Die kleine jüdische Gemeinde Kraisdorf bei Pfarrweisach entstand durch die Aufnahme von Schutzjuden im 17. Jahrhundert. Seit 1676 ist sie urkundlich belegt, bleibt aber für die nächsten 200 Jahre kaum fassbar. Aus dieser Zeit liegen nur einzelne Namen vor. Die Gemeinde hatte mit den Freiherren von Altenstein und den Herren von Rotenhan zwei Schutzherren und versammelte sich in einer Synagoge. Wo sie ihre Verstorbenen bestattete, ist jedoch nicht bekannt.
Eine Landesbeschreibung von 1806 gibt die Einwohnerzahl von Kraisdorf mit 350 Personen an. Dazu wurde das Vorhandensein einer "Judensynagoge" erwähnt. Die Matrikelaufstellung von 1817 zeigt, dass vierzehn Matrikelstellen ausgegeben wurden.
Aus der Zahl der Familienangehörigen ergeben sich etwa sechzig Gemeindemitglieder, wobei allerdings das Alter der Kinder nicht angegeben ist. Die Zahl der Gemeindemitglieder im religionsmündigen Alter dürfte etwa 40 Personen umfasst haben. Einer der ältesten Schutzbriefe ist von der Gutsherrschaft der Freiherren von Altenstein 1790 für den um 1765 geborenen Schlachter Isack Beer Bruchmann ausgestellt worden. Zur Zeit der Matrikelerstellung war Bruchmann verheiratet und hatte fünf Söhne und drei Töchter. Von den vierzehn Familienoberhäuptern gaben sieben an, dass sie Schutzjuden der Herrn von Rotenhan sein, die anderen dürften dem Schutz der Altensteinschen Verwaltung unterstanden haben. Als Erwerbszweige wurden mehrheitlich Warenhändler und Viehhändler genannt. 1823 lag gegen den in Kraisdorf verstorbenen Seligmann Pulver Gut eine Überschuldung vor, weswegen die Gläubiger und die Erben aufgefordert wurden, ihre Ansprüche geltend zu machen. Der Warenhändler Gut hatte seit 1803 einen Schutzbrief in Kraisdorf und war 1817 einer der Matrikelstelleninhaber. 1830 zählte Kraisdorf im Handbuch für den Unter-Mainkreis 339 Einwohner mit 59 Häusern und 66 Familien, wobei sich die Einwohnerzahl aus 173 Katholiken, 96 Protestanten und 70 Juden zusammensetzte. 1840 war zwar in einem Lexikon nur noch von "mehreren Juden" die Rede, aber da zu dieser Zeit die Sanierung der Synagoge anstand, dürfte die jüdische Gemeinde die bisherige Mitgliederzahl gehabt haben. Zu dieser Zeit gab es außer der Synagoge noch ein Schulhaus (Ortsstraße Nr. 17). Kraisdorf beschäftigte auch einen Lehrer, der als Vorbeter und Schochet tätig war.
Der Lehrer Simon Hecht (1825/28 - 1908) war von 1849 bis 1852 in Kraisdorf beschäftigt. Er hatte das israelitische Lehrerseminar in Würzburg besucht und hatte über den Gesang in der Synagoge publiziert. Eine längere Abhandlung in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums von 1849 über die Stellung der jüdischen Schulen in Bayern im Vergleich zu den fortschrittlichen Bedingungen in der Pfalz gipfelte in der resignativen Feststellung, dass trotz aller "Aufklärung, Märzerrungenschaften und erwachter Freiheit" die Politik in Bayern beabsichtige, die Zahl der jüdischen Familien wenn möglich zu reduzieren. Er wünsche sich ein Gesetz in Bayern, "in welchem das Prinzip angenommen, dass der Jude auch ein Mensch sei." Simon Hecht wanderte 1862 nach Amerika aus. 1889 zählte im Statistischen Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds die jüdische Gemeinde unter ihrem Vorsteher A. Brückmann (evtl. verschrieben aus Bruchmann) noch 26 Mitglieder, der Schulunterricht wurde in Burgpreppach erteilt. 1898 zählte Kraisdorf nurmehr als Filiale von Burgpreppach, womit die eigenständige jüdische Geschichte endet. Im Jahr 1910 lebten keine Juden mehr im Ort.
Bevölkerung 1875
Literatur
- Freilandmuseum Franken Bad Windsheim / Herbert May (Hg.): Lang gegrindet - Jüdisches Leben in Franken. Bad Windsheim 2022, S. 22.
- Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle. Würzburg 2008 (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 13), S. 107.
- K. statistisches Bureau: Ergebnisse der Volkszählung im Königreiche Bayern am 1. Dezember 1875 [...]. München 1877 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 36), S. 188.
