Jüdisches Leben
in Bayern

Krumbach-Hürben Gemeinde

Hürben war ab Beginn des 14. Jh. bis 1805 Teil der Markgrafschaft Burgau, die zu Vorderösterreich und damit zum Habsburger Kaiserhaus gehörte. Daher standen die hier ansässigen Juden unter dem direkten Schutz des Kaisers, was sie v.a. im 17.Jh. vor Vertreibungen bewahrte. Bereits 1504 sind im Urbar des Stifts Ursberg vier jüdische Familien genannt, die hier wohnten. Die 1518 erfolgten Ausweisungen von Israeliten aus den umliegenden schwäbischen Reichsstädten dürften zur Vergrößerung der jüdischen Gemeinde in Hürben beigetragen haben. 1580 sind im Ort acht, um 1600 bereits zwölf Familien nachgewiesen. Nach Klagen über jüdische Geldverleiher wollte Markgraf Karl 1617 alle Israeliten aus der Grafschaft Burgau verbannen. Dies verhinderte jedoch ein Schutzbrief von Kaiser Matthias, der 1618 allen Juden aus Neuburg,Thannhausen, Hürben, Binswangen, Ichenhausen und Pfersee das Bleiberecht gewährte und sie außerdem von der Pflicht befreite, außerhalb ihrer Wohnorte jüdische Zeichen zu tragen. 1618 erhielt die jüdische Gemeinde Hürben die Bewilligung für einen eigenen Friedhof, der in „Schelmenloh“, einer alten Richtstätte, angelegt wurde. Zuvor hatten ihre Toten in der 30 Kilometer entfernten Begräbnisstätte in Burgau ihre letzte Ruhe gefunden.

Der Dreißigjährige Krieg führte zu einer starken Reduzierung der Bevölkerung; unter den jüdischen Einwohnern hatten nach seinem Ende 1648 nur zwei Familien überlebt. Ein von Kaiser Ferdinand III. (Amtszeit 1637‒1657) angeordneter Zuzug österreichischer Juden scheiterte am Widerstand der Einheimischen und der Kirche. Graf Maximilian von Lichtenstein zu Krumbach legte 1675 fest, dass sich vorerst nicht mehr als zwölf israelitische Familien in Hürben ansiedeln dürfen. Gleichzeitig erlaubte er ihnen den Bau einer Synagoge mit Wohnhaus für den Rabbiner und den Vorsänger gegen Entrichtung einer jährlichen Steuer. In der Folgezeit vergrößerte sich die Kultusgemeinde durch Zuwanderungen jüdischer Flüchtlinge aus Neuburg an der Kammel, Hohenraunau, Deisenhausen und Thannhausen.

1805 fiel Hürben mitsamt der Markgrafschaft Burgau an das Königreich Bayern. Die jüdische Gemeinde zählte 1811 rund 460 Mitglieder; das waren etwa 48 Prozent der Bevölkerung. Sie lebte in einem eigenen Viertel südwestlich der Ortsmitte, das die heutige Heinrich-Sinz-Straße, die Hürbener Straße und die Karl-Mantel-Straße umfasste. Dazu kam Anfang des 19. Jh. ein Neubaugebiet (heute: Augsburger Straße, Raunauer Straße, Hohlstraße, Burgauer Straße), in dem sich ebenfalls viele Israeliten ansiedelten. Nach der ersten Gemeinderatswahl 1822 bestand daher das gewählte Gremium mit Ausnahme des Gemeindevorstehers und Gemeindepflegers ganz aus Israeliten. 1839 gehörten zur Kultusgemeinde, die über einen eigenen Rabbiner und zwei Lehrer verfügte, 116 Familien und 13 Witwen, insgesamt 576 Bürger im Ort. Von ihnen verdienten 56 Familienvorstände als konzessionierte Kauf- und Handelsleute, 11 als Hausierer und etliche weitere in den verschiedenen Handwerksberufen ihren Lebensunterhalt. Ab 1857 gab es in Hürben außerdem die Baumwollspinnerei M.S. Landauer mit 32 mechanischen Webstühlen, die von einer jüdischen Familie betrieben wurde (1906 abgebrannt). Die Jüdinnen und Juden waren in den örtlichen Vereinen aktiv und pflegten gute Beziehungen zu den Christen. Daneben existierten einige jüdische Vereine, wie z.B. die „Chevra Kadischa“ (gegründet 1751), der „Israelitische Ausstattungsverein“ (gegründet 1825) und der „Israelitischen Frauenverein“ (gegründet 1836).

Nachweislich war ab 1802 eine jüdische „Normalschule“ in Betrieb, an der bis 1815 ein christlicher Lehrer die Elementarfächer und ein jüdischer Lehrer Religion unterrichteten. Der Standort dieses ersten Schulgebäudes, das auch eine Mikwe enthielt und laut Quellenaussagen 1816 renoviert wurde, ist nicht bekannt. 1830 hat man ein neues Schulhaus in der Synagogengasse 3 errichtet. Es verfügte über zwei Unterrichtsräume und zwei Wohnungen für die Lehrer. Ihren sozialen Pflichten kam die Kultusgemeinde 1821 mit dem Kauf eines Hauses (heute: Brunnenstraße 10) nach, das der Unterbringung bedürftiger Familien diente. 1833 wurde eine aufwendige neue Mikwe im Stil einer ägyptischen Toranlage (Synagogengasse 10) errichtet. Mitte des 19. Jh. stattete man den Friedhof mit einem Taharahaus aus. Seit 1884 unterhielt die israelitische Kultusgemeinde von Hürben auch einen Kindergarten, den christliche Kinder ebenfalls besuchen konnten.

Ab Mitte des 19. Jh. reduzierte sich die Anzahl der jüdischen Mitbürger beträchtlich. 1880 lebten noch rund 250 Israeliten im Ort; zwanzig Jahre später waren es nur noch die Hälfte davon. Der Grund hierfür war eine Auswanderungswelle junger Juden, die sich in Amerika eine bessere Existenz erhofften. Seit 1861 gab es auch die per Gesetz garantierte freie Wohnortswahl, die viele Jüdinnen und Juden veranlasste, vom Land in die Stadt zu ziehen. Nach dem Tod des Ortsrabbiners Hayum Schwarz 1875 wurde daher die Rabbinatsstelle in Hürben gestrichen und die hier noch ansässigen Israeliten dem Distriktsrabbinat Ichenhausen unterstellt. Eine herausragende Persönlichkeit in jener Zeit war Isaak Lachmann (1838‒1900). Er wirkte ab 1873 als Kantor im Ort und leistete durch seine Dokumentation der traditionellen Synagogengesänge einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte des israelitischen Gottesdienstes. Seine Tochter, die bekannte Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin Hedwig Lachmann, verehelichte Landauer, fand 1918 auf dem Krumbacher jüdischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte. 1875 besuchten noch 24 Kinder den Elementarunterricht und 138 Schüler die Religionsstunden. 1925 musste die zuletzt nur noch einklassig geführte jüdische Volksschule aufgrund des Schülermangels geschlossen werden; der Religionsunterricht wurde weiterhin im Schulhaus erteilt.

1902 erfolgte die Eingemeindung von Hürben nach Krumbach. Im gleichen Jahr wurde der „Israelitische Verein für Ferienkolonien und zur Bekleidung von Schulkindern“ mit Sitz in München gegründet. Er erwarb in Krumbach-Hürben zwei Bauernhäuser (Nr. 111/112; heute: Brunnenstraße 5) und baute sie 1908 zu einem großen Erholungsheim aus. 1910 wohnten noch 94 jüdische Mitbürger in Krumbach-Hürben; das waren nur noch 2,8 Prozent der Bevölkerung. Im Stadtrat von Krumbach war aber seit der Eingemeindung von Hürben bis zum Jahr 1933 immer noch ein Jude Mitglied, der die Interessen der Kultusgemeinde vertrat.

Die 65 Israeliten, die im Jahr von Hitlers Machtergreifung 1933 noch in Krumbach lebten, waren zunehmend Anfeindungen, Ausgrenzungen und Demütigungen ausgesetzt. Sie wurden nach und nach aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Nationalsozialisten warfen Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um oder entwendeten sie als Baumaterial; die Fenster eines jüdischen Hauses wurden eingeworfen. Das anlässlich der Eingemeindung Hürbens 1902 noch hoch gepriesene „seit vielen Menschenaltern mustergiltige Zusammenleben und Zusammenwirken christlicher und jüdischer Bürger“ hatte ein jähes Ende gefunden. Bis 1941 verließen 45 Mitglieder der jüdischen Gemeinde ihren Heimatort und wanderten aus.

Während des Novemberpogroms 1938 kamen Gestapo-Leute aus Augsburg, SS-Männer aus Günzburg und SA-Leute aus Memmingen und Mindelheim nach Krumbach. Alle Israeliten im Ort wurden verhaftet und vier von den Männern in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dann wurden die jüdischen Wohnungen verwüstet und ausgeplündert. Man hat die Fenster der Synagoge demoliert. Die Inneneinrichtung des Gotteshauses musste von den Israeliten selbst entfernt werden. Anschließend wurden sowohl die Synagoge als auch die Ferienkolonie beschlagnahmt. 1939 erwarb das NS-Fliegerkorps die Ferienkolonie, um hier ein Schulungszentrum einzurichten.

Am 1. April 1942 wurden 14 jüdische Mitbürger aus Krumbach nach Piaski bei Lublin deportiert und dort ermordet. Die letzte Jüdin in der Stadt, die 75jährige Bella Weiskopf, hat man im August desselben Jahres nach Theresienstadt verschleppt. Sie überlebte das Ghetto.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zwang die amerikanische Militärregierung die Einwohner, den verwüsteten jüdischen Friedhof wieder instandzusetzen. Die ehemalige jüdische Ferienkolonie (Brunnenstraße 5) wurde ab April 1946 an das Flüchtlingskommissariat Krumbach vermietet. Seit dem Sommer 1946 beherbergte sie jüdische Flüchtlinge; ab Herbst 1946 hatte zusätzlich die Rabbinatshochschule „Shearit Hapleta“ hier ihren Sitz. Alle Bewohner wanderten bis zum Herbst 1951 nach Israel aus.

Das jüdische Schulhaus (Synagogengasse. 3) wurde 1971 abgebrochen. Von dem jüdischen Ritualbad (Synagogengasse 10), das seit einem Umbau als Wohnhaus dient, hat sich die Straßenfront erhalten. Auf dem Platz der einstigen Synagoge erinnerte lange Zeit ein Gedenkstein inmitten einer Grünanlage an das Gotteshaus. 2004 hat man ihn durch ein großes Mahnmal ersetzt. Mauerfragmente deuten hier den Grundriss des vernichteten jüdischen Sakralbaus an und zwei Steintafeln informieren über die jüdische Geschichte der Stadt und ihr schreckliches Ende. Das mittelschwäbische Heimatmuseum Krumbach besitzt eine Reihe von Ausstellungsstücken aus der ehemaligen jüdischen Gemeinde Hürben/Krumbach.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hager, Angela / Berger-Dittscheid, Cornelia: Hürben/Krumbach, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 468-477