre Toten zur letzten Ruhe betteten.

Die nächsten Nachrichten über jüdisches Leben in der Stadt stammen aus dem 17. Jh.. Während des Dreißigjährigen Krieges flohen immer wieder Juden aus den umliegenden Orten nach Miltenberg, um hier in größerer Sicherheit leben zu können. Dafür mussten sie Schutzgelder entrichten. Nach den Kriegsjahren strebte die Judenschaft im Erzstift Mainz mit Erlaubnis der Regierung eine gemeinsame Organisation an, die sich in Ober- und Unterstift aufteilte. Auf den ab 1661 bis 1803 abgehaltenen Landtagen wurden wichtige Fragen zu innerjüdischen Angelegenheiten und zum Verhältnis mit der Obrigkeit behandelt. Fast die Hälfte dieser Landtage des Oberstifts fanden in Miltenberg statt. 1730 wurde in der Stadt ein Synagogen- und Leichenplatzverein gegründet. Die Unterzeichner der Urkunde erkannten zugleich den Rabbiner Salomon aus Walldürn als Weisungsbefugten an. 1755 hat man die alte Synagoge aus dem Eigentum eines Privatmanns zurückgekauft, um sie wieder für gemeinsame Gottesdienste zu nutzen. Bis zum Ende des 18. Jh. wuchs die Kultusgemeinde stark an; 1794 verzeichnete man 31 jüdische Haushalte.

1816 umfasste die jüdische Gemeinde Miltenberg 85 Personen. Zu dieser Gemeinde gehörten auch die Dörfer Umpfenbach und Eichenbühl, wo das Judenedikt von 1813 drei Matrikelstellen vorsah. Die ersten Familienväter arbeiteten als "Handelsjuden" im Viehhandel, die Arbeit als Kaufmann und Händler überwog auch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Längerfristig etablierten sich die Familien Thalheimer (manchmal auch Dhalheimer) und Goldschmitt in Eichenbühl. Am 22. Juli 1845 heiratete der Webermeister und Tuchhändler Maier Löb Thalheimer (1804-1860) eine Ricka Rifka Weis aus Fuchsstadt (Daten unbekannt), Tochter des Abraham Weis. Sie bekamen sieben Kinder, Fanni (1846), Marias Anna (1848), Israel (1850), Heva (1851), Esther (1854), Abraham (1857 - er lebte nur 17 Tage) und Maier Löb (1860). Diese verhältnismäßig große Kinderschar war der Grund, warum der Religionslehrer und Vorsänger Ephraim Wolf laut des Kreis-Amtsblatts vom 22. Februar 1867 auf eine "kombinierte israelitischen Schulgemeinde Miltenberg - Eichenbühl" wechselte: Drei Familien konnten keinen eigenen Schulraum finanzieren, daher kam der Lehrer aus Miltenberg wohl in regelmäßigen Abständen nach Eichenbühl und unterrichtete die schulpflichtigen Kinder in einem Privathaus. Zum Gottesdienst gingen die Eichenbühler Juden jedoch immer nach Miltenberg, auch ihre letzte Ruhe fanden sie in dem dortigen israelitischen Friedhof. Im bayerischen Gemeinde Verzeichnis von 1910 lebten keine Juden mehr in Eichenbühl. Sie hatten um die Jahrhundertwende das Dorf verlassen und keinerlei bleibende Spuren hinterlassen.

In der ersten Hälfte des 19. Jh. stand zur allgemeinen Nutzung die mittelalterliche Synagoge zur Verfügung, sowie eine Mikwe, die sich im Keller des Fachwerkhauses Nr. 399 (heute: Löwengasse 1) befand. Da der von den Behörden für das Ritualbad geforderte Heizkessel, den man 1829 einbauen ließ, immer wieder seinen Dienst versagte, wurde die Mikwe zeitweilig geschlossen und die Mitglieder mussten zur rituellen Reinigung in die Anlage nach Kleinheubach ausweichen. Nach mehreren vergeblichen Sanierungsversuchen, die auch am Widerstand der Hauseigentümer scheiterten, erwarb die Kultusgemeinde das Haus im Jahr 1881 und ließ es 1888 sanieren. Diese Mikwe tat dann bis zur Eröffnung des neuen Ritualbades in der 1904 eingeweihten neuen Synagoge ihren Dienst.

1862 stellte die jüdische Gemeinde Miltenberg eine „Kultus-Gemeinde-Ordnung“ auf, in der die Rechte und Pflichten der Gemeindemitglieder, der Vorstand der Gemeinschaft und die geltenden Regeln für die Synagoge festgelegt wurden. Der angehende Rabbiner Abraham Hirsch aus Poppenlauer gründete 1864 in Miltenberg eine „Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Knaben“. Im Folgejahr wurde sie bereits 30 Schüler zwischen neun und fünfzehn Jahren besucht. Das Institut erhielt die Zulassung als Vorbereitungsschule für die Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg, zog aber bereits 1866 nach Mainstockheim um. 1890 wurde in Miltenberg ein Israelitischer Frauenverein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Juden ins Leben gerufen. Ende des 19. Jh. war der alte Friedhof am Burgweg zu klein geworden. Außerdem plante die Stadt eine Verbreiterung der dortigen Straße, für die man einen Teil des Geländes beanspruchte. Die am Rande des Areals gelegenen Gräber sollten deshalb überwölbt werden. Als Ersatz kaufte die Kultusgemeinde eine Acker am Klausrain und legte dort einen neuen Friedhof an.

Nachdem der 1889 gegründete „Israelitische Synagogen- und Schulhaus-Bau-Verein“ genügend finanziellen Mittel gesammelt hatte, konnte ab 1903 am Mainufer eine sehr repräsentative neue Synagoge mit Gemeindehaus erbaut werden. Die Kultusgemeinde war bis zur Jahrhundertwende auf rund 120 Mitglieder angewachsen und benötigte daher dringend dieses größere Raumangebot. Auch 1925 gehörten zur Gemeinde noch 100 Mitglieder. Der Miltenberger Religionslehrer, Vorsänger und Schächter Abraham Heß unterrichtete seit 1922 auch Kinder aus umliegenden Orten, die keinen eigenen Lehrer mehr finanzieren konnten. Mit den Kultusgemeinden von Kleinheubach, Fechenbach und dem in Baden liegenden Freudenberg schloss die Gemeinde deshalb Verträge zur gemeinsamen Bezahlung des Lehrergehalts ab. 1923 änderte die Miltenberger Judenschaft ihre Gemeindestatuten und räumte fortan den Frauen sowohl ein aktives als auch ein passives Wahlrecht ein. Als einzige Kultusgemeinde des Aschaffenburger Rabbinats, die diese Neuerungen einführte, geriet sie dadurch in einen langjährigen Streit mit dem amtierenden Rabbiner. 1932 einigte man sich schließlich darauf, den Frauen nur das aktive Wahlrecht zuzugestehen. 

Während des NS-Regimes waren die jüdischen Miltenberger zunehmend den Diskriminierungen und Repressalien der Machthaber ausgeliefert. Während 1933 noch 104 Jüdinnen und Juden in der Stadt gemeldet waren, lebten am 1. April 1938 nur noch 63, am 1. April 1939 nur mehr 37 Israeliten im Ort. Die meisten wanderten in die Großstädte oder ins Ausland ab. Während des Novemberpogroms 1938 rotteten sich am Vorabend des 10. Novembers SA-Leute zusammen und zogen durch die Straßen, um die Fenster in den jüdischen Häusern einzuwerfen. Am nächsten Vormittag schändeten vom Lehrer aufgehetzte Kinder und Jugendliche die Synagoge mit ihren Ritualien und zertrümmerten die gesamte Inneneinrichtung. Am Abend fiel ein Mob aus Einheimischen und Parteimitgliedern über die jüdischen Geschäfte, Häuser und Wohnungen her, demolierte alles und zerstörte Waren- und Lebensmittelvorräte. Viele jüdische Mitbürger wurden in das Amtsgerichtsgefängnis eingesperrt; einige hat man schwer misshandelt oder in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Wer danach nicht mehr ins Ausland fliehen konnte, war den Grausamkeiten der Nationalsozialisten hilflos ausgeliefert. Von den letzten elf jüdischen Miltenbergern wurden acht am 23. April 1942 über Würzburg nach Lubin deportiert und dort ermordet.

1951 führte das Landgericht Aschaffenburg die Hauptverhandlung gegen 10 Beschuldigte durch, denen man die Beteiligung am Novemberpogrom in Miltenberg zur Last legte. Zwei Männer wurden wegen schwerem Landfriedensbruch zu Haftstrafen von je einem Jahr verurteilt, einer zu acht Monaten Gefängnis. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen oder sie profitierten von der 1949 ausgesprochenen Amnestie.

In Miltenberg sind heute noch drei als einstige Synagogen genutzte Gebäude aus drei Epochen nachweisbar. Eine besondere Rarität stellt der kunst- und kulturhistorisch äußerst wertvolle jüdische Sakralbau dar, der an der Wende zum 14. Jh. entstand und ein original gotisches Rippengewölbe aufweist. Vom jüdischen Leben in der Stadt zeugen heute noch die erhaltene Mikwe und die beiden jüdischen Friedhöfe aus dem 16. und 19. Jahrhundert.


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Töllner, Axel / Berger-Dittscheid, Cornelia: Miltenberg, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 444-471