Hürben, bis 1902 ein eigenständiges Dorf in Nachbarschaft zu Krumbach, war seit Beginn des 14. Jahrhunderts bis 1805 ein Teil der Markgrafschaft Burgau. Diese gehörte zu Vorderösterreich und damit zum Habsburger Kaiserhaus. Daher standen die hier ansässigen Juden als Kammerknechte unter dem direkten Schutz des Kaisers, was sie vor allem im 17. Jahrhundert vor Vertreibungen schützte. Bereits 1504 sind im Urbar des Stifts Ursberg vier jüdische Familien genannt, die hier wohnten. Die 1518 erfolgten Ausweisungen von Juden aus den umliegenden schwäbischen Reichsstädten dürften zur Vergrößerung der jüdischen Gemeinde in Hürben beigetragen haben. 1580 sind im Ort acht, um 1600 bereits zwölf Familien nachgewiesen.
Nach Klagen über den angeblichen Schaden durch jüdische Geldverleiher wollte Markgraf Karl 1617 alle Juden aus der Grafschaft Burgau verbannen. Dies verhinderte jedoch ein Schutzbrief von Kaiser Matthias (reg. 1612-1619), der 1618 allen Juden aus Neuburg, Hürben, Thannhausen, Binswangen, Ichenhausen und Pfersee das Bleiberecht gewährte und sie außerdem von der Pflicht befreite, außerhalb ihrer Wohnorte jüdische Zeichen zu tragen. 1618 erhielt die jüdische Gemeinde Hürben die Bewilligung für einen eigenen Friedhof, der in "Schelmenloh", einer alten Richtstätte, angelegt wurde. Zuvor hatten ihre Toten in der 30 Kilometer entfernten Begräbnisstätte in Burgau ihre letzte Ruhe gefunden.
Der Dreißigjährige Krieg führte zu einer starken Reduzierung der Bevölkerung; von den jüdischen Einwohnern hatten nach seinem Ende 1648 nur zwei Familien überlebt. Ein vom römisch-deutschen Kaiser Ferdinand III. (reg. 1637-1657) angeordneter Zuzug österreichischer Juden scheiterte am Widerstand der Lokalbevölkerung und der Kirche. Graf Maximilian von Lichtenstein zu Krumbach legte als Ortsherr 1675 fest, dass sich vorerst nicht mehr als zwölf jüdische Familien in Hürben ansiedeln dürfen. Gleichzeitig erlaubte er ihnen den Bau einer Synagoge mit Wohnhaus für den Rabbiner und den Chasan gegen Entrichtung einer jährlichen Steuer. In der Folgezeit vergrößerte sich die Kultusgemeinde durch Zuwanderungen von Flüchtlingen aus Neuburg a.d.Kammel, Hohenraunau, Deisenhausen und Thannhausen.
1805 fiel Hürben mitsamt der Markgrafschaft Burgau an das Königreich Bayern. Die jüdische Gemeinde zählte 1811 rund 460 Mitglieder; das waren etwa 48 Prozent der Bevölkerung. Sie lebte in einem eigenen Viertel südwestlich der Ortsmitte, das die heutige Heinrich-Sinz-Straße, die Hürbener Straße und die Karl-Mantel-Straße umfasste. Dazu kam Anfang des 19. Jahrhunderts ein Neubaugebiet (heute: Augsburger Straße, Raunauer Straße, Hohlstraße, Burgauer Straße), in dem sich ebenfalls viele Juden ansiedelten. Nach der ersten Gemeinderatswahl 1822 bestand daher das gewählte Gremium mit Ausnahme des Gemeindevorstehers und Gemeindepflegers vollständig aus jüdischen Bürgern! 1839 gehörten zur Kultusgemeinde, die über einen eigenen Rabbiner und zwei Lehrer verfügte, 116 Familien und 13 Witwen, insgesamt 576 Personen. Von ihnen verdienten 56 Familienvorstände als konzessionierte Kauf- und Handelsleute, 11 als Hausierer und etliche weitere in den verschiedenen Handwerksberufen ihren Lebensunterhalt. Ab 1857 gab es in Hürben außerdem die jüdische Baumwollspinnerei M.S. Landauer mit 32 mechanischen Webstühlen (1906 abgebrannt). Die Gemeindemitglieder engagierten sich auch im örtlichen Vereinsleben und pflegten gute Beziehungen zu den christlichen Nachbarn. Daneben existierten einige religiös-karitative jüdische Vereine, z.B. eine Chevra Kadischa (1751), der "Israelitische Ausstattungsverein" (1825) und der "Israelitischen Frauenverein" (1836).
Nachweislich hatte es bereits 1802 eine jüdische "Normalschule" gegeben, an der bis 1815 ein christlicher Lehrer die Elementarfächer und ein jüdischer Lehrer Religion unterrichteten. Der Standort dieses ersten Schulgebäudes, das auch eine Mikwe im Keller enthielt, ist heute nicht mehr bekannt. 1830 wurde ein neues Schulhaus in der Synagogengasse 3 errichtet, des den staatlichen Vorgaben zum Unterrichtswesen erfüllte. Es verfügte über zwei Unterrichtsräume und zwei Wohnungen für die Lehrer. Ihren sozialen Pflichten kam die Kultusgemeinde 1821 mit dem Kauf eines Hauses (heute: Brunnenstraße 10) nach, das der Unterbringung bedürftiger Familien diente. 1833 wurde eine aufwendige neue Mikwe im Stil einer ägyptischen Grabanlage (sic!) in der Synagogengasse 10 errichtet. Mitte des 19. Jahrhunderts stattete man den Friedhof mit einem Taharahaus aus.
Mitte des 19. Jahrhunderts stattete man den Friedhof mit einem Taharahaus aus. Zu dieser Zeit setzte jedoch mit der allgemeinen großen Abwanderungswelle und Landflucht ein Schrumpfungsprozess ein: 1880 lebten noch rund 250 Jüdinnen und Juden im Ort, um 1900 weniger als die Hälfte. Im Jahr 1872 gab der Kultusvorstand eine neue Version der (liberalen) Synagogenordnung in Druck.
Nach dem Tod des Ortsrabbiners Hayum Schwarz 1875 wurde daher die Rabbinatsstelle in Hürben gestrichen und die hier noch ansässigen Jüdinnen und Juden dem Distriktsrabbinat Ichenhausen unterstellt. Eine herausragende Persönlichkeit in jener Zeit war Isaak Lachmann (1838‒1900). Er wirkte ab 1873 als Chasan im Ort und leistete durch seine Dokumentation der traditionellen Synagogengesänge einen bedeutenden Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung des aschkenasischen Ritus. Seine Tochter, die bekannte Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin Hedwig Lachmann, verehelichte Landauer, fand 1918 auf dem Krumbacher jüdischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte. 1875 besuchten noch 24 Kinder den Elementarunterricht und 138 Schüler die Religionsstunden. Seit 1884 unterhielt die IKG Hürben einen Kindergarten, den auch christliche Kinder besuchen konnten.
"1888 übernahm der 1859 in Fischach geborene Bankier Isaias Weiskopf (verstorben 1943 in New York) in Krumbach die Filiale des Augsburger Bankgeschäfts Gerstle & Bühler. In einem neu errichteten Gebäudekomplex führte er ab 1910 das Bankhaus Weiskopf und die Geschäfte zusammen mit seinem Schwiegersohn Jakob Spanier (1879-1968) unter dem Namen 'Bankhaus Weiskopf & Spanier' fort. Das neue Gebäude war 1905 vom Bankier Isaias Weiskopf als erstes und einziges jüdisches Bankhaus der Stadt nach Abbruch eines Vorgängerbaus errichtet worden. In diesem Gebäude befanden sich zudem Wohnungen, eine Postfiliale, eine Zahnarztpraxis und ein Textilgeschäft" (Bavarikon).
1902 wurde die Kommune Hürben nach Krumbach eingemeindet und verlor seine politische Selbstständigkeit. Im gleichen Jahr wurde der "Israelitische Verein für Ferienkolonien und zur Bekleidung von Schulkindern" mit Sitz in München gegründet. Er erwarb in Krumbach-Hürben zwei Bauernhäuser (Nr. 111/112; heute: Brunnenstraße 5) und baute sie 1908 zu einem großen Erholungsheim aus. 1910 wohnten noch 94 jüdische Mitbürger in Krumbach-Hürben; das waren nur noch 2,8 Prozent der Bevölkerung. Im Stadtrat von Krumbach war aber seit der Eingemeindung von Hürben bis zum Jahr 1933 immer noch ein Jude Mitglied, der die Interessen der Kultusgemeinde vertrat. 1925 musste die zuletzt nur noch einklassig geführte jüdische Volksschule wegen Schülermangels schließen, nur der Religionsunterricht wurde weiterhin im Schulhaus erteilt.
Bereits 1933 wurde das "Bankhaus Weiskopf" das Ziel nationalsozialistischer Übergriffe. Die 65 jüdischen Mitbürger, die im Jahr der NS-Machtübernahme in Krumbach lebten, waren zunehmend den staatlich geförderten Anfeindungen, Ausgrenzungen und Demütigungen ausgesetzt. Das anlässlich der Eingemeindung Hürbens 1902 noch hoch gepriesene "seit vielen Menschenaltern mustergültige Zusammenleben und Zusammenwirken christlicher und jüdischer Bürger" hatte ein jähes Ende gefunden. Sie wurden nach und nach aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Nationalsozialisten warfen Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um oder entwendeten sie als Baumaterial; die Fenster eines jüdischen Hauses wurden eingeworfen. Bis 1941 verließen 45 Jüdinnen und Juden ihren Heimatort, der sich weigerte weiterhin Heimat zu sein. Sie wanderten nach Möglichkeit aus oder zogen in Großstädte.
Während des Novemberpogroms 1938 kamen Gestapo-Leute aus Augsburg, SS-Männer aus Günzburg und SA-Leute aus Memmingen und Mindelheim nach Krumbach. Alle noch verbliebenen Juden im Ort wurden verhaftet und von den Männern die vier Arbeitsfähigen in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dann plünderte und demolierte man ihre Wohnungen. Bei der Synagoge gingen alle Fenster zu Bruch, die Inneneinrichtung mussten die letzten Gemeindemitglieder selbst entfernen. Der Verbleib der Ausstattung ist größtenteils unklar. Anschließend wurden sowohl die Synagoge als auch die Ferienkolonie beschlagnahmt. Letztere erwab 1939 das NS-Fliegerkorps, um hier ein Schulungszentrum einzurichten. Das "Bankhaus Weiskopf" wurde arisiert, die Familie Weiskopf-Spanier floh nach New York. Am 1. April 1942 wurden 14 jüdische Männer und Frauen aus Krumbach nach Piaski bei Lublin deportiert und dort ermordet. Die letzte Jüdin in der Stadt, die 75jährige Bella Weiskopf, verschleppte man im August desselben Jahres nach Theresienstadt. Sie überlebte dort das Ghetto.
Die ehemalige jüdische Ferienkolonie (Brunnenstraße 5) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg an das Flüchtlingskommissariat Krumbach vermietet. Im Januar 1946 beherbergte sie zunächst 69 jüdische DPs, doch die Zahl nahm jährlich zu und erreichte mit 103 Personen erreichte die DP-Gemeinde im Mai 1948 ihren Höchststand. Die DP-Gemeinde verwaltete sich durch einen gewählten Vorstand unter S. Falkowitz und Mendel Rubin größtenteils selbst und wurde durch die UNRRA verpflegt. Es gab zwar keinen Sportclub oder andere Sozialeinrichtungen, aber der langen intellektuellen Tradition der IKG Krumbach-Hürben entsprechend hatte ab Herbst 1946 zusätzlich die Jeschiwa "Shearit Hapleta" hier ihren Sitz. Außerdem wurde ein Ritualbad eingerichtet. Als in Palästina der Staat Israel gegründet wurde, wanderten alle DPs nach und nach aus, um sich in Israel oder Amerika eine neue Zukunft aufzubauen. Das Lager wurde im September 1951 geschlossen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die US-amerikanische Militärregierung den verwüsteten jüdischen Friedhof durch die Harburger Bevölkerung mit NSDAP-Hintergrund wieder instandsetzen. Das jüdische Schulhaus (Synagogengasse. 3) wurde 1971 abgebrochen. Von dem jüdischen Ritualbad (Synagogengasse 10), das seit einem Umbau als Wohnhaus diente, hat sich nur die Straßenfront erhalten. Auf dem Platz der einstigen Synagoge erinnerte lange Zeit ein Gedenkstein inmitten einer Grünanlage an das Gotteshaus, der 2004 durch ein großes Mahnmal ersetzt wurde. Mauerfragmente deuten hier den Grundriss des vernichteten jüdischen Sakralbaus an, zwei Steintafeln informieren über die jüdische Geschichte der Stadt. Das mittelschwäbische Heimatmuseum Krumbach besitzt eine Reihe von Ausstellungsstücken aus der ehemaligen jüdischen Gemeinde. Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion in Mittelschwaben . Die Route beginnt in Augsburg und erschließt neun jüdische Landgemeinden (Fischach-Thannhausen-Krumbach-Fellheim-Illereichen-Altenstadt-Ichenhausen-Binswangen-Buttenwiesen). Die ehemalige Gemeinde ist auch Teil der digitalen Bavarikon-Sammlung Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens. Kultur und Alltag des Landjudentums von 1560-1945, die 2025 mit einem Festakt in der Augsburger Synagoge online gegangen ist.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Kultusgemeinde Hürben (Hg.): Synagogenordnung der Jüdischen Gemeinde von Hürben von 1872. Unv. Nachdruck. In: Krumbacher Heimatblätter 27 (2020/21), S. 34-41.
- Peter Bauer: Hedwig Lachmann und eine 'spannende' Krumbacher Begegnung. In: Krumbacher Heimatblätter 27 (2020/21), S. 30-33.
- Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Hürben/Krumbach. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 468-477.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 260.
Weiterführende Links
- Das jüdische Erbe Bayerisch-Schwabens: Krumbach-Hürben (Bavarikon)
- Exkursion: Jüdische Landgemeinden in Mittelschwaben (Haus der Bayerischen Geschichte)
- Gemeinde Hürben (Alemannia Judaica)
- Gemeinde Hürben (Alicke - Jüdische Gemeinden)
- Das Bankhaus von Isaias Weiskopf in Krumbach (Bavarikon)
- Archivalien zur Geschichte der Synagogen und Gemeinden in Bayerisch Schwaben (Jüdisches Museum Augsburg Schwaben)
- Krumbach - Jüdische DP-Gemeinde und Jeschiwa
- Krumbach DP-Gemeinde (Talmud Thora Schulen in Deutschland)
- Ehem. Weiskopfhaus, Karl-Mantel-Str. 13 (Stadtführer Krumbach)
- Ehem. jüdisches Wohnhaus, Karl-Mantel-Straße 34 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehem. jüdisches Wohnhaus, Hürbener Straße 32 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehem. jüdisches Wohnhaus, Hürbener Straße 15 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehem. jüdisches Wohnhaus, Karl-Mantel-Straße 52 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehem. jüdisches Wohnhaus, Heinrich-Sinz-Straße 36 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehem.s jüdisches Wohnhaus, Heinrich-Sinz-Straße 14 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Ehem. jüdisches Wohnhaus, Heinrich-Sinz-Straße 5 (Bayerischer Denkmal-Atlas)
