Jüdisches Leben
in Bayern

Frankenwinheim Gemeinde

1655 sind in Frankenwinheim, einem Lehen des Hochstifts Würzburg, erstmals fünf jüdische Familien mit 21 Personen nachweisbar, die Leinenhandel betrieben. Während ein Jude namens Lieberman mit seiner Familie zu den Schutzjuden des Würzburger Juliusspitals gehörte und im sogenannten "Lülsfeldischen Hof" wohnte, standen die restlichen vier Familien möglicherweise unter dem Schutz der Reichsritter von Bibra, die ebenfalls zu den Ortsherren gehörten. Im Juli 1692 wurden neun Schutzjuden aus dem Dorf vertrieben. 1693 hatten die Reichsritter von Guttenberg den Würzburger Anteil an Frankenwinheim und damit auch die würzburgischen Schutzjuden übernommen.

Laut einer vom Hochstift Würzburg 1699 veranlassten Zählung der Schutzjuden lebten damals fünf jüdische Familien mit 20 Personen in Frankenwinheim, von denen drei Schutzjuden der Familie von Bibra waren. Die Juden lebten vom Viehhandel und verliehen auch Kredite. Nachdem die Adelsfamilien ihre Judenpolitik geändert hatten, stieg die Zahl der Frankenwinheimer Schutzjuden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf 14 im Jahr 1720 und 20 im Jahr 1740. Eine Zäsur stellte der Erwerb des Adelssitzes durch die Grafen von Schönborn 1733 dar, denen zehn der 19 Frankenwinheimer Schutzjuden unterstanden. Zu diesem Zeitpunkt waren 19 von 107 Frankenwinheimern jüdischen Glaubens, also rund 18 Prozent, jüdisch. 1739 war die Zahl der jüdischen Familien in Frankenwinheim auf 23 gewachsen, zu denen 90 Personen in 20 Häusern gehörten. Der hohe Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung provozierte eine Beschwerde des katholischen Ortspfarrers, der sich bei der Würzburger Obrigkeit über die Einbußen bei den Stolgebühren beschwerte.

46 Jahre später erließen die Grafen von Schönborn am 5. Mai 1784 eine Judenordnung, die vom Geist der Aufklärung beeinflusst war. Graf Hugo Damian Erwein von Schönborn (1738-1817) betonte, dass seine Schutzjuden dieselbe wohlwollende Behandlung wie Schönborns christliche Untertanen erfuhren. Der Einfluss ökonomischen Denkens machte sich in der Bestimmung bemerkbar, dass zukünftig nur Juden, die ein Handwerk wie Schafzucht oder Baumwollverarbeitung ausübten oder ein Vermögen von 1000 Gulden vorweisen konnten, als Schutzjuden aufgenommen wurden. Jeder Haushaltsvorstand, der ein solches Handwerk ausübte, wurde belohnt, da er nur die Hälfte der "Schutzdekretsgebühren" zu zahlen hatte. Außer der Einrichtung eines jüdischen Armenfonds schrieb die Judenordnung auch vor, dass alle Schutzjuden deutsch lesen und schreiben können sollten. 1798 lebten zwölf jüdische Familien mit 76 Personen in Frankenwinheim.  

Nach der Eingliederung in das Königreich Bayern wies Frankenwinheim nach Altenschönbach die zweitgrößte jüdische Gemeinde im Landgericht Gerolzhofen auf. 1817 wurden 19 Familienvorstände in die Matrikelliste eingetragen. Die meisten Frankenwinheimer Juden handelten mit Vieh, einige mit Getreide und Stoffen.

Bis 1837 stieg die Zahl der Juden in Frankenwinheim auf 100 Personen an, ging aber bereits 1848 auf 76 Personen zurück. Sieben Juden führten zu dieser Zeit landwirtschaftliche Betriebe, zwei trieben Groß- und Kleinhandel, und vier Familienvorstände gingen einem ordentlichen Gewerbe nach oder waren als Handwerker tätig. Die Kultusgemeinde gehörte dem Distriktsrabbinat Schweinfurt an und bestattete ihre verstorbenen Mitglieder auf dem Verbandsfriedhof in Gerolzhofen. 1868 wies eine Liste der jüdischen Gemeindemitglieder 14 Haushaltsvorstände auf, darunter acht mit dem Nachnamen "Hirsch". Sechs der Familienväter führten landwirtschaftliche Betriebe, zwei waren als Seiler und Schneidermeister tätig, drei gingen dem Handel nach. Die 1869 in Frankenwinheim eröffnete Getreidehandlung von Salomon und Simon Hirsch bestand bis 1912.

1871 starb Samuel Marschütz, der von 1832 bis 1869 als Religionslehrer und Vorsänger in Frankenwinheim tätig war. Noch als 74-Jähriger hatte er 25 jüdische Kinder in Religion unterrichtet.

Noch länger als Marschütz wirkte der in Rödelsee geborene Josef Kissinger: Der Großonkel des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger (1923-2023) arbeitete als Religionslehrer von 1876 bis 1927 in Frankenwinheim. 1888 gründete er einen Talmud-Tora-Verein, damit die Teilnehmer die Tora selbstständig studieren konnten. 

Nach 1912 gehörte die jüdische Gemeinde in Frankenwinheim zu den leistungsschwachen Gemeinden und erhielt deswegen einen Staatszuschuss zur Erhaltung der Synagoge.

Während des 1. Weltkriegs fielen von den mindestens 20 jüdischen Kriegsteilnehmern aus Frankenwinheim Felix Kolb, ein Sohn des Viehhändlers Samuel Kolb, und Siegfried Strauß.

Als Josef Kissinger am 23. April 1926 sein 50-jähriges Ortsjubiläum beging, beteiligte sich der ganze Ort. Nachdem die örtlichen Vereine den Lehrer, der seit 1881 auch als Schriftführer der Freiwilligen Feuerwehr tätig war, abgeholt hatten, wurde er in Begleitung von weißgekleideten Ehrendamen in das Festlokal geführt. Dort würdigten der Bürgermeister und die Vereinsvorstände das Wirken des Jubilars.

1938 lebten in Frankenwinheim noch 36 Juden, darunter sechs Kinder und Jugendliche. Bereits vor dem Novemberpogrom fand in dem Dorf ein Pogrom statt. Ausgelöst hatte die Ausschreitungen das Gerücht, der in die USA emigrierte Viehhändler Max Friedmann habe vor seiner Auswanderung in seinem Brunnen ein totgeborenes Kalb vergraben, um das Trinkwasser zu vergiften. Auch wenn Friedmann klarstellte, dass er das Tier unerlaubt in seinem Garten vergraben, aber nicht in den Brunnen geworfen hatte, nützte die örtliche NSDAP die Gelegenheit, um am 29. Oktober 1938 einen sog. Propagandamarsch in Frankenwinheim zu veranstalten. Die männlichen Juden wurden in Schutzhaft genommen und öffentlich gedemütigt. Auch der betagte ehemalige Lehrer Josef Kissinger wurde mit seinem Sohn Maier gezwungen, den örtlichen Brunnen zu reinigen. Eine Beschwerde des Schweinfurter Bezirksrabbiners Dr. Max Köhler vom 31. Oktober 1938 blieb ohne Konsequenzen. Nicht einmal 14 Tage später fand in Frankenwinheim mit dem Novemberpogrom eine zweite Verfolgung statt. SA-Männer aus Volkach und Gerolzhofen zerstörten am 10. November die Inneneinrichtung und die Ritualien der Synagoge. Die ortsansässigen Juden wurden gezwungen, die aus der Synagoge geraubten Kultgegenstände und die zerschlagene Inneneinrichtung zu Scheiterhaufen zu bringen und der Vernichtung beizuwohnen. Insgesamt sollen bis 200 Personen an dem "Mordstumult" beteiligt gewesen sein.

Am Nachmittag des 10. November drangen die Antisemiten in jüdische Wohnungen und Geschäfte ein und setzten dort ihr Zerstörungswerk fort. Elf jüdische Frankenwinheimer wurden verhaftet und in das Amtsgerichtsgefängnis Gerolzhofen gebracht. Nach dem Novemberpogrom wanderten mehrere Frankenwinheimer in die USA aus. Der Shoah fielen 38 Juden zum Opfer, die in Frankenwinheim geboren wurden oder sich dort länger aufgehalten hatten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte der 1940 in die USA emigrierte ehemalige Gemeindevorsteher Siegfried/Samuel Kahn nach Deutschland zurück. Er starb 1955 im Jüdischen Altersheim in Würzburg. Bei den 1949/1950 vor dem Landgericht Schweinfurt stattgefundenen Prozessen wegen des Frankenwinheimer Oktober-Pogroms von 1938 und des Novemberpogroms im selben Jahr wurden relativ milde Strafen verhängt.

Seit November 1999 erinnern vor dem Rathaus drei Stelen an die ermordeten jüdischen Frankenwinheimer. Von 2013 bis 2017 wurden vom Künstler Gunter Demnig (*1947) an sechs Terminen insgesamt 38 Stolpersteine verlegt, die ebenfalls an die Frankenwinheimer Opfer der Schoa erinnern. Seit 2020 steht ein Schulranzen aus Bronze vor dem Rathaus in Frankenwinheim. Die Kommune beteiligt sich mit dieser Plastik am Projekt DenkOrt Deportationen: Ein Ranzen erweitert das zentrale Mahnmal auf dem Würzburger Bahnhofsplatz, das Gegenstück erinnert vor Ort an die deportierten Opfer der Shoah.


(Stefan W. Römmelt)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Frankenwinheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1297-1325.
  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 102-104.
  • Aubrey Pomerance: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Franken. In: Michael Brenner / Daniela F. Eisenstein (Hg.): Die Juden in Franken. München 2012, S. 95-113.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt am Main 1937, S. 140f.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 215.