Jüdisches Leben
in Bayern

Markt Berolzheim Gemeinde

Unter dem Schutz der Marschälle von Pappenheim, die 1573 den meisten Grund mitsamt den beiden Schlössern im Ort erworben hatten, lebten Ende des 16. Jahrhunderts die ersten Juden in Berolzheim. Wahrscheinlich wurden sie von ihren Schutzherren zur Ansiedelung auf den neu erworbenen Gütern ermuntert. Im 17. Jahrhundert hat sich hier offensichtlich eine kleine jüdische Gemeinschaft etabliert, denn in einer Zehntbeschreibung aus dem Jahr 1620/21 erscheinen mehrere Juden als Besitzer von Äckern. Einer von ihnen war, einem Judenverzeichnis von 1631 zufolge, als Schutzgeldeintreiber im Auftrag des „Kleinen Rates“ der Ansbacher Landjudenschaft tätig. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, der den gesamten Fränkischen Reichskreis verheerte, erlosch diese erste Gemeinde.

Erst für die Jahre nach 1649 sind wieder mehrere Juden nachweisbar. 1667 änderten sich die Herrschaftsverhältnisse im Ort: Der Ansbacher Markgraf Johann Friedrich (reg. 1667-1686) kaufte die baufälligen Berolzheimer Schlösser und die dazugehörigen Besitzungen. Im 18. Jahrhundert lag der Schwerpunkt jüdischen Lebens im Ortsteil „In der Hölle“. Darüber hinaus lebten einige auch in anderen Wohnvierteln mit der christlichen Bevölkerung zusammen. Von jüdischen Wohnhäusern, die nach 1783 entstanden, haben sich das Haus Hafnermarkt 3 (später Forsthaus), Lange Straße 2 und Markplatz 4 erhalten. 1689 erging ein fürstlicher Befehl, der den Berolzheimer Juden den Erwerb weiterer Grundstücke und den Handel an Sonntagen verbot. Erstgenanntes Verbot scheint allerdings nur bedingt befolgt worden zu sein, denn über das ganze 18. Jahrhundert hindurch zog sich „wie ein roter Faden“ der Kampf der Berolzheimer Ortspfarrer gegen den Verkauf von Häusern an Juden - dies vor allem, weil durch das Wachstum der jüdischen Gemeinde die Einnahmen der Kirche schrumpften.  Im Jahr 1714 lebten 18 steuerpflichtige jüdische Familienoberhäupter in Berolzheim, die dem Distriktsrabbinat Altmühl angehörten und von Gunzenhausen aus betreut wurden. Vor Ort kümmerte sich ein Vorsänger, Schächter und Religionslehrer in Personalunion um die dringlichsten religiösen Aufgaben. Ihre Toten begrub die Berolzheimer Kultusgemeinde zunächst auf den jüdischen Friedhof in Pappenheim, ab 1733 in Treuchtlingen. Einige Gemeindemitglieder engagierten sich in der Begräbnis- und in der Wohltätigkeitsbruderschaft. 1791 überschrieb Markgraf Karl Alexander dem König von Preußen seine fränkischen Besitztümer; auch Berolzheim stand nun bis 1806 unter preußischer Herrschaft und kam dann an das Königreich Bayern. Anfang des 19. Jahrhunderts machte die jüdische Gemeinschaft noch rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung des Dorfes aus. Viele ernährten sich durch Pferde- und Viehhandel, hauptsächlich aber vom Schnittwarenhandel. Nach 1820 arbeiteten einige Berolzheimer Juden auch in Handwerksberufen (Weber, Seifensieder, Metzger und Glaser). 

Durch die Einschränkungen des Judeneditks von 1813, die in Berolzheim die Hausstellen auf 31 begrenzte, und wegen der allgemeinen Ab- wie Auswanderungswelle schrumpfte die Gemeinde kontinuierlich. 1910 waren mit 67 Personen nur noch 6,6 Prozent der Bevölkerung jüdisch. Trotzdem blieb die Kultusgemeinde lebendig, am 3. Mai 1912 erteilte die Regierung von Mittelfranken ihre Genehmigung für die „Umwandlung der in Berolzheim bestehenden israelitischen Religionslehrerstelle in eine israelitische Elementarschule und die Besetzung […] mit einem vorschriftsmäßig gebildeten und geprüften inländischen Lehrer“. Diese Schule, die mit Wirkung vom 1. Januar 1913 ihren ersten Lehrer bekam, existierte bis 1924. Danach hielt Lehrer Ludwig Stein, der anscheinend auch als Vorsänger tätig war, bis 1937 den Religionsunterricht aufrecht. In der Erinnerung der Zeitzeugin Karolina Robl war in den 1920er und zu Beginn der 1930er Jahren das Verhältnis von Juden und Christen im kleinen Markt gut: „Die Juden sind bei uns mit auf den Ball gegangen, wenn eine Veranstaltung war, sogar die Christenbuben haben Judenmädel abgeholt zum Tanzen, die waren integriert im Dorfleben“.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterte sich das Leben der jüdischen Bevölkerung: Gängelung und Repressalien, Berufs- und Zutrittsverbote machten den Alltag zunehmen unerträglich. Beispielsweise war untersagten eigene Satzungen in Heidenheim und Markt Berolzheim den weiteren Zuzug von Juden, die auch keinen weitere Grund- und Hausbesitz erwerben konnten. Bis 1938 zogen 23 Juden aus Berolzheim weg, ein Großteil von ihnen in die USA.                             

 In den frühen Morgenstunden des 9. November 1938, zwischen vier und sechs Uhr früh, steckten SA-Leute die Synagoge in Brand. Gleichzeitig wurden die verbliebenen jüdischen Häuser gestürmt und demoliert. Als Initiator des Berolzheimer Novemberpogroms nennen die späteren Ermittlungsakten den hohen NSDAP-Funktionär Johann Appler (1892-1978) aus Gunzenhausen. Karolina Reibl erinnerte sich: „Auf dem Marktplatz, rechterhand, war der [Emanuel] Engel drin, und einer hat erzählt: ‚Wie wir zum Engel rein sind, war kein Mensch da. Jetzt haben wir überall geschaut, im ganzen Haus, und die waren oben im Taubenschlag gesessen, weil sie sich so gefürchtet haben“. […] Und dann haben sie zu ihm gesagt: ‚Tun Sie uns nichts, wir haben Ihnen doch auch nichts getan‘. Getan haben sie ihnen nichts, aber die ganze Einrichtung haben sie zusammengeschlagen“.

Bis zum 8. Dezember verließen die letzten Juden Markt Berolzheim. 37 der im Ort geborenen oder ansässigen Jüdinnen und Juden starben in der NS-Diktatur.

Am 60sten Jahrestag des Novemberpogroms wurde auf dem einstigen Standort der Synagoge eine symbolische Mikwe errichtet, deren Wasser aus einem Davidstern fließt. 


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hager, Angela / Berger-Dittscheid, Cornelia: Markt Berolzheim, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 416-421
  • Weinberg, Magnus, Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, 2 Bde., Frankfurt/Main 1937 u. 1938, hier S. 215 f.