Jüdisches Leben
in Bayern

Karlstadt Gemeinde

Offensichtlich gab es bereits im Mittelalter jüdisches Leben in Karlstadt, denn im Nürnberger Memorbuch, das die Opfer des Rintfleischpogroms im Jahr 1298 verzeichnet, werden ermordete Israeliten aus dem Ort genannt. Weitere Quellen weisen darauf hin, dass sich im Vorgängerbau des Hauses Hauptstr. 28, das 1602 umgebaut wurde, vor 1440 eine Synagoge befand. Es existieren jedoch keine konkrete Nachrichten über eine jüdische Gemeinde in der Stadt im Mittelalter. 

1560 ließ Bischof Friedrich von Wirsberg (Amtszeit 1558‒1573) alle Juden aus seinem unmittelbaren Herrschaftsbereich vertreiben, vermutlich auch aus Karlstadt. Die Ausgewiesenen fanden bei den adeligen Grundherren in den nahegelegenen Dörfern Unterschlupf. Für die Juden aus Karlstadt bot sich ein Wechsel in das benachbarte Karlburg an, das auf der anderen Mainseite lag (heute ein Vorort von Karlstadt). Auch der Nachfolger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn (Amtszeit 1573‒1617) verbot 1575 den Israeliten jeglichen Aufenthalt auf dem Gebiet des Würzburger Hochstifts. Nach seiner Regierungszeit durften sich jüdische Händler nach Bezahlung der Zollzeichen nur tagsüber in der Stadt aufhalten und ihren Geschäften nachgehen. Eine einzige Ausnahme von dieser Regel wurde dem sehr vermögenden jüdischen Geld-, Wein- und Schmuckhändler „Salamon Judt, Mayr genannt“ gewährt, der mit seiner Familie nach dem Dreißigjährigen Krieg bis um die Mitte des 17. Jh. hier wohnte und viele Schuldner unter den Karlstädter Bürgern hatte. In der Folgezeit war den Israeliten die Niederlassung in der Stadt Karlstadt bis zur Aufhebung des bayerischen Matrikelparagraphen im Jahr 1861 verboten. 

In Karlstadt selbst gab es erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder eine kleine israelitische Gemeinde; sie hatte sich nach Zuzügen aus den umliegenden Dörfern gebildet. Ab 1885 wurde ein Gemeindeprotokollbuch geführt. 1890 umfasste die Judenschaft rund 40 Mitglieder; ihren Höchststand erreichte sie mit ca. 70 Angehörigen im Jahre 1910. Die Erwerbstätigen unter ihnen arbeiteten als selbständige Kaufleute und lebten in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen. Die Israeliten engagierten sich in den Vereinen und waren in das Gesellschaftsleben der Kleinstadt gut eingebunden. Zusammen mit der Kultusgemeinde Laudenbach finanzierte man einen gemeinsamen Religionslehrer, der die Kinder unterrichtete. Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden in einem Raum eines jüdischen Privathauses statt; an hohen Feiertagen besuchten die Karlstadter Juden die Synagoge im benachbarten Laudenbach auf. Die jüdische Gemeinde von Karlstadt unterstand dem Bezirksrabbinat Würzburg, ab Frühjahr 1937 dem von Aschaffenburg. Ihre Verstorbenen beerdigten die Karlstadter Juden auf dem jüdischen Bezirksfriedhof im nahen Laudenbach.

Bei der NS-Machtübernahme wohnten in Karlstadt noch 35 jüdische Bürger. In der Folgezeit wurden sie zunehmend aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben ausgegrenzt. Aufgrund der wachsenden Feindseligkeiten flüchteten sich immer mehr Israeliten in die Anonymität der Großstädte. Ab dem Frühjahr 1938 konnte die erforderliche Mindestzahl religionsmündiger Männer in Karlstadt nicht mehr erreicht werden. Daher schloss sich die jüdische Gemeinde Karlstadt damals wieder mit den Laudenbacher Israeliten zur Gebetsgemeinschaft zusammen.

Ein Höhepunkt der antijüdischen Gewalttätigkeiten war auch in Karlstadt das Novemberpogrom im Jahr 1938. Die Planungen für das Pogrom im Landkreis führte die NSDAP-Kreisleitung aus, die ihren Sitz in Karlstadt hatte. Die SA-Horden wüteten zuerst in den umliegenden Orten, bevor sie am frühen Nachmittag in die Stadt zurückkehrten. Unter den Augen zahlreicher Schaulustiger brachen sie in die Häuser und Wohnungen der jüdischer Familien ein und misshandelten die angetroffenen Bewohner. Dann plünderten und verwüsteten sie das gesamte Inventar, warfen alles auf die Straßen und zündeten es an. Auch die Inneneinrichtung des Betsaals mitsamt den Kultgegenständen wurde zerstört. Abends wurden die jüdische Männer aus Karlstadt ins Rathaus verschleppt. Ein Großteil von ihnen wurde zusammen mit den Israeliten aus Laudenbach über Nacht eingesperrt. Einige von ihnen hat man anschließend in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Im Zuge des Novemberpogrom 1938 wurde den jüdischen Mitbürgern eine beträchtliche Summe an Bargeld und Wertgegenständen gestohlen, die sie nicht mehr zurückerhielten. Im Frühjahr 1939 lebten in Karlstadt nur noch sechs jüdische Einwohner. Auf den Deportationslisten der Jahre 1942/1943 aus Unterfranken finden sich keine Namen jüdischer Karlstädter. Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und des Gedenkbuches des Bundesarchivs fanden jedoch nachweislich elf gebürtige jüdische Bürger Karlstadts den Tod in den Vernichtungslagern im Osten Europas. 

1949 fand vor dem Landgericht Würzburg ein Prozess gegen die am Pogrom von 1938 Beteiligten von Karlstadt statt. Die Beschuldigten wurden mangels Beweisen freigesprochen. Später stellte sich heraus, dass Richter und Staatsanwalt selbst vorbelastet waren.

Heute erinnert eine Gedenktafel an der Hausfassade Hauptstraße 24 daran, dass sich darin bis 1938 die Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde Karlstadt befand. Außerdem hat man eine Themenführung entwickelt, die sich dem einstigen jüdischen Leben in der Altstadt widmet. 2009 verlegte der Künstler Gunter Demnig aus Köln auf Initiative der Volkshochschule sieben sog. „Stolpersteine“ an den letzten Wohnsitzen ehemaliger jüdischer Stadtbewohner.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Schlumberger, Hans / Berger-Dittscheid, Cornelia: Karlstadt mit Karlburg, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 225-233