Bei Untersuchungen im sogenannten Burggut (Waaggasse 5‒9) in Kulmbach stieß man 2003 auf einen Gewölbekeller mit Schacht, der aus der Zeit um 1300 stammt. Bei ihm könnte es sich um die Reste eines mittelalterlichen jüdischen Viertels mit Mikwe handeln. Den ersten schriftliche Nachweis über das Vorhandensein von Juden im Ort lieferte jedoch erst der Nürnberger Burggraf Friedrich V. (reg. 1357-1398), der den Juden in Kulmbach, Hof und Bayreuth im Jahr 1373 einen Schutzbrief auf vier Jahre ausstellte und gleichzeitig einen Steuererlass sowie weitere Privilegien zusicherte. Für die Kulmbacher Juden war der Bayreuth Rabbiner zuständig, den der Burggraf bereits ein Jahr zuvor in sein Amt eingesetzt und bestätigt hatte.
Man darf davon ausgehen, dass es um 1400 fünf bis zehn jüdische Familien in Kulmbach gab. Sie wohnten in dem Gebiet zwischen dem heutigen Rathaus, Marktplatz 1, und der Stadtmauer zwischen Schalen- und Fronfestenturm. Die Judengasse (heute Waaggasse) wird 1408 erstmals erwähnt. Aus den folgenden Jahrhunderten existieren nur wenige Quellen, die über die Existenz von Juden in der Stadt Aufschluss geben. Offensichtlich konnte sich kein Minjan bilden. Im 16. Jahrhundert förderte der Kulmbacher Stadtmagistrat das lokale Handwerk nach Kräften und bekämpfte die Juden als unliebsame Konkurrenz. Es kam zu Ausweisungen und Gewalttätigkeiten. 1709 lebten nur mehr drei jüdische Familien im Ort. Zehn Jahre später erließ der Magistrat mit Billigung des Markgrafen Wilhelm Friedrich von Brandenburg-Bayreuth (reg. 1703-1723) ein generelles Niederlassungsverbot für Juden. Auch jüdische Hausierer und Händler, die aus Burgkunstadt und Bayreuth nach Kulmbach anreisten, durften sich nur tagsüber in der Stadt aufhalten.
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kamen etwa ein Dutzend jüdische Kaufleute aus Burgkunstadt regelmäßig in die Stadt, um hier Handel zu treiben. Erst als nach der Reichsgründung 1871 die völlige rechtliche Gleichstellung endgültig erreicht war, siedelten sich auch in Kulmbach wieder Juden an. Innerhalb von dreißig Jahren bildete sich eine Gemeinschaft von fünf Familien mit insgesamt 27 Personen. Sie standen unter der Leitung des Rabbiners von Burgkunstadt. Von Burgkunstadt bezogen sie auch ihr geschächtetes Fleisch und nutzten den dortigen jüdischen Friedhof, um ihre Toten zur letzten Ruhe zu betten. Die jüdischen Kinder besuchten die christlichen Schulen in Kulmbach und erhielten dort durch den Distriktrabbiner Religionsunterricht. 1899 beantragten die Kulmbacher Juden den Status einer israelitischen Kultusgemeinde, deren Autonomie jedoch aufgrund der geringen Mitgliederzahl begrenzt blieb. Die Regierung von Oberfranken gab 1903 hierfür die Zustimmung.
Ihren Höchststand erreichte die IKG Kulmbach um das Jahr 1909. Damals lebten elf Familien mit insgesamt 41 Personen in der Stadt. Im Ersten Weltkrieg verloren zwei jüdische Kulmbacher ihr Leben. Zu dieser Zeit wohnten nicht mehr genügend religionsmündige Männer im Ort, so dass man bei besonderen religiösen Festen versuchte, Juden von auswärts für den Gottesdienst abzuordnen. Dabei bediente man sich auch der französischen und russischen Offiziere jüdischen Glaubens, die in der hoch über der Stadt gelegenen Plassenburg während der Kriegsjahre gefangen gehalten wurden.
In den 1920er Jahren geriet Kulmbach sehr schnell unter rechtsradikale Führung und wurde zu einem frühen Zentrum antisemitischer Hetzkampagnen. In der Stadt agierte eine der größten Zweigstellen der NSDAP in Franken. 1928 trat Adolf Hitler in der Kulmbacher Realschule auf. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 waren die 37 Juden, die hier noch lebten, in ihrem Berufs- und Privatleben großen Einschränkungen, Anfeindungen und Gewaltakten ausgesetzt. 1938 wurde die von Bildhauer Carl August Bachmann geschaffene, künstlerisch sehr wertvolle Bronzeskulptur am Davidbrunnen im Stadtpark, die 1927 zu Ehren der im Ersten Weltkrieg gefallenen Kulmbacher Soldaten aufgestellt worden war, wegen des „jüdischen Motivs“ von Parteimitgliedern zertrümmert und eingeschmolzen. Der jüdische Viehhändler Karl Strauß, der am 8. November 1938 die Torarollen und andere Kultgegenstände aus dem Kulmbacher Betsaal retten wollte, wurde ausspioniert, später verhaftet, wegen fadenscheiniger Vergehen verurteilt, deportiert und umgebracht. Weiteren Personen in seinem Umfeld wurde ebenfalls übel mitgespielt. Von den 14 Juden, die Anfang 1939 noch in Kulmbach lebten, kamen die meisten in Vernichtungslager und wurden dort ermordet.
Nach dem zweiten Weltkrieg strandeten rund 100 jüdische, zumeist osteuropäische DPs in Kulmbach. Für sie wurde im Oktober 1945 ein Betreuungsbüro im Kreiswohlfahrtsamt eingerichtet, und im Verlauf des Jahres 1946 wurde der Gasthof Parkschänke (Hardenbergstraße 3) zum Kultur- und Versammlungshaus mit Betraum umgewidmet. Die kleine jüdische DP-Gemeinde organisierte sich unter dem gewählten Vorstand von Samuel Bernstein, Meier Zamovrechi, Abraham Latowicz und Eisig Tannenbaum größtenteils selbst. Pro forma unterstand das Lager der UNRRA, welche auch die Versorgung bereitstellte. Zur körperlichen Ertüchtigung gründeten die DPs den Sportclub "Kadima Kulmbach". Als im Mai 1948 der Staat Israel gegründet wurde, entschlossen sich fast alle Juden zur Auswanderung. Im Stadtarchiv von Kulmbach werden heute noch drei beschädigte Fragmente einer uralten Torarolle aus Osteuropa verwahrt, die im Besitz dieser Gemeinde waren.
In den 1990er Jahren hat man am Straßenschild „Waaggasse“ vermerkt, dass sich hier einst die Judengasse befand. Dieser Hinweis wurde bereits zweimal von unbekannten Tätern entfernt, aber jedes Mal wieder von der Stadtverwaltung ersetzt. Mehrere Schülergruppen beschäftigten sich seit 2003 mit der Geschichte und Dokumentation des jüdischen Lebens in Kulmbach. Ihr Projekt „Markgräfliches Burggut – ehemalige Synagoge“ erhielt 2006 den Simon-Snopkowski-Preis.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Angela Hager: Kulmbach. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 186-192.
- Hans-Peter Süss: Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken. Büchenbach 2010 (Reihe: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands 25).
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 137
