Jüdisches Leben
in Bayern

Kleinlangheim Gemeinde

Der erste jüdische Langheimer ist in einem Vergleich zwischen dem Würzburger Fürstbischof Johann II. von Brunn und Burggraf Johannes II. von Hohenzollern erwähnt, den der Bamberger Fürstbischof Albrecht von Wertheim vermittelt hatte. Der Vertrag vom Dezember 1415 sah vor, dass Brunn den von ihm inhaftierten Juden Jakob aus der Haft entlassen sollte, wenn dessen Verbindlichkeiten geregelt waren. 

1621 entspann sich zwischen den beiden Dorfherren, dem Markgrafen von Brandenburg-Ansbach und dem Grafen von Castell, ein Streit um den Judenschutz in Kleinlangheim, den Ansbach für sich beansprucht hatte.

Zu Wohlstand gekommen war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der in Kleinlangheim ansässige Isaac Nathan Ischerle, der aus einer wohl aus Wiesenbronn zugewanderten Familie stammte. Seinen geschäftlichen Erfolg belegt das Inventar seines Kleinlangheimer Schlössleins, das Amtsknechte des Markgrafen von Ansbach 1730 erstellten.

Zu dem Anwesen gehörte ein geräumiger Keller, ein ansehnlicher Hofbrunnen, ein neu erbautes Bauernhaus, eine Scheune und Viehställe. Isaac Nathans zweites Anwesen in Kleinlangheim, zu dem ein großes Haus, eine Stallung, Scheunen, zwei Türme und Gärten gehörten, wurden von den Ansbacher Amtsleuten auf denselben Wert geschätzt.  

Beide Anwesen, die Nathan wohl vom Ansbacher Markgraf als Sicherheit oder Gegenleistung für Darlehen oder Warenlieferungen erhalten hatte, forderte die Markgrafschaft 1730 zurück und übertrug Nathan stattdessen Forderungen auf Verbindlichkeiten des Reichs in Höhe von rund 140 000 Gulden. 

1809 lebten 14 schulpflichtige jüdische Kinder in Kleinlangheim, die ein von den Eltern bezahlter, 15-jähriger Privatlehrer notdürftig in Hebräisch unterrichtete. Für Konflikte sorgte 1820 die Teilnahme der jüdischen Kinder am Unterricht der protestantischen Elementarschule in Kleinlangheim, da deren Eltern das Schulgeld nicht bezahlt hätten.  

1814 lebten in Kleinlangheim laut einer Erhebung des Kitzinger Landgerichts 14 jüdische Familien mit insgesamt 83 Personen. 1833 war die Zahl der jüdischen Haushalte bereits auf 20 mit 107 Personen gestiegen. 

Trotz der relativ großen Gemeinde waren die finanziellen Mittel der Kleinlangheimer Juden 1836 wohl begrenzt, da sie sich bei einer Versammlung zur Neubildung eines Rabbinatsbezirks durch den Würzburger Oberrabbiner Bing vertreten lassen wollten, um die Erstattung der Reisekosten an einen eigenen Vertreter zu umgehen.

Ab 1836 fand der Religionsunterricht in einem am Ortsrand gelegenen Gebäude statt, das als Schule und Lehrerwohnung diente. Die Wände des eingeschossigen, um 1800 erbauten Hauses mit einer Wohnküche und drei Zimmern bestanden aus Fachwerk.

1885 gründeten Kleinlangheimer Juden den Verein „Abendgebet zu seiner festgesetzten Zeit“, dessen Mitglieder das Nachmittag- und Abendgebet wie in der Tora vorgeschrieben in großem zeitlichen Abstand beteten. Einige Jahre später berichtete die orthodoxe Wochenzeitschrift „Der Israelit“ über die Spendenfreudigkeit der Mitglieder des Vereins.   

Der Fall des aus Galizien stammenden Möbelhändlers Issak Rosenkranz zeigt, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bereitschaft der Kleinlangheimer Behörden, jüdische Neubürger aufzunehmen, größer als die Offenheit der Würzburger Kreisregierung war. Rosenkranz hatte sich 1907 um die Aufnahme in die bayerische Staatsbürgerschaft beworben und wollte nach seiner Aufnahme in Kleinlangheim eine Möbelfabrik gründen. Während Gemeindevorsteher und Kollegium den Antrag befürworteten, lehnte die Kreisregierung das Gesuch ohne Begründung ab.

Das Miteinander von christlichen und jüdischen Kleinlangheimern, das sich noch 1919 bei der Hochzeit von Fritz Bergmann und Käthchen Sondheim gezeigt hatte, als die Freundinnen der Braut den Weg zur Synagoge mit Blumen und Efeu bestreut hatten, war in den 1920er Jahren Vergangenheit.

Bereits 1922 bohrten Anhänger der nationalsozialistischen Agitatorin Andrea Ellendt Brennholzstöße vor jüdischen Kleinlangheimern an und versteckten darin scharfe Munition. Die Antisemiten warfen die Fenster jüdischer Häuser ein und beschmierten die Hauswände. Ein Haus und eine Scheune wurden in Brand gesteckt. Schlimmeres verhinderte nur die Präsenz von 50 Würzburger Polizisten. Im Dezember 1922 verlor der Weinhändler Feist Sondhelm eine beträchtliche Menge Wein, als unbekannte Täter seine am Kleinlangheimer Bahnhof gelagerten Weinfässer anbohrten, und im März 1923 sägten Unbekannte auf Sondhelms Obstäckern 31 junge Obstbäume unter den Kronen ab. 

Bereits im März 1933, als noch 38 Juden in Kleinlangheim lebten, verfügte der Sonderkommissar Dr. Wilhelm Froben, den Kleinlangheimer Hermann Sondhelm in Schutzhaft zu nehmen, da er angeblich in der Zeit der Weimarer Republik zur Sachbeschädigung angestiftet habe.

Am 21. April 1938 hatte die Gemeinde Schulhaus und Scheune an einen Kleinlangheimer für 4000 RM verkauft. Deswegen wurden beide Gebäude bei dem Pogrom am 10. November nicht beschädigt. Bereits am Morgen des 10. November plünderten SS-Männer die Häuser jüdischer Kleinlangheimer. An den Plünderungen beteiligten sich auch die Dorfbewohner, so dass man längere Zeit danach in Kleinlangheim vom „Judenwein“ sprach. Polizisten und SA-Leute durchsuchten Geschäfte und Häuser nach Waffen.

Der Ortsgruppenführer schenkte Wein aus, der aus jüdischem Besitz stammte. Der Ortsgruppenführer war auch an der Plünderung des Hauses der Rosensteins beteiligt, aus dem er zahlreiche Textilien und Haushaltsgegenstände entwendete.

Die jüdischen Männer, die am Morgen grundlos verhaftet worden waren, wurden bespuckt und nach Kitzingen abtransportiert.   

Ein Opfer des Antisemitismus wurde auch der 1925 geborene Jakob Lewin, der bereits während seiner Schulzeit als „Judenschwein“ beschimpft wurde. Nachdem seine Familie am 10. November 1938 im Kleinlangheimer Rathaus inhaftiert und er selbst auf dem Marktplatz verprügelt worden war, floh Jakob nach Berlin, wo bereits sein Bruder Martin lebte. Über Belgien flohen die Brüder mit ihren Eltern nach Frankreich und emigrierten 1946 schließlich in die USA.

1939 gelang einigen Kleinlangheimern, untern ihnen dem Wein- und Käsegroßhändler Hermann Sondhelm, die Auswanderung in die Niederlande, wo sie eine „Kleinlangheimer Kolonie“ bildeten. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande wurden die jüdischen Kleinlangheimer in das Lager Westerbork gebracht, wo Sondhelm 1943 starb.

Zahlreiche, vor allem ältere Kleinlangheimer starben in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter Sondhelms Frau Getta, Käthe Bergmann, geborene Sondhelm und Babetta Koppel, geborene Sondhelm, die alle in Auschwitz ums Leben kamen. Viele hatten zuvor im Würzburger Israelischen Kranken- und Pfründnerhaus und dem Sammellager in der Bibrastraße gelebt. In Auschwitz wurde auch Schwester Sophie Sondhelm, eine gebürtige Kleinlangheimerin, 1944 getötet.

Kurz vor Kriegsende, am 31. Januar 1945, wurde der 15-jährige Schuhmacherlehrling Georg Brönner aus Kleinlangheim in der Tötungsanstalt Hadamar mit einer Giftspritze getötet.    

1952 erwarb der Kleinlangheimer Konrad Wolf, der bereits 1939 die jüdische Schule erworben hatte, auch die ehemalige Synagoge. Beide Häuser wurden in den 1960er Jahren abgerissen. Heute stehen an ihrem Platz Wohnhäuser.

Seit 2010 erinnern in Kleinlangheim vier Stolpersteine an die Familie Lewin. Jakob Lewin, der sich in den USA Jack nannte, hatte ihre Verlegung angeregt, aber nicht mehr erlebt, da er im selben Jahr verstorben war. 

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Schlumberger, Hnas / Berger-Dittscheid, Cornelia: Kleinlangheim, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries, Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1103-1118