Jüdisches Leben
in Bayern

Fellheim Gemeinde

Fellheim wurde im Dreißigjährigen Krieg völlig zerstört und hatte danach keine Einwohner mehr. Philipp Bernhard Reichlin von Meldegg, der den Ort 1635 geerbt hatte, veranlasste zunächst die Ansiedlung von Bauern und den Wiederaufbau des Schlosses. Um die Einwohnerzahl zu erhöhen, erlaubte er ab 1670 die Niederlassung von Juden und ließ für sie südlich seiner Residenz entlang der alten Handelsstraße von Memmingen nach Ulm (heute: Memminger Straße) Häuser errichten. Der Grundherr erhoffte sich damit v.a. eine Verbesserung seiner wirtschaftlichen Situation. Nur gut situierte jüdische Händler konnten sich den hohen Mietzins und die teure Gebühr für seinen Schutzbrief leisten.

1672 wohnten bereits zehn Familien im neuen Judendorf, das sich isoliert von der christlichen Bevölkerung außerhalb des Ortskern befand. Obwohl sie durch ihren Schutzherrn Unterstützung erhielten, hatten die jüdischen Händler bis ins 18. Jh. immer wieder mit Zugangsbeschränkungen zu den begehrten Marktplätzen in Memmingen zu kämpfen. Trotz dieser erschwerten Bedingungen führten sie erfolgreich Geschäfte, hauptsächlich mit Pferden, Rindern und Salz. Später konnten sie ihre Handelsbeziehungen in ganz Ostschwaben pflegen und bis nach Württemberg und in die Schweiz ausweiten. Auch ihr Warenangebot vergrößerte sich durch landwirtschaftliche Produkte, Munition, Eisen, Edelmetallen, Stoffe und Wertsachen.

1722 gehörten zur israelitischen Kultusgemeinde Fellhorn 18 Familien. Seit 1716 verfügte sie über einen eigenen Rabbiner. Um für die anwachsende Judenschaft Wohnraum zu schaffen, ließ der Grundherr zwischen 1740 und 1765 das sog. „Lange Haus“ (heute: Memminger Str. 9–15) erbauen. Auf engstem Raum wurden hier 14 Wohnungen geschaffen. 1751 lebten bereits 35 jüdische Familien in Fellheim.

Im Jahr 1777 machte das Dorf von sich reden, als eine mysteriöse Krankheit innerhalb von drei Wochen zehn Todesopfer forderte, darunter acht Juden. Die Nachricht über diese Seuche verbreitete sich unter der Bezeichnung „Male de Vellheim“ bis in die Schweiz und nach Italien. Als Auslöser für die Krankheit vermutete man den jüdischen Friedhof, der eventuell zu nahe an den Wohnhäusern lag, und plante seine Verlegung. Doch erst 1786 konnten alle Einrichtungen, die für das religiöse Leben der Kultusgemeinde erforderlich waren, gebaut werden. Der Freiherr stellte die dafür benötigten Grundstücke zum Teil kostenlos zur Verfügung, verlangte aber einen hohen jährlichen Nutzungszins. Damals entstanden gleichzeitig die Synagoge (Haus-Nr. 58, heute: Memminger Straße 17), der neue jüdische Friedhof, der nun östlich der Synagoge angelegt wurde, und die jüdische Religionsschule. Für letztere wurde der sog. „Ökonomie-Stadel“ (Haus-Nr. 68; heute: Memminger Str. 22) errichtet. In ihm war auch Platz für die Lehrerwohnung. 1794 hat man ein älteres Ritualbad durch eine neue Mikwe ersetzt. Sie bekam ihren Standort in einem separaten Haus auf dem Synagogengrundstück und verfügte neben dem Tauchbecken über einen zusätzlichen Waschraum, in dem es warmes Wasser gab. Im gleichen Jahr ließ der Freiherr ein Gebäude für eine Metzgerei (heute: Memminger Str. 16) errichten, in der gemäß den jüdischen Vorschriften geschlachtet wurde.

Obwohl ihr Herrschaftsgebiet 1806 dem Königreich Bayern zugefallen war, übten die Freiherren Reichlin von Meldegg im Auftrag des bayerischen Staates noch bis 1848 die Schutz- und Grundherrschaft über die Judenschaft aus. Die Israeliten lebten damals sehr kärglich in ihrer abgeschotteten Siedlung. 1809 waren dort 69 Familien in 17 Häusern entlang der Landstraße (heute: Memminger Straße) untergebracht. 1811 gehörten der israelitischen Kultusgemeinde Fellheim bereits rund 400 Personen an. Obwohl das 1813 erlassene Matrikeledikt die Zuwanderung der Israeliten strikt begrenzen sollte, stieg ihre Zahl in Fellheim immer weiter an und erreichte 1840 mit rund 540 Personen ihren Höhepunkt. Da die Judenschaft und die Christen des Dorfes seit 1813 eine politische Einheit bildeten, handelte es sich dabei um über 65 Prozent der Ortsbevölkerung. Aufgrund der sich beständig vergrößernden Gemeinde musste der jüdische Friedhof 1824, 1841 und 1867 erweitert werden. Die unerträglich beengten und ärmlichen Verhältnisse, in denen die jüdischen Familien hausen und dabei noch überteuerte Mietzinsen zahlen mussten, kamen dem Freiherrn gegenüber 1832 in einer Klageschrift der Kultusvorstände zum Ausdruck. Auf diese massiven Beschwerden reagiert Karl Borromäus Reichlin erst elf Jahre später, indem er den jüdischen Bürgern die heruntergekommenen Häuser, in denen sie wohnten, zum Kauf anbot. Einen jährlichen Grundzins forderte er dennoch weiterhin von ihnen. Da die hygienischen Verhältnisse im „Ökonomie-Stadel“, in dem sich die Religionsschule befand, unerträglich geworden waren, plante die Kultusgemeinde den Neubau einer eigenen Elementarschule. Ein geeigneter Bauplatz (Memminger Straße 44) oberhalb der Synagoge wurde 1834 erworben. 1836 war das neue jüdische Schulhaus mit Lehrer- und Rabbinerwohnung fertiggestellt. Neben dem jüdischen Religionslehrer, der zusätzlich als Vorsänger tätig war, wurde nun auch ein Elementarlehrer eingestellt. Die neue Schule besuchten 1841 rund 75 Schüler, 1853 waren es sogar über 80 Kinder.

Die wirtschaftliche Lage der Israeliten hatte sich jedoch in der ersten Hälfte des 19. Jh. sehr verschlechtert. Einige Geschäfte mussten Konkurs anmelden. Eine Ausnahme bildete der Antiquar Joseph Rosenthal. Er wohnte mit seiner Familie im Haus-Nr. 64d (1929 abgebrannt) und handelte sehr erfolgreich mit Büchern und Kunstgegenständen. Seit 1842 engagierte er sich als einer der beiden Gemeindevorsteher in Fellheim. Ab 1859 führte er im Ort eine Buchhandlung mit Antiquariat. Als er 1867 eine Zulassung für München erhielt, entfloh er den armseligen Verhältnissen in Fellheim und zog mit seiner Familie in die Landeshauptstadt um. Dort erlangte das Antiquariat Rosenthal durch den Handel mit wertvollen Inkunabeln, historischen Raritäten und Schriftstücken Weltruhm.

In der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen in Übersee verließen viele Israeliten Fellheim und wanderten aus. 1852 hatte sich die jüdische Gemeinde bereits auf 377 Mitglieder reduziert. Eine zweite Ausreisewelle setzte 1861 ein, nachdem die Israeliten u.a. das Recht auf freie Wahl des Wohnortes erhalten hatten. Viele zogen daraufhin ins benachbarte Memmingen. 1872 lebten im Ort noch 30 jüdische Familien. Nach dem Tod des Rabbiners Dr. Marx Hayum Seligsberg, der von 1830 bis 1877 im Dorf tätig gewesen war, wurde die jüdische Gemeinde Fellheim dem Distriktsrabbinat Memmingen zugeteilt. Ab 1884 gab es nur noch einen Elementarlehrer an der Schule, der gleichzeitig das Amt des Religionslehrers, Vorsängers, Gemeindeschreibers und Schächters ausübte.

1910, als nur noch 22 Israeliten im Ort ansässig waren, musste die jüdische Schule geschlossen werden. Das Gebäude wurde im folgenden Jahr von der politischen Gemeinde erworben und zur Volksschule umgebaut. Dorthin gingen nun auch die wenigen jüdischen Schulkinder zum Unterricht. 1913 wurden die Fellheimer Israeliten der Kultusgemeinde Memmingen eingegliedert, die in der Folgezeit die Instandhaltung der Fellheimer Synagoge und des jüdischen Friedhofs übernahm. Die Mikwe, die sich auf dem Grundstück der Synagoge befand, hat man 1919 abgerissen.

Bei der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 lebten noch 26 Israeliten in Fellheim. Sechs von ihnen gelang bis 1938 die Auswanderung in die USA. In der Reichspogromnacht (9./.10.11.1938) überfielen SS-Leute aus Memmingen und ein Trupp Nationalsozialisten aus Boos das Dorf, zerstörten die Synagoge, verwüsteten und plünderten jüdische Geschäfte und Häuser und schändeten den jüdischen Friedhof. 1942 wurden die 14, hier noch wohnhaften jüdischen Mitbürger nach Piaski und andere Vernichtungslager verschleppt und dort ermordet.

Seit 1988 erinnert eine Tafel am Rathaus an die einstige jüdischen Schule, die in diesem Gebäude ihren Sitz hatte. Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 hat das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion in Mittelschwaben angelegt. Die Route beginnt in Augsburg und erschließt neun jüdische Landgemeinden (Fischach-Thannhausen-Krumbach-Fellheim-Illereichen-Altenstadt-Ichenhausen-Binswangen-Buttenwiesen).

Mit einer Ausstellung im Schloss Fellheim würdigte man 2004 die jüdische Geschichte des Ortes und in diesem Rahmen auch die Antiquarsfamilie Rosenthal. Im Ortsbild, südlich des Schlosses, ist noch heute das jüdische Ensemble zu erkennen, das aus Synagoge, Friedhof, Schule, Wohn- und Geschäftshäusern bestand. Die jüdische Begräbnisstätte, auf der sich 190 Grabsteine erhalten haben, befindet sich jetzt im Besitz des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern.

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Fellheim. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 431-439.
  • Theodor Harburger: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach, Bd. 2. Fürth 1998, S. 182.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 264.