Jüdisches Leben
in Bayern

Lebenhan Gemeinde

Lebenhan (Ortsteil Bad Neustadt an der Saale) unterstand seit dem 17. Jahrhundert der Ortsgerichtsbarkeit der Freiherren von Gebsattel. Die am 25. Juli 1817 erstellte Matrikelliste ist der erste Hinweis auf jüdisches Leben. Die Matrikel erfassen neun Familien: Es handelte sich um Samuel Hayum Groß (Hausier- und Ellenwarenhandel), Abraham Gumpel Stein (Ellenwarenhandel). Low (Löw?) Joseph Treumann (Viehhändler und Ellenwarenhandel), Jonas Heinemann Rosenthal (Porzellanwarenhandel), Seligmann Loser Klein (Melamed), Abraham Hayum Weis (Seifen- und Ellenwarenhandel), Joseph Israel Guthmann (Ellenwarenhandel) und Emanuel Joseph Rothschild (Ellenwarenhandel). Die Witwe Sara Bamberger lebte mit ihrem Kind von einer privaten Rente.

Die jüdische Gemeinde umfasste nach den Angaben bei Alemannia Judaica 1814/1815 36 Personen und 1840 46 Personen. Da 1817 mit Seligmann Klein ein Kinderlehrer und Vorsinger genannt wurde, war die Gemeinde also zahlenmäßig so groß, dass sie einen Lehrer für ihre Kinder vor Ort unterhalten konnte. Diese übernahm dann auch im Betsaal bzw. der Synagoge das Amt des Vorsängers. Die Gemeinde bestattete ihre Toten ursprünglich auf dem jüdischen Friedhof in Kleinbardorf.

Im Allgemeinen Polizei-Anzeiger 1848 wurde kurz die Biografie Moses Bamberger aus Lebenhan referiert. Er war Schlachtergeselle und vielleicht ein Sohn von Sara Bamberger. Moses Bamberger hatte in den 1830er Jahren im Königreich Preußen gearbeitet, war offensichtlich straffällig geworden und wurde nach Verbüßung einer Strafe 1836 aus der Strafanstalt Naugardt in Pommern entlassen. Er kehrte nach Neustadt/Saale zurück und sollte seinen Militärdienst ableisten. Aufgrund seiner "Vergangenheit" erklärten ihn den Behörden "für den Militärdienst für unwürdig". Wahrscheinlich ist Moses Bamberger danach nach Nordamerika ausgewandert.

Es ist anzunehmen, dass bis in die 1850er Jahre die Zahl der in Lebenhan wohnenden jüdischen Einwohner stark abnahm. Ob der "Israelite Gerson Guttmann" aus Lebenhan, der laut einer Zeitungsmeldung im August 1855 bei Burgwallbach an einem Schlaganfall gestorben war, noch in Lebenhan wohnte, ist nicht bekannt. Er könnte aus der Familie des Matrakelstelleninhabers Joseph Israel Guthmann stammen. Das Auswanderung auch zum Rückgang der Zahl der Gemeindemitglieder beitrug, zeigt das Beispiel von Marianne Bamberger. Im Januar 1857 erschien in der Neuen Münchener Zeitung der amtlich Hinweis, dass die "ledige Israelitin Marianne Bamberger aus Lebenhan" nach Noramerika auswandern wolle. Ihre Familienverhältnisse zu den schon genannten Bamberger sind nicht bekannt. Eine letzten in Lebenhan wohnhaften Jüdinnen dürfte Berla Stern, die Witwe von Abraham Stern, gewesen sein. Die 1787 Geborene erscheint noch 1861 in einer Aufstellung der in Unterfranken zugelassenen Hausierberechtigten. Demzufolge hatte sie die Erlaubnis, mit Ellenwaren in den Bezirken Bischofsheim, Mellrichstadt und Neustadt/Saale hausierhandel zu betreiben. 1840 lebten 50 Juden im Ort, der insgesamt 420 Seelen in 92 Häusern zählte.

Obwohl die Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern von 1868 für Lebenhan noch 28 jüdische Einwohner angibt, handelt es sich hier um die ungeprüfte Wiedergabe von älteren Zahlen. Bereits das "Verzeichniß der Gemeinden des Königreichs Bayern nach dem Stande der Bevölkerung im Dezember 1867" führte für Lebenhan keinen jüdischen Bewohner mehr an und auch nach den Angaben der Volkszählung von 1875 lebten keine Einwohner jüdischen Glaubens mehr in Lebenhan.

Bevölkerung 1840

Literatur

  • Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikel von 1817. Würzburg 2008 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 13), S. 203 u. 219.
  • Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 93.
  • Max Siebert: Das Königreich Bayern topographisch-statistisch in lexicographischer und tabellarischer Form dargestellt. München 1840, S. 54.