Jüdisches Leben
in Bayern

Ingolstadt Gemeinde

Eine Urkunde von Herzog Ludwig von 1312 ist der erste urkundliche Nachweis für Juden in Ingolstadt. Sie stellte die ansässigen herzoglichen Schutzjuden in ihrem Status gegenüber Schuldnern von außerhalb den Ingolstädter Bürgern gleich. Weitere Urkunden aus den Jahren 1316 und 1340 regelten allgemeine Pflichten und Rechte. Das jüdische Ingolstadt konzentrierte sich auf den "Judenhof" neben der Alten Veste und entlang der "Judengasse" an der südlichen Stadtmauer (Viktualienmarkt, Josef Ponschab-Straße) mit dem "Judentörl", im Westen begrenzt durch den "Judenturm" (Schäffbräustraße 13).

Ludwig der Bayer (reg. 1310-1347) übte als Stadtherr das Judenregal aus, trotzdem wurden die Eichstätter Juden im Pestjahr 1349 Opfer eines Pogroms. Herzog Stephan III. (reg. 1375-1413) schwächte zunächst die wirtschaftliche Stellung der Juden, dann mussten sie die Stadt 1384 verlassen und konnten erst 1405 wiederkehren. Zu Beginn seiner Herrschaft beschlagnahmte dann Herzog Ludwig IX. (reg. 1450-1479) den jüdischen Besitz in Ingolstadt zur Deckung seiner Schulden. Ein Aufenthalt war seitdem immer nur auf kurze Zeit befristet möglich. Mit dem Ausweisungsedikt von Herzog Albrecht V. (reg. 1550-1579) erlosch ab 1553 das jüdische Leben für Jahrhunderte.

Das 1813 eingeführte Bayerische Judenedikt begrenzte mit dem Matrikelparagraphen die Größe jüdischer Gemeinden und erlaubte in Ingolstadt keine neue Ansiedelung. Allerdings hielten sich viele jüdische Händler und Geschäftsleute temporär in der Stadt auf. Erst mit dem 1861 gewährten Recht auf freien Berufs- und Wohnortswahl zogen jüdische Familien in die "Landesfestung", die als größter Militärstandort im Königreich Bayern wirtschaftliche Anreize bot.

Die Zahl der jüdischen Einwohner wuchs von 21 (1867) auf 34 (1871), 60 (1880), 90 (1900). Seit den 1870er- und 1880er-Jahren gab es mehrere jüdische Geschäfte im Stadtzentrum: Tuchhandel, Weiß- und Kurzwarengeschäfte, Herren- und Damenkonfektion, Wolle, Leder- und Schuhwaren, Maschinen, Eisen- und Haushaltswaren, Öl-, Fett- und Farbenhandel sowie Banken. Bereits Ende Dezember 1891 wurde ein eigener Friedhof eingeweiht; davor hatte man die Verstorbenen nach Hainsfarth und andere jüdische Begräbnisstätten überstellen müssen. Am 11. Oktober 1892 konnte sich die Kultusgemeinde Ingolstadt gründen, die dem Distriktsrabbinat München angehörte. Sie baute 1907 eine Synagoge (Theresienstraße 23) und betrieb eine Religionsschule, die jüdischen Kinder besuchten ansonsten die staatlichen und städtischen Einrichtungen Ingolstadts. Zur Besorgung religiöser Aufgaben bezahlte die Gemeinde einen Melamed, der zugleich als Chasan und Schochet tätig war.

1924/25 zählte die jüdische Gemeinde etwa 110 Personen. An jüdischen Vereinen gab es den Wohltätigkeitsverein Chewra Gemillus Chassodim (gegründet 1924), den Israelitischen Frauenverein (dito), eine Ortsgruppe des Centralvereins, eine Ortsgruppe des Jüdischen Jugendvereins sowie eine Ortsgruppe des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten. Zur IKG Ingolstadt zählten auch die wenigen jüdischen Einwohner in Buxheim und Neuburg an der Donau (1924 6 beziehungsweise 5 Personen).

Bereits seit dem Beginn der 1920er Jahre sah sich die Gemeinde den Angriffen der NSDAP-Ortsgruppe und deren Presseorganen ausgesetzt. Die Veröffentlichung eines „Ingolstädter Judenspiegels“ 1931 in eines NS-Zeitung nannte alle persönlichen Daten der in Ingolstadt ansässigen Juden. Proteste gegen diese öffentliche Anprangerung wiegelte der Ingolstädter Oberbürgermeister ab. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden mindestens fünf Juden inhaftiert und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Zunehmende Repressionen und die staatlich legitimierte Ausgrenzung (u.a. Nürnberger Rassengesetze 1935) veranlassten in den nächsten Jahren viele jüdische Familien zum Wegzug. Wer konnte emigrierte, andere suchten die vermeintlich sichere Anonymität der Großstädte. Das Novemberpogrom 1938 mit der Schändung der Synagoge durch SA-Truppen, der Zerstörung und Plünderung von Wohnungen und Geschäften bedeutete die endgültige Vertreibung der noch verbliebenen Gemeindemitglieder. In der Shoah verloren insgesamt 70 Jüdinnen und Juden, die in Ingolstadt geboren waren oder dort gelebt hatten, ihr Leben.

1945/46 kehrten nur wenige Überlebende der früheren IKG zurück. Vorübergehend lebten möglicherweise einige jüdische DPs in der Stadt, doch gab es in Ingolstadt kein jüdisches DP-Lager oder eine -Gemeinde. In Ingolstadt wurden vor allem christliche DPs aus Polen, der Ukraine und dem Baltikum untergebracht, das nächstgelegene jüdische DP-Lager befand sich in Eichstätt.

Heute gehören jüdische Ingolstädter, wenn sie denn religiös organisiert sind, der IKG München-Oberbayern an. Eine Hinweistafel befindet sich am Vordergebäude der ehemaligen Synagoge (Theresienstr. 23) mit der Inschrift: "Im Rückgebäude 1782-1785 Illuminatensaal, 1907-1938 Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Ingolstadt. In der Reichspogromnacht 1938 verwüstet. 1946 wiederhergestellt, 1952 aufgegeben". 

Das durch die Künstlerin Dagmar Pachtner gestaltete "Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten der Weltkriege" wurde 1999 der Öffentlichkeit übergeben. Es besteht zum einen aus der Mahn- und Gedenkstätte im Luitpoldpark, wo u.a. an die Opfergruppe der jüdischen Ingolstädter in Form von 3 Blauen Stelen erinnert wird. Weiterhin aus Blauen Stelen an historischen Erinnerungsorten, darunter eine vor der ehemaligen Synagoge in der Theresienstr. 23, sowie aus "Lebensbüchern" mit biografischen Texten und Dokumenten zu allen Personen in einem eigenen Raum im Stadtmuseum.

Öffentliche Erinnerungsformate für frühere jüdische Bürger sind neben den Blauen Stelen 10 Stolpersteine (2012), ein Erinnerungszeichen (Format der Stadt München, 2020) und mehre Gedenkschilder der Stadt Ingolstadt an ehemaligen Wohnorten (seit 2022).


Persönlicher Dank geht an Lutz Tietmann, Zentrum Stadtgeschichte im Stadtarchiv Ingolstadt für seine freundliche Unterstützung.

(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Dr. Theodor Straub / Alisa Douer: Ingolstädter Gesichter. 750 Jahre Juden in Ingolstadt, Ingolstadt 2020.
  • Angela Hager / Hans-Christof Haas: Ingolstadt. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine.... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, 351-359.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 2.