Jüdisches Leben
in Bayern

Karbach Gemeinde

Aus einer 1675 geschriebenen Nachricht des Amtes Rothenfels an die Würzburger Hochstiftsverwaltung geht hervor, dass damals eine jüdische Familie in Karbach wohnte, die einen Schulmeister für ihre Kinder angestellt hatte (insgesamt acht Personen) und vom Vieh-, Stoff-, Gewürz- und Kleinhandel lebte. Ab 1685 zahlte ein Sohn dieser Familie Schutzgeld an das Hochstift. In der Judenerhebung der fürstbischöflichen Behörde im Jahr 1699 sind für den Ort vier abgabenpflichtige israelitische Haushalte sowie eine Rabbinerfamilie verzeichnet, insgesamt 41 Personen. Zwei weitere jüdische Familien (12 Personen) zahlten damals Schutzgeld an die Herrn von Sickingen, die in dem Dorf eine Freihof besaßen. Ab 1706 ist im Wohnhaus des Würzburger Juliusspitals ein weiterer jüdischer Haushalt genannt. Es war zu diesem Zeitpunkt umstritten, ob es sich bei dem Gebäude um einen Freihof handelte und ob das Juliusspital berechtigt war, Schutzgeld einzufordern. Die Gemeinde von Karbach klagte damals auch gegen alle im Dorf ansässigen Juden, weil sie ihr Vieh auf die Gemeindeweide trieben. Das Juliusspital nahm aber in der Folgezeit immer wieder Schutzjuden in Karbach auf. Außer ihnen lebten Mitte des 18. Jh. in Karbach fünf bis sechs jüdische Haushalte, die an das Fürstbistum Würzburg zahlungspflichtig waren, und zusätzlich drei Schutzjuden im Freihof der Herren von Sickingen. Zu diesem sog. „Judenhof“ (Haus-Nr. 181), der im Nordosten des Dorfes lag, gehörten noch vier kleinere Gebäude (Haus-Nr. 180, 182 und 184).

1787 hat man den Rentmeister des Juliusspitals aus dem Dorf abgezogen und das Spitalgebäude vermutlich an die jüdischen Bewohner verkauft. 

Nach einer kurzen Zugehörigkeit zu Kurbayern (1803-1806) und anschließend zum Großherzogtum Baden kam die Region 1819 endgültig an das Königreich Bayern. Die jüdischen Einwohner erhielten schon unter der badischer Regierung die Befreiung von allen Sonderabgaben und mussten sich Familiennamen zulegen. Ihre Handelstätigkeit litt sehr unter den neuen Grenzziehungen. Die Karbacher jüdische Gemeinde bestattete ihre Toten vorübergehend im badischen Wenkheim. Ab 1812 war ein Friedhof vor Ort geplant, der dann 1819 südwestlich des Dorfes (Am Mühlberg) eröffnet wurde. Ab 1852 hat man hier auch die Verstorbenen der jüdischen Gemeinde Homburg, ab 1879 die von Marktheidenfeld beigesetzt.

Mit der Einführung des bayerischen Judenedikts wurden für Karbach 23 Matrikelstellen festgelegt. Das ganze 19. Jh. über blieb für die jüdische Gemeinde eine Mitgliederstärke von rund 22 bis 24 Familien mit rund 100 Personen konstant. Nachdem die Kultusgemeinde zuvor dem Rabbinat Aschaffenburg zugeordnet war, sollte sie jetzt einem neuen Rabbinatsbezirk unter der Aufsicht des Würzburger Oberrabbiners beitreten. Doch die Judenschaft in Karbach war sehr reformfreudig; u.a. strebte sie einen Gottesdienst in deutscher Sprache an, wollte ihre Bestattungen dem christlichen Ritus annähern und eine Glocke anschaffen, die zur Messfeier einlädt. Damit stand sie jedoch im Gegensatz zum streng traditionsgebundenen Würzburger Oberrabbiner Abraham Bing. Jahrzehntelang versuchten deshalb die Vertreter der Kultusgemeinde Karbach, einen eigenen Rabbinatsbezirk mit Sitz im Waldsassengau zu erreichen. Bereits 1820 wurde ein eigener Ortsrabbiner eingestellt, der dann aber auf Anweisung der Kreisregierung nur als Religionslehrer tätig sein durfte. Da 1825 ein neuer Religionslehrer, Vorsänger und Schächter für Karbach durch den Aschaffenburger Oberrabbiner genehmigt wurde, wird offensichtlich, dass die jüdische Gemeinde vorerst beim Rabbinatsbezirk Aschaffenburg verblieben war. Letztlich gelang es jedoch nicht, die Voraussetzungen für einen eigenen Rabbinatsbezirk zu erfüllen. Dazu hätte man ein fest umgrenztes Gebiet ausweisen müssen und die Mitgliedschaft von mindestens 200 jüdische Familien benötigt. So musste sich Karbach 1840 dem neuen Würzburger Distriktsrabbinat unterordnen, durfte seine moderne Synagogenordnung jedoch vorerst behalten.

Nachdem das alte Keller-Ritualbad im Dorf aufgrund hygienischer Mängel auf behördliche Anordnung 1825 geschlossen werden musste, ließ die Kultusgemeinde westlich der Synagoge auf dem heutigen Marktplatz ein neues Badehäuschen errichten, das damals direkt am Klimbach lag. Es handelte sich um ein frei stehendes, eingeschossiges Bauwerk auf quadratischem Grundriss aus Bruchsteinmauerwerk mit Zeltdach. Diese neue Mikwe ging 1826 in Betrieb, musste bereits zehn Jahre später dringend saniert werden, blieb aber dann in der Folgezeit ohne weitere Beanstandungen in Gebrauch.

Um 1822 konnte die jüdische Gemeinde den ehemaligen Freihof der Herren von Sickingen (Haus-Nr. 181, später: Marktplatz 1) erwerben und darin die Synagoge, die Schule, Wohnungen und Gemeinderäume unterbringen. Im Erdgeschoss war Platz für einen großen Unterrichtsraum und „Geräthschaften zum Todtenbegraben“. Die Männer- und Frauensynagoge lag im ersten Obergeschoss. Eine im zweiten Stockwerk befindliche Wohnung wurde ab 1823 vermietet.

Auch nach der Aufhebung des Matrikelparagraphen und der dadurch geschaffenen freien Wohnortswahl für jüdische Mitbürger hielt sich die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde konstant bei rund hundert Personen. Erst durch die Landflucht, die kurz vor der Jahrhundertwende einsetzte, verringerte sie sich um ein Fünftel, so dass sie im Jahr 1900 noch rund 80 Personen umfasste. 1910 lebten dann nur mehr 60 Jüdinnen und Juden in Karbach. Dieser Mitgliederschwund trug sehr zur Verarmung der jüdischen Gemeinde bei. In ihrem Anträgen auf Förderung aus den Staatsmitteln für leistungsschwache Kultusgemeinden verwiesen die Karbacher 1912 und 1914 auf den großen Schuldenstand, den sie aus dem Synagogenbau noch abzutragen hätten und auf die geringe Anzahl von nurmehr 14 Steuerzahlern aus ihren Reihen.

Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zählte die Kultusgemeinde Karbach noch 45 Mitglieder. Sie alle hatten unter der vom NS-Regime gesteuerten gesellschaftlichen Ausgrenzung und Ächtung der Juden zu leiden. Da der Großteil der Einwohnerschaft den Israeliten gegenüber jedoch freundschaftlich gesinnt war, musste das von der Partei geplante Novemberpogrom 1938, das als „spontane Erhebung des Volkszorns“ gelten sollte, in Karbach von SA-Mitgliedern und der Gendarmerie durchgeführt werden. Am Abend des 10. November 1938 traf eine Polizeistreife in Karbach ein und verhaftete alle jüdischen Männer. Weitere Parteimitglieder waren zu dieser Zeit schon in die Synagoge eingedrungen und zertrümmerten die gesamte Inneneinrichtung. SA-Leute, die v.a. aus den Nachbarorten und Marktheidenfeld kamen, brachen in die Häuser und Wohnungen jüdischer Mitbürger ein, zerstörten die Möblierung und verwüsteten allen Hausrat. Gleichzeitig zogen Schüler und Angehörige der Hitlerjugend aus Karbach, Birkenfeld und Billingshausen durchs Dorf und skandierten judenfeindliche Parolen vor den Anwesen der Israeliten. Nach diesen schrecklichen Ereignissen lebten die 30 Jüdinnen und Juden, die 1939 noch im Dorf wohnten, zurückgezogen im „Judenhof“ an der Synagoge. Sie mussten Fronarbeiten für die Gemeinde leisten. In der Folgezeit gelang einigen wenigen von ihnen die Flucht ins sichere Ausland. Die letzten 27 Israeliten, die noch in Karbach lebten, wurden am 25. April 1942 nach Krasniczyn verschleppt und dort ermordet. Das Archiv von Yad Vashem in Jerusalem und das Gedenkbuch des Bundesarchivs in Koblenz verzeichnen insgesamt 46 Opfer der Schoa aus Karbach.

Die Militärregierung forderte die Instandsetzung des teilweise zerstörten Friedhofs am Mühlberg durch frühere Parteimitglieder, dem die Gemeinde bis 1948 nachkam. Um weitere Beschädigungen auszuschließen, musste ein Friedhofswärter angestellt werden. 1983 ließen die Gemeinden von Karbach, Triefenstein, Homburg und Marktheidenfeld auf dem jüdischen Friedhof in Karbach ein Denkmal zur Erinnerung an ihre einstigen jüdischen Mitbürger aufstellen.

Alle Immobilien, die früher im Besitz der Israeliten waren, fielen nach dem 2. Weltkrieg in das Eigentum der JRSO. Die Synagoge und das dazugehörige Weideland (Plannr. 22863 bis 22866) wurden 1951 von der JRSO an die Gemeinde Karbach verkauft. Noch im selben Jahr erfolgte der Umbau der einstigen Synagoge zum Rathaus. 2002 hat man an der Westseite des Baus eine Gedenktafel angebracht.

Die einstige Mikwe auf dem Marktplatz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Milchsammelstelle umgebaut. 2006 hat man im Rahmen der Marktplatz-Neugestaltung die Überreste des jüdischen Ritualbades freigelegt und als Gedenkstätte gestaltet.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Schlumberger, Hans / Berger-Dittscheid, Cornelia: Karbach, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 207-224