Juden in Freising wurden 1214 erstmals urkundlich erwähnt. Zeitgenössische Quellen geben Hinweise, dass bis zu den Pestpogromen 1348/49 im Süden der Stadt – vor dem 1878 abgebrochenen Münchner Tor – ein jüdischer Eruv existierte, also ein in sich geschlossener Baukomplex, der Schutz bot und gleichzeitig die Einhaltung der Schabbatregeln erleichterte (heute der Häuserblock um Bahnhofstraße / Am Wörth). Ein Seitenarm der Moosach fließt durch dieses Areal und hätte eine Mikwe versorgen können. Entsprechende Bodenfunde wurden bislang jedoch nicht gemacht. Noch im frühen 19. Jahrhundert soll es in der Klosterhofmark Weihenstephan-Vötting den sehr alten Flurnamen "Judengarten" gegeben haben, der womöglich an eine Begräbnisstätte erinnerte.
Das bedeutende Rechtsbuch des Rupprecht von Freising aus dem Jahr 1328 widmete dem Status der Juden und ihrem Zusammenleben mit Christen eine ganze Reihe von Paragraphen (41, 42 und 122-124). Bei Vergehen, die nur durch Juden begangen werden konnten (sog. Religionsfrevel), orientierte sich Rupprecht zwar am Schwabenspiegel und dem Augsburger Stadtrecht, ging aber von vergleichsweise milden Sanktionen aus. Einen großen "auflauf und unwillen" hat es 1329 um den Juden Sanbelen (wohl Samuel) gegeben, der in Freising von bayerischen Adeligen ergriffen und aus nicht überlieferten Gründen ins Gefängnis geworfen wurde. Der Vorfall löste einen Kompetenzstreit zwischen Fürstbischof Konrad IV. Klingenberg (reg. 1324-1340) und den Wittelsbacher Herzögen aus, nur dadurch wurde er aktenkundig. Von 1380 bis 1384 wird ein "Jacob Freisingen" in den Augsburger Steuerlisten genannt, im selben Jahr ein weiterer Freisinger Jude in Nürnberg und 1381 nochmals zwei in Regensburg.
Völlig ins Reich der Legende gehört die angebliche "Judensau" im Freisinger Dom. Heimatforscher Rudolf Goerge hat 1995 nachgewiesen, dass es diese Darstellung in Freising nie gegeben hat. Ein Spottvers, der sich unter dem Bildwerk befunden haben soll ("So wahr die Maus die Katz nit frißt /Wird je ein Jud ein wahrer Christ") bezog sich wohl auf die Grabplatte des Domherrn Konrad Tölknar († 1397), dessen Wappen eine mausende Katze zeigt (seit 1716 in der Wand des östlichen Kreuzgangs eingefügt).
Spätestens mit dem 8. September 1413 erübrigt sich die Frage nach der Existenz von jüdischen Einzelpersonen oder Haushalten in Freising: Fürstbischof Hermann von Cilli (reg. 1412-1421) und sein Domkapitel ordneten an, dass zukünftig allen Juden die Niederlassung in Freising, ja sogar deren zeitweiliger Aufenthalt in der Stadt untersagt war. Andererseits scheinen auf dem relativ kleinen weltlichen Territorium des Hofstifts, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Freising also, weiterhin Juden gelebt zu haben. Denn beim Freisinger Konzil, das unter Bischof Nicodemus della Scala (reg. 1422 bis 1443) im Jahr 1440 abgehalten wurde, kamen auch sie zur Sprache. Die neu beurkundeten Vorschriften ähneln denen im Rechtsbuch von 1328: Vor allem durften Juden kein Geld gegen Zinsen ausleihen und keine christlichen Diener halten. Auch war es ihnen verboten, mit "einfachen Leuten" über Glaubensangelegenheiten reden, niemand sollte mit ihnen speisen, baden oder Medikamente annehmen, auf sexuelle Kontakte drohten Exkommunikation und hohe Geldstrafen.
Im Jahr 1464 wurde die Stadt Freising der Mittelpunkt einer großen Verhandlung zwischen dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich III. (reg. 1452-1493) und Vertretern des Judentums. Nach dem Vorschlag des bedeutenden bayerischen Humanisten und Politikers Dr. Martin Mair sollten sich alle Juden des Reiches in einer Anhörung dafür verantworten, von ihren Schuldnern Zinseszins zu nehmen. Einige Quellen deuten auch darauf hin, dass es 1488 in Freising zu einem weiteren Treffen jüdischer Gemeindevertreter aus Bayern und der Reichsstadt Regensburg kam. Das 1826 abgetragene "Judentor" im Nordosten der Altstadt (Unterer Graben 67), das zuletzt Landshuter Tor hieß, soll seine Bezeichnung von diesen Freisinger Judenversammlungen bekommen haben: Weil sie nicht in die Stadt kommen konnten, hätten die Abgesandten vor besagtem Tor auf dem "Schelmbuckel" (heute General-von-Nagel-Straße / Sonnenstraße) gelagert. Unabhängig davon besagt eine andere Interpretation, dass sich dort schon im späten 12. Jahrhundert eine kleine jüdische Ansiedelung befand. Beiden Erzählungen fehlt es jedoch an wissenschaftlich belastbaren Grundlagen. Zur Wahrheit gehört auch, dass es sich beim "Judentor" vielleicht nur um eine lautmalerische Verschiebung von "Uhrentor" handeln könnte, denn dieser kurzlebige Begriff ersetzte Ende des 18. Jahrhunderts den viel älteren Namen "Murntor" (Murn = Moorgebiet am Nierenbach).
Vom 14. bis ins späte 18. Jahrhundert kam es auch in Freising immer wieder vor, dass sich einzelne Juden öffentlich taufen ließen. Die Konvertiten wurden anschließend voll ins bürgerliche Leben integriert und erhielten zuweilen Unterstützung aus der öffentlichen Hand. So notiert etwa ein Freisinger Formelbuch vom Ende des 15. Jahrhunderts unter dem Titel "Indultum colligendi pro Judeo", dass auf Bitten eines getauften Juden eine Sammlung in Kirchen und Kapellen angeordnet wurde, "damit er nicht zur Schmach der christlichen Religion wegen seiner leiblichen Not ins Judentum zurückfalle".
Die Säkularisation 1803 bedeutete das Ende des Hochstifts: Freising kam zu Bayern, das 1806 zum Königreich aufstieg. Die einschränkenden Matrikelstellen des Bayerischen Judenedikts von 1813 erlaubten jedoch weiterhin keinen Zuzug von Juden. Erst 1861, nach fast 450 Jahren, konnten sie sich mit dem Recht der freien Wohnorts- und Berufswahl erneut in Freising niederlassen. Ihre Zahl blieb aber stets zu gering, um eine eigene lebensfähige Kehillah bilden zu können. Daher gehörte Freising als Filiale dem Distriktsrabbinat München an, wo auch die Verstorbenen ihre letzte Ruhe fanden. Im Jahr 1911 reiste Lehrer Eisfeld aus München an, um den vier jüdischen Kindern in der Stadt zwei Stunden in der Woche Religionsunterricht zu geben. Als angesehene Bürger und Geschäftsleute waren jüdische Freisinger jedoch fest in der städtischen Gesellschaft etabliert: Die Modewarenhandlung Neuburger (Bahnhofstraße 4-6), das Kleidungsgeschäft Holzer (Obere Hauptstraße 9) und das Kaufhaus Krell bzw. Marcus Lewin (Untere Hauptstraße 2, das Gebäude heißt noch heute Marcushaus) waren angesehene Firmen. Vor allem die Familie Neuburger genossen großen Respekt. Ignatz Raphael Neuburger (1853-1928) unterstützte regelmäßig karitative Einrichtungen mit großzügigen Summen und hatte sich zudem an der Finanzierung des Freisinger Kriegerdenkmals beteiligt. Seine Söhne Alfred und Siegfried kämpften im ersten Weltkrieg, letzterer wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausghezeichnet.
In den Jahren nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 sind mehrere der jüdischen Einwohner auf Grund des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (letzteres gelang nur Martin und Siegfried Holzer). Der Boykott der jüdischen Geschäfte traf vor allem das von Marcus Lewin (1870-1942) geführte Kaufhaus, das bis heute seinen Namen trägt. Er zog 1936 nach München, musste sein Geschäft 1939 weit unter Wert verkaufen und beging 1942 angesichts der drohenden Deportation Selbstmord. Kurz vor dem Novemberpogrom 1938 wurde das Warenhaus der Gebrüder Holzer "arisiert" und an Hans Obster verkauft. Am 10. November 1938 fand auch in Freising die zweite große, öffentlich organisierte Aktion gegen jüdische Bürger und judenfreundlich gesinnte Mitbürger statt. Ausgehend von vier großen Veranstaltungen der NSDAP-Ortsgruppe im Kolosseum, im Stieglbräu, beim Neuwirt und im Grünen Hof, wurde die Bevölkerung aufgehetzt. Rund 3000 Personen beteiligten sich am Novemberpogrom. Juden wurden öffentlich gedemütigt und misshandelt, die Geschäfte der Familien Neuburger und Holzer beschmiert und demoliert. An der Fassade des Hauses Neuburger prangten die Worte "Der Jud muss hinaus. Auf nach Palästina". Rechtsanwalt Max Lehner, der spätere Freisinger Oberbürgermeister (1948-1970), hatte Juden vor Gericht vertreten und musste beim Novemberpogrom ein Schild mit der Aufschrift "Juda verrecke" um den Hals tragen, bis ihn die Polizei in Schutzhaft nahm. Mehrere der jüdischen Männer wurden nach dem Novemberpogrom in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Die Neuburgers flohen nach München. Sie mussten ihr Haus in der Bahnhofstraße 1939 weit unter Wert an die Sparkasse verkaufen. Im ersten und zweiten Stock zog die Freisinger NSDAP ein. Insgesamt kamen zwölf Freisinger Jüdinnen und Juden in der NS-Diktatur zu Tode.
Die US-Armee baute in Freising ein jüdisches DP-Lager auf und beschlagnahmte dafür Wohnraum im Stadtgebiet. Auf dem geschichtsträchtigen "mons doctus", dem Freisinger Domberg, hatten schon die NS-Machthaber im Erzbischöflichen Knabenseminar (heute Diözesanmuseum, Domberg 21) ein Spital eingerichtet. In der Herkunft und den Krankheiten spiegelt sich der Kriegsverlauf wider. Zunächst waren es meist französische, ab 1942 dann russische Kriegsgefangene, die in das Lazarett auf dem Domberg gebracht wurden. Gegen Ende des Krieges kamen viele mit Frontverletzungen; von April bis September 1945 dann befreite DPs aus dem Konzentrationslager Buchenwald mit Krankheiten wie offene Lungen- und Kehlkopftuberkulose oder Hungerödeme. Diese sollten im Spital wieder zu Kräften kommen sollten. Aber offensichtlich waren viele so geschwächt, dass sie in diesem recht kurzen Zeitraum starben. Die Verstorbenen wurden auf den beiden Freisinger Friedhöfen bestattet: dem Altstadtfriedhof bei St. Georg und in Neustift. Volker Laube, Historiker und Kanzler der Kurie, wird eine vollständige Liste der Namen erstellen, deren Schreibweisen ein philologisch Sachkundiger überprüfen wird.
Die DP-Gemeinde Freising verwalteten sich durch einen gewählten Vorstand größtenteils selbst (Gil Eisenberg, Osiacz Kaufstädter, Abraham Szylit) und wurde durch die UNRRA versorgt. Die Verwaltung war in der Oberen Hauptstraße 10 untergebracht. Im Lager gab es eine jüdische Volksschule und den jüdischen Sportverein "Hakoach Freising". An wechselnden Orten stand ein Betraum zur Verfügung, und im Gasthaus-Hotel "Zur Gred" (Bahnhofstraße 8) waren Wohnungen sowie die Gemeinderäume der DP-Gemeinde untergebracht. Zur Vorbereitung auf ein neues Leben in Palästina oder den USA wurde nahe Freising im Erdinger Moos bei Franzheim ein Trainings-Kibbuz angelegt, wo sich heute der internationale FJS-Flughafen erhebt.
Ab Sommer 1947 wurde die DP-Gemeinde Nandlstadt von Freising aus verwaltet, mit insgesamt bis zu 240 Personen in beiden Orten. Nach Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wanderten die meisten DPs dorthin aus, daher löste sich die Gemeinde bis 1951 auf.
Wenige jüdische Freisinger überlebten die Shoah: Hildegard Lewin und Martin Holzer waren gerade noch rechtzeitig aus Deutschland ausgewandert. Beide kehrten nach dem Krieg nach Oberbayern zurück, jedoch nicht nach Freising. In Freising selbst gab es noch Emma Reißermayer. Sie war Tochter jüdischer Eltern, geboren in München, bezeichnete sich aber selbst als Katholikin und war mit einem Freisinger Katholiken verheiratet. Nach dem Tod ihres Mannes 1937 zog sie, wahrscheinlich nach der Pogromnacht, nach München. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt gebracht und überlebte. Sie kehrte nach Bayern, nicht nach Freising zurück. Überlebt hat auch Dr. Hedda Holzer, die Frau Siegfried Holzers. Sie war aber protestantisch getauft und lebte ab 1945 bis zu ihrem Tod in Paris.
Nach dem Krieg war neben der Familie Herskovits (Betreiber des gleichnamigen Autohauses in der Erdinger Straße 79) auch die Familie Steger/Stöger als Überlebende der Todeslager nach Freising gekommen. Sie betrieben in der Unteren Hauptstraße 41 das "Cafe Neuschwanstein" (heute Bäckerei Welter), das vor allem US-amerikanische Besatzungssoldaten ansprechen sollte. Motive aus dem Leben der Tochter Laura Waco geb. Steger (*1947) inspirierten 2014 den Film "Let’s go!".
Jüdische Freisinger gehörten heute wieder der IKG München an. Am Marcushaus an der Ecke zur Brennergasse hängt seit 2010 eine Gedenktafel: "Zur Erinnerung an Marcus Lewin, den Eigentümer dieses Hauses, und an die Familien Holzer, Krell, Neuburger und Schülein. Sie alle wurden Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung". 2005, 2007 und zuletzt 2016 wurden auf Initiative der damaligen Gymnasiastin Katharina Prokopp insgesamt 17 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig (*1947) vor den einstigen jüdischen Wohnhäusern errichtet. 2019 erschien ein biografischer Gedenkband, den Gymnasialschüler unter der Leitung von Julia Christof zusammenstellten. Dr. Guido Hoyer legte 2020 erstmals eine Gesamtdarstellung des jüdischen Lebens und seines Untergangs im Landkreis Freising vor. Im selben Jahr beantragte die Stadtratsgruppe der Linken die Anbringung einer Gedenktafel, um an die Synagoge des DP-Lagers zu erinnern. Verhandlungen mit dem Eigentümer laufen, zumal das derzeit geschlossene Hotel angesichts der fortlaufenden Altstadtsanierung zu einem temporären Arbeiterwohnheim mit 24 Zimmern und 59 Betten umgebaut werden soll.
Persönlicher Dank geht an Kunsthistorikerin Christina Metz für die freundliche Unterstützung.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Gesprächsprotokoll von Dr. Carmen Roll (Stellvertr. Direktorin des Diözesanmuseums Freising) und einem Telefonat von Petra Giloy-Hirtz (Kunsthistorikerin) mit Historiker Volker Laube, Kanzler der Kurie des Erzbistums München und Freising. S.l. [Freising] 2023.
- Guido Hoyer: Verfemt - Verfolgt - Vernichtet. Die Juden im Landkreis Freising unter dem NS-Terror. München 2020.
- Julia Christof [u. 14 Freisinger Gymnasiasten]: Mit unbekanntem Ziel verreist? Freisinger Juden im Nationalsozialismus. Salzburg 2019.
- Florian Notter: Aufbruch und Umbruch. Freising in Fotografien der Jahre 1900 bis 1920. München 2017 (=Kataloge des Stadtarchivs Freising 2), S. 72f.
- Peter B. Steiner: Freising - Der Dom. 15. neu bearb. Aufl. Regensburg 2011 (Schnell, Kunstführer Nr. 200), S. 34f.
- Laura Waco: Von zu Hause wird nichts erzählt. Eine jüdische Geschichte aus dem Nachkriegsdeutschland. München 1999.
- Rudolf Goerge: Gab es in Freising eine "Judensau"? Eine Richtigstellung. In: Amperland Jg. 31 (1995) Nr. 1, S. 65-67.
- Rudolf Goerge: Judaica Frisingensia. Spuren jüdischer Kultur und jüdischen Lebens im Freisinger Raum. In: Amperland Jg. 27 (1991) Nr. 1, S. 38-43 u. Nr. 2, S. 80-85.
- Deutsch-Israelischer Gemeindebund: Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und
Wohlfahrtspflege 20. Jg. (1911), S. 135. - K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 2.
- Johann Baptist Prechtl: Beiträge zur Geschichte der Stadt Freising. Freising 1877. Neu herausg. vom Historischen Verein Freising. Freising 1980, S. 1.
