Jüdisches Leben
in Bayern

Floß Gemeinde

Jüdisches Leben nahm hier 1684 seinen Anfang, als Pfalzgraf Christian August vier jüdische Familien, die von Ferdinand August Fürst von Lobkowitz aus Neustadt an der Waldnaab vertrieben worden waren, in Floß aufnahm. Im folgenden Jahr stellte er ihnen einen Schutzbrief aus, der ihnen ihre Handelstätigkeiten erlaubte. Die Männer verdienten sich den Lebensunterhalt v.a. im Woll- und Tuchgewerbe und die Grenznähe ermöglichte ihnen einen regen Warenaustausch mit Böhmen. Schon 1672 hatten einige Juden erfolglos versucht, sich in Floß niederzulassen. Nun aber wurden sie geduldet und konnten vorerst zur Miete bei Christen wohnen. Dann erwarben sie ein Feld auf einem Hügel, der nördlich des Ortskerns lag, und durften dort mit Genehmigung der Regierung in Sulzbach vier Häuser für ihre Familien errichten. 1712 war die Judenschaft auf acht Familien angewachsen. In der Folgezeit entstand hier eine rein jüdische Siedlung, die ab 1722 über einen eigenen Synagogenbau verfügte, so dass man die Anhöhe schon bald im Volksmund, seit 1763 auch offiziell, „Judenberg“ nannte. Bereits 1686 erhielten die Israeliten die Erlaubnis zum Bau und Betrieb einer Mikwe am südlichen Fuß des Judenberges. Sie wurde 1730 vergrößert. In allen religiösen Belangen unterstand die Judenschaft von Floß bis um das Jahr 1736 dem Rabbinat Sulzbach, bevor ein eigener Rabbiner angestellt wurde.

Der Schutzbrief des Pfalzgrafen wurde bis 1732 immer wieder bestätigt und 1744 durch die „allgemeine Judenverordnung“ ersetzt, die von Kurfürst Karl Theodor für die Israeliten in seiner Herrschaft festgelegt wurde und daher für die Pfälzer Landjudenschaft galt. Das neue Gesetz regelte neben den wirtschaftlichen Rechten nun auch die religiösen und persönlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden und sorgte damit für mehr Lebensqualität. Die Floßer Juden hatten von Anfang an einen eigenen Friedhof. Er ist bis heute erhalten und liegt am Ortsausgang an der Straße nach Flossenbürg. Sein ältester Grabstein stammt aus dem Jahr 1692. Da es den Israeliten nicht gestattet war, ihre Leichenzüge durch den Markt zu führen, entstand ein mit Granitplatten ausgelegter „Totenweg“, der vom Judenberg ausging in weitem Bogen um den Ort führte. Diese Begräbnisstätte wurde auch von den Juden aus Waidhaus, Schönsee und Weiden benutzt, daher musste sie mehrmals erweitert werden.

Durch das starke Anwachsen der jüdischen Gemeinde im 18. Jh. kam es vermehrt zu Konflikten mit der christlichen Einwohnerschaft; v.a. standen die Juden durch ihre Handelstätigkeiten in direkter Konkurrenz zu den christlichen Kaufleuten. Einen Eklat gab es in diesem Zusammenhang im Jahr 1723, als die Juden eines Ritualmordes beschuldigt wurden. Die Regierung reagierte 1780 auf die zunehmenden Beschwerden mit der Beschränkung der jüdischen Einwohnerzahl auf 40 Familien. Diese Zahl wurde dann auch für die Wohnhäuser und Grundstücke auf dem „Judenberg“ festgelegt. In der Folgezeit hat man dieses Areal eng bebaut; es entstanden nahe aneinander stehende, mehrstöckige Gebäude, die von mehreren Familien bewohnt wurden. 

Die jüdische Kultusgemeinde von Floß blieb auch nach dem Erlass des Judenedikts von 1813 politisch selbständig und verfügte über eigene öffentliche Institutionen. Unter anderem hatte sie ihre eigene freiwillige Feuerwehr, für die 1816 ein Gerätehaus neben der neuen Synagoge erbaut wurde. Dieser Status, der bis 1870 galt und nur zwischen 1819 und 1824 kurzzeitig aufgehoben war, stellt eine Besonderheit innerhalb der Geschichte der Juden in Bayern dar.

1807, 1808 und 1813 wüteten mehrere Brände auf dem „Judenberg“; v.a. 1813 waren die Schäden sehr groß, als 119 Holzhäuser in Flammen aufgingen. Fast alle Bewohner wurden damals obdachlos. Auch die Synagoge verbrannte vollständig. Danach hat man die Häuser brandsicher aus Stein errichtet. Die heutige Bebauung des Floßer Judenviertels mit zweigeschossigen Gebäuden, die in Zeilen traufseitig zur Straße angeordnet sind, stammt aus der Zeit des damaligen Wiederaufbaus und steht als Ensemble unter Denkmalschutz. Verantwortlich für die Neubebauung war der damalige Landrichter aus Neustadt an der Waldnaab, Karl Franz Reisner Freiherr von Lichtenstern, der außerdem 1814 die Judengasse in Floß anlegen ließ. Der Landrichter ordnete des weiteren 1810 an, dass der Unterricht für die jüdischen Kinder zentral organisiert werden soll. Bis dahin war ihr Unterricht entweder privat oder durch den evangelischen Lehrer erfolgt. Ab 1812 war ein eigener Lehrer für sie zuständig, der sie in einem angemieteten Raum des Pflegschlosses, später auch im 1814 errichteten Schulhaus der Marktgemeinde unterrichtete. 1824 hat die jüdischen Kultusgemeinde in Floß auch eine jüdische Religions- und hebräische Sprachschule eröffnet. Sie bestand bis 1878 und wurde dann zusammen mit der Elementarschule als öffentliche israelitische Volksschule weitergeführt. Eine Feiertagsschule für die älteren Kinder, die in Deutsch und jüdischer Religion unterwiesen wurden, bestand ab 1835. 1874 errichtete die Kultusgemeinde ein Gemeindehaus (Judenberg Nr. 31) mit einem Versammlungssaal und einer Wohnung für den Rabbiner. 

Mit über 390 Personen erreichte die jüdische Gemeinde um das Jahr 1840 ihren höchsten Mitgliederstand, reduzierte sich aber bis nach der Jahrhundertwende deutlich (1871: 205 Personen; 1910: 43 Personen). Nach dem Tod des Rabbiners Israel Wittelshöfer, der über 53 Jahre lang in Floß wirkte und Ehrenbürger der Marktgemeinde war, wurde das Distriktrabbinat Floß 1896 aufgelöst. Die dazugehörigen jüdischen Gemeinden wurden teils dem Rabbinat Bayreuth, teils dem Rabbinat Sulzbürg zugeteilt. Floß selbst kam zunächst zu Bayreuth, nach 1911 dann zum Distriktrabbinat Regensburg. 1931 entstand das vereinigte Bezirksrabbinat Oberpfalz und Niederbayern. Die jüdische Volksschule in Floß wurde aufgrund des Nachfragemangels 1921 geschlossen; die wenigen, noch im Markt lebenden jüdischen Kinder besuchten daraufhin die evangelische Schule und wechselten dann auf auswärtige höhere Bildungsanstalten.

Bereits in den 1920er Jahren kam es in Floß zu antisemitischen Vorfällen. 1929 wurde der jüdische Friedhof erstmals, 1937 ein weiteres Mal geschändet. Gleich zu Beginn der NS-Herrschaft, am 1. Februar 1933, hat man den jüdischen Kaufmann Kurt Ledermann öffentlich angeprangert und verhaftet. Damals lebten noch 19 jüdische Mitbürger in der Marktgemeinde. In der Folgezeit wurde ihr religiöses und wirtschaftliches Leben immer stärker eingeschränkt, so dass zum 250jährige Jubiläum der Kultusgemeinde 1934 keine große Feierstimmung aufkam. In der Reichspogromnacht 1938 zertrümmerten Mitglieder der NSDAP die Inneneinrichtung der Synagoge und verhafteten die zehn noch ansässigen Floßer Juden. Die Frauen und Kinder ließ man kurz darauf wieder frei; zwei Männer hat man im Konzentrationslager Dachau interniert. Die letzten zwei jüdischen Ehepaare, die Anfang 1942 noch in Floß lebten, wurden im Laufe des Frühjahrs in verschiedene Konzentrationslager deportiert und ermordet. Nachdem auch das jüdische Gemeindehaus „arisiert“ und verkauft worden war, bezeichnete sich die Gemeinde Floß Ende 1942 als „judenfrei“.

Nach dem 2. Weltkrieg wohnten vorübergehend 90 jüdische Displaced Persons in Floß und bildeten hier eine jüdische Gemeinde. Fast alle von ihnen wanderten 1948/49 in die USA und nach Israel aus. Mit der kostspieligen Wiederherstellung der ehemaligen Synagoge, die seit 2005 von der jüdischen Gemeinde Weiden genutzt wird, setzte die Marktgemeinde ihren einstigen jüdischen Mitbürgern ein Denkmal.

Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion zum Thema Erinnerungskultur am Raumbeispiel Oberpfälzer Wald (Floß-Flossenbürg) mit Beginn in Weiden, Gesamtstrecke 21 km.


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggf. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien 4).
  • Michael Brenner / Renate Höpfinger: Die Juden in der Oberpfalz. München 2009.
  • Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Floß. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 244-252.
  • Renate Höpfinger: Die Judengemeinde von Floß: 1684 - 1942. Die Geschichte einer jüdischen Landgemeinde in Bayern. Kallmünz 1993.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 117.