Jüdisches Leben
in Bayern

Ichenhausen Gemeinde

Ichenhausen gehörte ab dem 14. Jahrhundert als Teil der Markgrafschaft Burgau zu Vorderösterreich und damit zum Kaiserhaus Habsburg. In einer Urkunde aus dem Jahr 1541 wird erstmals ein Jude aus dem Ort erwähnt. Bereits zwei Jahre später entstehen hier eine Ausgabe des Pentateuch und ein Gebetbuch, gefertigt von dem aus Prag stammenden Buchdrucker Chajim ben David Schwarz. 1567 leisteten dreizehn jüdische Familien aus Ichenhausen ihre Abgaben. Die Regierung erlaubte ihnen im selben Jahr die Anlage eines eigenen Friedhofs südlich des Marktes an der Straße nach Krumbach. Zuvor hatten die Israeliten ihre Toten zur Beerdigung nach Burgau bringen müssen. Damals existierte auch eine Mikwe, „eine Tauch auf der Wiesen“, deren genauer Standort aber nicht überliefert ist. 

Als Markgraf Karl von Burgau 1617 alle Juden aus seinem Territorium ausweisen wollte, erhielten sie Beistand von Kaiser Matthias. Der Kaiser sicherte ihnen 1618 gegen Entrichtung eines jährlichen Opferpfennigs das Aufenthaltsrecht zu. 1622 unternahmen auch die Freiherren von Stain, die seit 1574 im Besitz der Ortsherrschaft waren, den Versuch, alle Jüdinnen und Juden aus Ichenhausen zu vertreiben. Dies misslang ebenfalls. Da sich nun viele aus anderen Orten vertriebene Israeliten hier niederließen, umfasste die Judenschaft ab 1624 rund 150 Familien. Sie wurden, analog zur Ortsherrschaft, die zwischen 1657 und 1784 aus einem "Oberschloss" und einem "Unterschloss" bestand, in zwei steuerlich getrennte Kultusgemeinden aufgeteilt. Der 1717 verfasste "Burgauische Rezess" verzeichnete ihre Pflichten und Rechte. Viele dieser Anordnungen behielten bis ins 19. Jahrhundert ihre Gültigkeit. Unter anderem wurden die zu leistenden Abgaben und die erlaubte Anzahl der jüdischen Häuser festgelegt, sowie Religionsfreiheit, Kapital-, Grundbesitz und Handelsfreiheit für die Israeliten gebilligt. Der Zuzug von Juden wurde nicht beschränkt. Dies hatte zur Folge, dass oft drei bis vier Familien in sehr beengten Verhältnissen unter einem Dach wohnten. Diese schlechte Wohnsituation entspannte sich erst Ende des 18. Jahrhunderts., als der Obervogt der Ortsherrschaft Willibald Staiger eine Reihe neuer Häuser erbauen ließ und sie an jüdische Mitbürger verkaufte.

Die Markgrafschaft Burgau fiel 1805 an das bayerische Königreich. Der von der bayerischen Regierung 1813 erlassene Matrikelparagraf sah für Ichenhausen nicht mehr als 205 jüdische Familien vor. Doch diese Anordnung wurde nicht besonders streng verfolgt. Die Kultusgemeinde, die 1811 noch 893 Mitglieder hatte, vergrößerte sich bis 1830 auf 217 Familien (rund 1.300 Personen) und umfasste nahezu die Hälfte der Marktbevölkerung. Damit besaß Ichenhausen damals die zweitgrößte jüdische Gemeinde Bayerns (nach Fürth). Im Ort befand sich auch der Sitz des Bezirksrabbinats. Die Israeliten erwarben in dieser Zeit viele Wohnhäuser; darunter erstmals auch Gebäude im Inneren Markt. 1808 bauten sich die Israeliten im Anwesen Krötenau-Gasse 69 (heute: Neue Bahnhofstraße 11) eine beheizbare Mikwe ein. Daneben konnten die Jüdinnen auch ein Ritualbad im Friedberger Haus besuchen. Im Keller des Rabbinatshauses (Obere Ostergasse 24) befand sich ebenfalls ein Tauchbad. Nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht ordnete das bayerische Generalkommissariat 1811 für die jüdischen Schüler den Besuch der katholischen Volksschule an. Mit dieser Regelung waren aber weder die Katholiken noch die Juden einverstanden. Deshalb fand der Unterricht für die jüdischen Kinder ab Frühjahr 1812 im Rabbinatshaus statt. Auf Anordnung der staatlichen Behörden musste die jüdische Gemeinde jedoch für ein eigenes Schulhaus sorgen und schuf diese Einrichtung 1832/33 in der Hubergasse (heute: Herzog-Leopold-Straße 3). Das Gebäude bot Platz für zwei Unterrichtsräume und vier Wohnungen für Lehrer und Hilfskräfte. Zum Schuljahr 1829/30 wurde auch eine jüdische Religionsschule eröffnet. Elementar- und Religionsschule hat man 1854 zusammengelegt. 

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts reduzierte sich die jüdische Bevölkerung von Ichenhausen durch Auswanderung nach Übersee und den Wegzug in andere Städte erheblich. Waren 1880 noch fast 670 Israeliten im Ort verzeichnet, so verringerte sich ihre Anzahl bis 1925 auf 356 Jüdinnen und Juden (nur mehr 15 Prozent der Marktbevölkerung). Ein jüdisches Armen-, Kranken- und Pfründehaus (Zur Halde 10) wurde 1862 errichtet. Die Israeliten trugen in dieser Zeit einen erheblichen Teil zur Industrialisierung des Marktes bei. So war z.B. die Herrenkleiderfabrik der Familie Sulzer in dieser Branche zeitweise marktführend. Auch engagierten sich die Israeliten gemeinsam mit den Christen in zahlreichen Vereinen, wie beispielsweise in der 1862 gegründeten Freiwilligen Feuerwehr, im Kaufmännischen Verein (1907 gegründet) oder dem FC Ichenhausen, der 1920 ins Leben gerufen wurde. Diese friedliche Koexistenz zwischen den Anhängern der unterschiedlichen Religionen wurde unterstützt durch das gute Verhältnis, das der Ichenhauser Rabbiner Dr. Ahron Cohn (1840‒1922) und der katholische Ortspfarrer Heinrich Sinz (1871‒1951) miteinander pflegten. Sinz betrieb heimatgeschichtliche Forschungen und verfasste in diesem Zusammenhang eine Geschichte der örtlichen Judenschaft. 1894/95 leistete sich die Kultusgemeinde ein neues, sehr ansehnliches Gemeindehaus (Von-Stain-Straße 8), in dem die Wohnung für den Rabbiner, die Versammlungs- und Vereinsräumen und das Archiv untergebracht wurden. Das alte Rabbinerhaus an der Synagoge diente seitdem als Wohnstätte des Synagogendieners.

Im Ersten Weltkrieg mussten 13 jüdische Mitbürger ihr Leben lassen. Im Rahmen einer Gedächtnisfeier hat man ihnen zu Ehren 1922 dem Toraschrein in der Synagoge zwei Gedenktafeln beigefügt. Anfang der 1920er Jahre kam es in Ichenhofen bereits zu judenfeindlichen Ausschreitungen. Es wurden die Wände jüdischer Häuser mit Hakenkreuzen beschmiert und der jüdische Friedhof teilweise verwüstet. Da die Israeliten jedoch gut in die Gesellschaft integriert waren, zeigten sich die christlichen Bürger vorerst für den aufkeimenden Antisemitismus nicht besonders empfänglich. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Julius Krämer, der dieses Amt von 1922 bis 1939 inne hatte, gehörte gleichzeitig der SPD an und saß auch im Stadtrat. 1929 besuchten noch rund 30 Kinder die jüdische Elementarschule; in den 1930er Jahren fand kein geregelter Unterricht mehr statt. 

Mit rund 300 Mitgliedern (etwa 12,5 % der Bevölkerung) war die Kultusgemeinde Ichenhausen noch zu Beginn der NS-Gewaltherrschaft die größte jüdische Landgemeinde in Bayern. Aufgrund der zunehmenden Anfeindungen und Repressalien, denen die Juden seit 1933 ausgesetzt waren, verließen jedoch viele von ihnen ihre Heimatstadt. Während der Novemberpogrome 1938 wurden unter dem Kommando der NSDAP-Kreisleitung Günzburg die Synagoge und der jüdische Friedhof verwüstet. Akten, Wertpapiere, Wertgegenstände und Fahrzeuge der Kultusgemeinde hat die Geheime Staatspolizei Augsburg beschlagnahmt. 40 jüdische Männer wurden verhaftet und über die Hälfte von ihnen wochenlang im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Zahlreiche jüdische Bürger siedelten daraufhin in größere Städte um oder emigrierten ins Ausland. Auch der letzte Rabbiner Gerhard Frank, der dieses Amt seit 1937 versah, verließ den Markt 1939, um in holländischen Flüchtlingslagern Dienst zu tun. Er wurde 1944 mit seiner Familie nach Theresienstadt deportiert und später in Ausschwitz ermordet. Grundbesitz und Gebäude der Kultusgemeinde wurden 1942 zwangsenteignet; die israelitische Grundschule musste schon 1941 ihre Pforten schließen. Die jüdischen Mitbürger, die zu dieser Zeit noch in Ichenhausen lebten, wurden am 1. April 1942 (84 Menschen nach Lublin), am 6. August 1942 (28 Menschen nach Theresienstadt) und am 8. März 1943 (zehn Menschen nach Auschwitz) deportiert und umgebracht. Danach erklärte man den Ort für „judenfrei“.

An das vergangene jüdische Leben in der Stadt erinnern heute noch das 1862 von der israelitischen Kultusgemeinde Ichenhausen errichtete Armen-, Kranken- und Pfründehaus (Zur Halde 10), die restaurierte und mit einer Dauerausstellung zur jüdischen Geschichte ausgestattete Synagoge (siehe dort) und das ehemalige Rabbinatsgebäude. Auch der große jüdische Friedhof von Ichenhausen ist mit rund 900 Grabsteinen und dem Taharahaus erhalten.

Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 hat das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion in Mittelschwaben angelegt. Die Route beginnt in Augsburg und erschließt neun jüdische Landgemeinden (Fischach-Thannhausen-Krumbach-Fellheim-Illereichen-Altenstadt-Ichenhausen-Binswangen-Buttenwiesen). Jüdische Spuren im historischen Ortskern von Ichenhausen werden in einem Rundgang erschlossen, ein zweiter Rundgang führt anschließend über den Friedhof.


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Angela Hager / Frank Purrmann: Ichenhausen. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 478-487.
  • Hans-Jörg Künast: Hebräisch-jüdischer Buchdruck in Schwaben in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In: Rolf Kießling / Sabine Ullmann (Hg.): Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Berlin 1999, S. 277-304.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 3. Fürth 1998, S. 315f.
  • Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.): Juden auf dem Lande. Beispiel Ichenhausen. Katalog zur Ausstellung in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen - Haus der Begegnung, 9. Juli bis 29. September 1991. München 1991 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 22).
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 253.