Jüdisches Leben
in Bayern

Aschbach Gemeinde

Zwischen 1531 und 1541 wurden in dem Steigerwalddorf „Aßpach“ erstmals Juden erwähnt. Nachdem die katholische Linie der Freiherren von Pölnitz gegen Ende des 17. Jh. den Ort als Rittermannslehen erworben hatte, ermöglichten sie in dem damals protestantische Aschbach die Ansiedlung von Katholiken und Juden. Von letzteren versprachen sie sich eine Verbesserung der Handelsbeziehungen und regelmäßige Einkünfte aus Schutzgeldern. Als Wohnquartier wurde ihnen damals die Judengasse (heute: Bachgasse) am südlichen Ortsrand zugewiesen. Erste schriftliche Zeugnisse über die Anwesenheit der Juden im Dorf betreffen vor allem deren Friedhof, dessen ältester Grabstein wohl aus dem Jahr 1720 stammt und der von 1725 bis 1775 auch von der jüdischen Gemeinde aus Burghaslach genutzt wurde. Er befand sich ursprünglich einen Kilometer südlich von Aschbach neben der christlichen Begräbnisstätte. Heute liegt er am Ortsrand. Aus einem Schutzbrief aus dem Jahr 1728 geht hervor, dass einige Jahre zuvor in Aschbach eine neue Synagoge errichtet worden war. In ihr fand auch der israelitische Religionsunterricht statt. Ein jüdisches Matrikelbuch war ab 1731 in Gebrauch.

 


Aufgrund des Reichsdeputationshauptschlusses im Jahr 1803 geriet Aschbach unter die Herrschaft Bayerns. Ein 1813 erlassenes Judenedikt regelte in der Folgezeit die Anzahl der jüdischen Einwohner, die Zugehörigkeit zum Distriktsrabbinat, sowie Kultus und Unterricht. In den Gemeinden durften seitdem nur mehr staatlich geprüfte Vorsänger und Lehrer arbeiten. Der Anteil der Juden in Aschbach betrug 1824/25 mit 115 Personen rund 21 % der Dorfbevölkerung. Die Matrikellisten weisen zu dieser Zeit 29 Stellen aus. Um 1860 gehörten der jüdischen Gemeinde 24 Familien mit insgesamt 112 Personen an. Sie bildeten kein eigenes Viertel, sondern waren im ganzen Dorf verstreut. Durch ihre Handelstätigkeit (v.a. mit Vieh, Leder, Getreide, Hopfen und Schafwolle) erreichten viele von ihnen einen gewissen Wohlstand, durch den sie Häuser und Grundstücke im Zentrum und an der Durchgangsstraße erwerben konnten. Mit 131 Personen erreichte die Gemeinde 1880 ihren Höchststand. Danach setzte ein Abwanderungsprozess in die umliegenden Städte ein. Um 1900 lebten nur noch 93 Juden im Dorf. Über die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zwischen 1815 und 1875 gibt das erhaltene Trauungs-, Geburts- und Sterberegister Auskunft. Ihre seelsorgerische Betreuung wurde ab 1825 durch das Distriktrabbinat Bischberg (ab 1826 Sitz in Burgebrach) überwacht. Mit dem dortigen Rabbiner und auch mit der Regierung kam es aber immer wieder zu Auseinandersetzungen über die Regelung der Gottesdienste und des Unterrichts, da die Aschbacher Juden sehr konservativ eingestellt waren. Zwischen 1828 und 1840 hat man deshalb ihre Synagoge zeitweise geschlossen. Nachdem die Anzahl der Schüler sehr zugenommen hatte, wurde 1831/32 auf Anordnung der Königlichen Regierung von Oberfranken ein neues Schulgebäude errichtet. Der von Maurermeister Zahnleitner aus Burgebrach gebaute, nahezu quadratische Walmdachbau ist bis heute erhalten (Bachgasse 10). Ursprünglich beherbergte er im Erdgeschoss das Frauenbad, im Obergeschoss den Schulsaal und die Lehrerwohnung. Das rituelle Tauchbad war fast 30 Jahre lang in Benutzung, bevor die Gemeinde die Privatmikwe des Händlers Lippmann Mayer erwarb und zur öffentlichen Mikwe ausbaute. 1881/82 besuchten insgesamt 26 Kinder die Werk- und Sonntagsschule. Sie wurde 1890 in eine israelitische Elementarschule umgewandelt, musste aber 1923 wegen Schülermangels schließen.

Abwanderung und Geburtenrückgang führten dazu, dass sich die jüdische Gemeinde Aschbach im Jahr 1909 auf 70 Personen reduziert hatte. Trotzdem fand der Gottesdienst werktags einmal, am Sabbat und Festtagen dreimal statt. Die Juden beteiligten sich aktiv am Dorf- und Vereinsleben, leisteten Spenden für die 1922 eingeweihte katholische Kirche und gehörten bis Anfang der 1930er Jahre dem Gemeinderat an. 1933 umfasste ihr Bevölkerungsanteil 14 Familien mit 40 Personen.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte auch in Aschbach die Stigmatisierung der jüdischen Mitbürger ein. Im Dezember 1935 wurde Leopold Oppenheimer wegen „Hamsterns von Butter“ eingesperrt; im April 1937 Gustav Seemann wegen „Steuerhinterziehung“. Zwischen 1935 und 1938 flohen sieben Aschbacher Juden in andere Orte in Deutschland, sieben wanderten nach Holland, England und Palästina aus. Ab 1938 zwang man die Juden, ihre Häuser zu verkaufen. Auf der letzten Sitzung der israelitischen Kultusgemeinde am 12. Juni 1938 trat der 1. Vorstand Josef Seemann von der Geschäftsführung zurück; sein Stellvertreter Leopold Oppenheimer weigerte sich, das Amt zu übernehmen.

Bereits zwei Tage vor der Pogromnacht (9./10.11.1938) wurden bei Jakob Seemann und Meier Bayer die Fensterscheiben eingeworfen. Am 10. November zerstörten SS-Leute aus Bamberg zusammen mit einheimischen Bürgern die Inneneinrichtung der Synagoge und verbrannten alle Kultgegenstände, während die Juden der Vernichtung ihrer Heiligtümer machtlos zusehen mussten. Alle Männer der jüdischen Gemeinde wurden anschließend verhaftet. Die Jugendlichen und Alten hat man am nächsten Tag wieder freigelassen. Drei Männer wurden jedoch in das KZ Dachau verbracht, wo einer von ihnen, Max Sussmann, im Jahr darauf starb. Fünf Juden gelang 1939 noch die Flucht aus Aschbach in die Schweiz und nach Argentinien. Von den dreizehn Juden, die 1942 noch in Aschbach lebten, wurden sieben nach Izbica und sechs nach Theresienstadt deportiert. Während der NS-Diktatur wurden insgesamt 28 Juden aus Aschbach ermordet; bzw. gelten als verschollen.

Das jüdische Gemeindezentrum wurde mit allem Besitz 1942 offiziell der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland überschrieben, jedoch tatsächlich von der Reichsverwaltung, vertreten durch das Finanzamt Bamberg-Land, an Privatleute und die politische Gemeinde Aschbach vermietet. Der damalige Bürgermeister versuchte vergeblich, das jüdische Friedhofsareal zu erwerben, um es landwirtschaftlich umzunutzen. 1942 hatte hier die letzte Bestattung des jüdischen Dorfbewohners Jakob Seemann stattgefunden.



Nach 1945 kehrte keiner der ehemaligen jüdischen Einwohner nach Aschbach zurück. In das von der US-Militärbehörde beschlagnahmte Schloss der Familie von Pölnitz zogen jedoch verschleppte Juden aus Polen ein, die den Massenmord überlebt hatten. Deren Anzahl wechselte ständig und erreichte Anfang Januar 1948 mit 107 Personen ihren Höchststand. Das Herrenhaus diente damals als Trainingskibbuz, in dem sich die polnischen Juden auf ihr Leben in Palästina vorbereiteten. Als Betsaal diente ihnen vermutlich ein Raum des Anwesens, denn die jüdische Synagoge in Aschbach wurde nicht mehr zu religiösen Zwecken benützt. Von diesen jüdischen Schlossbewohnern stammt vermutlich die Gedenktafel für die vom Naziregime ermordeten Aschbacher Juden, die am Taharahaus auf dem Friedhof damals angebracht wurde. Im März 1948 erfolgte die Auswanderung der Gruppe und die Familie von Pölnitz bekam ihren Besitz zurück.

Der als „Mischling 2. Grades“ von den Nazis eingestufte Kunsthistoriker und Kunsthändler Hildebrand Gurlitt (1895‒1956) hielt sich bereits ab 28. März 1945 mit seiner Familie und seiner bedeutenden Kunstsammlung im Aschbacher Schloss auf, bevor er 1947 seinen Posten als Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf antrat.

Der Besitz der ehemaligen jüdischen Gemeinde Aschbach befand sich nach dem 2. Weltkrieg offiziell noch immer im Eigentum der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Seit 1948 wurde er von einem Treuhänder verwaltet und die Gebäude vermietet. 1951 fielen die Häuser an die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO), die die ehemalige Synagoge und das Schulhaus veräußerte. Die Gebäude dienen seitdem Wohnzwecken. Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern (LIKB) ließ 1997 in Aschbach ein Mahnmal zum Gedenken an die grausame Vernichtung der jüdischen Bürger von Aschheim errichten.

Im Juni 2007 wurde der jüdische Friedhof in Aschbach von Unbekannten verwüstet. Dabei wurden rund 50 Grabsteine umgeworfen und zum Teil zerstört.



(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Literatur

  • Haas, Hans-Christof: Aschbach, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, 56‒65.
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken (gff digital, Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4), Nürnberg 2017
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 23
  • Fleischmann, Johann: 10. November 1938: Reichspogrom in Aschbach, in: Fleischmann, Johann (Hg.): Mesusa 8. Aus der jüdischen Vergangenheit von Walsdorf, Lonnerstadt, Aschbach und anderen Orten Frankens, Mühlhausen 2011, S. 230-234
  • Fleischmann, Johann: 1914/15: Gesetzestreues Rabbinat in Aschbach, zuständig für den nordöstlichen Teil des Königreichs Bayern?, in: Fleischmann, Johann (Hg.): Mesusa 5. Geschichtssplitter und Chronik der Familie Steinacher, Mühlhausen 2006, S. 165-209