Jüdisches Leben
in Bayern

Aschaffenburg Gemeinde

In Aschaffenburg, das zum Kurfürstentum Mainz gehörte, sind ab Mitte des 13. Jh. Juden erwähnt. Damals korrespondierte der hier ansässiger Rabbi Abraham mit dem in jener Zeit führenden Gelehrten in der Region, Rabbi Meïr ben Baruch von Rothenburg. Ab der zweiten Hälfte des 13. Jh. ist eine jüdische Gemeinde nachweisbar. Die Eintragungen im Totenbuch des Stifts St. Peter und Alexander 1267/68 liefern dafür den Beweis. Sie verzeichnen für diese Jahre eine jüdische Schule, bzw. Synagoge in einem Haus an der damaligen Hauptstraße (heute Dalbergstraße, Ecke Rathausgasse). 1293 wird in Frankfurt ein Salman (Salemon) von Aschaffenburg genannt. Aus der ersten Hälfte des 14. Jh. gibt es dann Nachweise über Abgaben- und Zinszahlungen, Geldverleih und Bürgschaftsleistungen von Juden. Für das Jahr 1345 ist ein jüdisches Ritualbad neben einem Weiher nachgewiesen. Jüdische Bürger aus Aschaffenburg waren dem Nürnberger Memorbuch zufolge auch unter den Opfern der Judenverfolgungen in den Jahren 1337 (sog. Armleder-Verfolgung) und 1348/49 (während einer Pestepidemie). Danach wurden alle noch ansässigen Israeliten aus der Stadt vertrieben und ihr Besitz fiel an das Mainzer Erzbistum. 

Im Jahr 1359 sind erneut zwei Juden in Aschaffenburg nachgewiesen. Ihnen folgten weitere Familien, die sich im Stadtzentrum nahe dem Marktbezirk Große Metzgergasse (heute Dalbergstraße) ansiedelten. In diesem Stadtteil hatten die Juden auch zuvor schon gewohnt, doch früher gehörten ihnen die Häuser, für die sie nun Pacht bezahlen mussten. Bis ins 15. Jh. warb das Erzstift Mainz, das sehr verschuldet war, verstärkt um die Ansiedlung von Israeliten, um damit zusätzliche Steuereinkünfte zu erzielen. Erzbischof Konrad III. von Dhaun (1419‒1434) ließ 1429 an mehreren Orten seines Territoriums, darunter auch in Aschaffenburg, jüdische Männer, Frauen und Kinder einkerkern und ihr Vermögen einziehen. Den Grund dafür lieferten vermutlich säumige Zahlungen der Betroffenen. Im selben Jahr kam es im ganzen Kurfürstentum Mainz zu antisemitischen Ausschreitungen, bei denen wohl auch die Aschaffenburger Synagoge beschädigt wurde. Unter Erzbischof Adolf II. von Nassau (1461‒1475) erfolgte 1470 erneut eine Ausweisung der Israeliten. 

In der zweiten Hälfte des 16. Jh. gab es dann wieder vermehrt jüdisches Leben in der Stadt. Damals arbeitete hier der Gelehrte Simon ben Isaac Halevi, Verfasser des „Devet ktov“ (1588) und der „Masoret HaMikra“ (1572). Ihren Unterhalt verdienten sich die Israeliten in jener Zeit v.a. durch Geld- und Pfandverleih. Bis 1570 durften sie ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt zur letzten Ruhe betten. Danach war dieser Begräbnisort für Juden außerhalb Frankfurts gesperrt. Über die Größe der Aschaffenburger Gemeinde ist bis zum 17. Jh. nichts Näheres bekannt. Die Glaubensgemeinschaft war bis zum 19. Jh. dem Rabbinat Mainz unterstellt.

Im Laufe des 17. Jh. siedelten sich in Aschaffenburg 15 jüdische Familien an. In mehreren Quellen wird erwähnt, dass sie mit Vieh und Pferden handelten und Weideflächen nutzten. In jener Zeit gab es aufgrund von Verstößen der Juden gegen das Handelsverbot am Sonntag immer wieder Konflikte mit der Obrigkeit. Der städtische jüdische Friedhof „am Erbig“ in Schweinheim wird 1715 erstmals genannt. Wann seine Anlage erfolgte und wo die jüdischen Beerdigungen in der Zeit ab 1570 stattfanden, ist nicht bekannt. 1718/19 wurde dieser Totenacker mit einer Mauer befestigt, die jedoch schon kurze Zeit später schwere Beschädigungen aufwies. 1755 wurden Mauer und Grabsteine erneut demoliert; die Verursacher, zwei Aschaffenburger Bürger, hat man zu zwei Tagen Turm und Zahlung der Wiederherstellungskosten verurteilt. Nach Gründung einer Wohltätigkeits- und Beerdigungsvereinigung im Jahr 1719 diente die Begräbnisstätte als Bezirksfriedhof, auf dem neben den Aschaffenburger Juden auch die jüdischen Gemeindemitglieder aus Goldbach-Hösbach, Großostheim, Kleinwallstadt, Mömlingen, Hofstetten, Großwallstadt, Niedernburg und Hausen ihre letzte Ruhestätte fanden. Der älteste lesbare Grabstein des Friedhofs stammt aus dem Jahr 1753.

Bis zum Ende des 18. Jh. vergrößerte sich die jüdische Gemeinde Aschaffenburg auf rund 30 Haushalte. Ihren Verdienst erarbeiteten sich die Israeliten in dieser Zeit v.a. durch den Handel mit Tuch-, Seiden- und Galanteriewaren, mit Geld- und Maklergeschäften und als Hoffaktoren. Nachdem der Friedhof „am Erbig“ 1773 erneut das Ziel eines schweren Anschlags geworden war, bei dem sogar Gräber geöffnet und Leichen geschändet wurden, erlaubte die kurfürstliche Regierung der Aschaffenburger Judenschaft, einen Schützen zur Bewachung anzustellen. Unter dem Einfluss der Aufklärung strebte Kurfürst Friedrich Carl Joseph von Erthal (1719–1802) in seiner Herrschaft die Gleichberechtigung von Christen und Juden an. Er reformierte die Schulbildung und sorgte 1784 mit einer neuen Verordnung dafür, dass seine jüdischen Schutzbürger mehr Rechte erhielten und u.a. nun auch Grundbesitz erwerben durften. In einem Nachbargebäude der Synagoge (Hausnummer 89 ½, später Treibgasse 20) wurde 1788 eine jüdische Schule eingerichtet. Für die vielen auf der Wanderschaft befindlichen „Betteljuden“ hat man im Erdgeschoss dieses Hauses 1797 ein Spital eingerichtet.

1803 entstand als Ergebnis des Reichsdeputationshauptschlusses das Fürstentum Aschaffenburg unter Erzbischof Carl Theodor von Dalberg. Der Aschaffenburger Rabbiner war seitdem nicht mehr vom Mainzer Landesrabbiner abhängig, war nun in allen Angelegenheiten weisungsbefugt und führte ein eigenes Distriktsrabbinat. Die jüdische Gemeinde erwarb 1805 das sog. Vorburgische Haus, ein stiftisches Gebäude an der Ecke Treibgasse / Entengasse, das neben der Synagoge lag. Auf dem Grundstück ließ sie nach einem Entwurf des Mainzer Architekten Peter Jung ein neues Rabbinerhaus errichten. In dem klassizistischen Neubau wurden die Rabbinerwohnung, Schulräume, ein beheizbares Ritualbad und Räume für die Gemeindebediensteten untergebracht. Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner stark zu. Von 35 Familien (1803) vermehrte sie sich bis Mitte des Jh. auf 53 Familien (1848) und erreichte bis zur Jahrhundertwende eine Anzahl von über 600 Personen. Seit 1803 durften Juden in der Stadt Ladengeschäfte führen und wenig später auch Handwerksberufe ausüben. 1811 wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Die jüdischen Kinder nahmen von nun an am Unterricht in den christlichen Schulen teil; Religionsunterricht erhielten sie von jüdischen Lehrern. Gleichzeitig mussten alle Israeliten Nachnamen annehmen. Als Aschaffenburg 1814 dem Königreich Bayern zufiel, erlangte das bayerische Judenedikt Gültigkeit, das vom Magistrat jedoch großzügig gehandhabt wurde. 

In der Stadt herrschte vom 19.bis ins 20. Jh. ein reges jüdisches Gemeinde- und Vereinsleben. Die Israeliten waren in städtischen Ämtern und Gremien vertreten, im lokalen Geschäfts- und Kulturleben sowie im Fürsorgewesen engagiert. Der 1854 gegründete „Israelitische Frauenverein“ unterstützte z.B. bedürftige kranke Frauen und arbeitete eng mit dem katholischen „Elisabeth-Verein“ zusammen. Später schlossen sie sich dem „Aschaffenburger Jugendfürsorgeverband“ an. Daneben gab es den Israelitischen Männerverein "Chewra Kadischa - Bikkur Cholim",der bereits seit 1725 existierte; außerdem den Israelitischen Armenverein, den Verein zur Wahrung jüdischer Interessen, den Talmud Thoraverein; den 1909 gegründeten Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke, den Centralverein und noch eine Reihe weiterer jüdischer Gemeinschaften.

Der alten Distriktfriedhof „am Erbig“ konnte 1885/86 durch Grundstückserweiterungen vergrößert werden, diente aber in der Folgezeit v.a. den Landgemeinden als Beerdigungsplatz. Zum Distriktrabbinat Aschaffenburg gehörten Eschau, Fechenbach, Goldbach, Großostheim, Hörstein, Kleinheubach, Kleinwallstadt, Klingenberg, Lohr am Main, Miltenberg, Mittelsinn, Bad Orb, Röllbach, Schöllkrippen und Wörth am Main. Für die Stadtbewohner entstand eine neue Begräbnisstätte direkt neben dem christlichen Altstadtfriedhof am Kirchhofweg. Er wurde 1890 eröffnet und 1902 durch ein markantes Taharahaus im Stil des Historismus ergänzt. Neben dem 1893 eingeweihten Neubau der Synagoge entstand auf dem Platz der alten Synagoge bis 1899 auch ein neues Rabbinats- und Gemeindehaus (heute: Treibgasse 20) mit einer geräumigen Wohnung für den Bezirksrabbiner Dr. Gustav Wachenheimer, einem Unterrichtsraum, einem großen Versammlungssaal für die Gemeinde und einem „aufs comfortabelste“ eingerichteten Frauenbad.

1928 zählte die jüdische Gemeinde Aschaffenburgs über 700 Mitglieder. Schon zwei Jahre zuvor hatte man deshalb mit den Planungen für den Neubau eines zusätzlichen Gemeindezentrums mit Synagoge, Schul- und Verwaltungsräumen begonnen, musste das Vorhaben jedoch aufgrund der schlechten Wirtschaftslage zurückstellen. Es wurde damals jedoch eine Renovierung der großen Synagoge durchgeführt, bei der man u.a. eine Warmluftheizung und ein Beleuchtungssystem einbauen ließ. Mit diesen Modernisierungen war die Kultusgemeinde für das darauf folgende Ereignis, der 1929 stattfindenden Tagung des „Verbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden“, gut gerüstet.

Am 9. März 1933 rief die Aschaffenburger NSDAP dazu auf, nur noch in deutschen Geschäften einzukaufen. Die jüdische Bevölkerung wurde in der Folgezeit immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt und hatte eine Fülle von Schikanen zu ertragen. Da die jüdischen Kinder die öffentlichen Schulen nicht mehr besuchen durften, bestand seit 1934 auf Initiative von Rabbiner Bloch eine private vierklassige jüdische Volksschule. Feuerwehr, Vereine und andere Institutionen schlossen ihre jüdischen Mitglieder aus. Die Kultusgemeinde entfaltete daraufhin rege Aktivitäten und entwickelte eigene sportliche und kulturelle Angebote für ihre Mitglieder, wurde jedoch darin immer wieder von den aufsichtführenden Behörden schwer behindert. Nachdem die örtliche Presse keine Informationen aus der jüdischen Gemeinde mehr veröffentlichen durfte, verteilte diese eigene Zirkularschreiben an ihre Mitglieder. In ihnen wurden neben allgemeinen Informationen über das Gemeindeleben auch Hinweise zur Auswanderung, zu Umschulungen und Hilfsangeboten veröffentlicht. Die „Israelitische Notdarlehenskasse Aschaffenburg“ gewährte Kredite und Beratungen in wirtschaftlicher Notlage.

Während des Novemberpogroms 1938 kam es in der Stadt zu äußerst brutalen Ausschreitungen gegen die jüdischen Mitbürger. In Gegenwart vieler Zuschauer beschädigten, zerstörten und plünderten Mitglieder der SA zahlreiche jüdische Geschäfte und steckten die Synagoge in Brand. Einzelne Juden wurden in ihren Wohnungen überfallen, aufs ärgste terrorisiert und schwer misshandelt. Am Morgen des 10. November verhaftete die Polizei 19 jüdische Männer, hielt sie danach zum Teil monatelang fest und verschleppte sieben von ihnen in das Konzentrationslager Dachau. Nach diesen Ausschreitungen verließen immer mehr jüdische Einwohner die Stadt, u.a. Bezirksrabbiner Dr. Bloch, der nach Palästina auswanderte. Bis zum April 1942 war die Kultusgemeinde auf 193 Personen geschrumpft. Sie mussten auf engstem Raum in einigen „Judenhäusern“ leben. Zwischen April und September 1942 führte die Gestapo mehrere Deportationen in die Vernichtungslager durch. Lediglich zwölf der Jüdinnen und Juden entgingen aufgrund ihrer Ehe mit christlichen Lebenspartnern dem sicheren Tod.

Die amerikanische Besatzung ordnete am Platz der ehemaligen, von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge eine Gedenkstätte an. 1947 wurde am Landgericht Aschaffenburg mehreren ehemaligen SA-Männern, die an den Verbrechen in der Pogromnacht aktiv beteiligt waren, der Prozess gemacht. Das einstige jüdische Gemeinde- und Rabbinerhaus (Treibgasse 20) wurde nach 1945 Sitz der Stadthauptkasse, später hat man das Depot des Stadtarchivs darin untergebracht. Ab 1975 diente es für drei Jahre als Jugendhaus, dann wurde im ersten Stock ein islamischer Gebetsraum eingerichtet. 1987 hat man nach einer grundlegenden Sanierung darin ein Dokumentationszentrum zur jüdischen Geschichte Aschaffenburgs eröffnet. Die Sammlung besitzt u.a. eine dreidimensionale Computerrekonstruktion des Aschaffenburger Synagogenbaus.

 Auf dem jüdischen Friedhof in der Altstadt wurden zwei Denkmäler aufgestellt. Eine Bronzetafel aus dem Jahr 1923, die ursprünglich in der Synagoge stand, erinnert an die gefallenen Juden im Ersten Weltkrieg. Auf einer zweiten Tafel ist der Ort vermerkt, an dem 1988 die Thorarollen, die beim Novemberpogrom geschändet wurden, rituell bestattet wurden.


(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Töllner, Axel /Berger-Dittscheid, Cornelia: Schöllkrippen, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 9-54
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 21