Jüdisches Leben
in Bayern

Arnstein Gemeinde

Bereits das Martyrologium des Nürnberger Memorbuchs verzeichnet unter den Opfern des Rintfleischpogroms im Jahr 1298 jüdische Einwohner von Arnstein. Danach gibt es erst wieder aus dem späten 14. Jh. Nachrichten über jüdisches Leben im Ort. Ein in Arnstein ansässiger Jude wird als Gläubiger des Würzburger Bischofs Gerhard von Schwarzburg (Amtszeit 1372–1400) genannt. 1433 sind im Würzburger Ratsbuch „Moße jude von Arnstein u. Zara, sein hußfrau“ erwähnt. Darüber hinaus existieren aus dem 15. und 16. Jh. jedoch keine Hinweise auf weitere jüdische Bürger. 

Ein erster Arnsteiner Schutzjude des Hochstifts Würzburg, das seit Ende des 13. Jh. den Markt im Besitz hatte, ist 1633 verzeichnet. Er musste das damals übliche Schutzgeld leisten, hatte sich an den Wach- und Frondiensten im Ort zu beteiligen und durfte nur zum Eigenbedarf Vieh schlachten. Drei Jahre später sind bereits drei jüdische Haushalte belegt. 1652 wohnten fünf jüdische Familien in Arnstein, von denen zwei jedoch so arm waren, dass sie das Schutzgeld nicht bezahlen konnten. Sie bestritten ihren Lebensunterhalt durch den Handel mit Pferden und Vieh oder durch Hausieren. Der Stadtrat hatte anfangs die Ansiedlung von Schutzjuden gefördert, in der Hoffnung, dass dadurch die nach dem Dreißigjährigen Krieg zerstörten Häuser rasch wieder bewohnbar gemacht würden. Es war den Israeliten aber verboten, Eigentum zu erwerben. Sie mussten die restaurierten Gebäude an Nichtjuden abtreten, wenn diese Bedarf anmelden sollten. Mitte des 17. Jh. forderten die Stadtoberen vom Hochstift Würzburg die „Ausschaffung“ der Juden, da diese größtenteils mittellos wären und dem Ort keinen Gewinn brächten. Doch auch im Jahr 1675 lebten laut einem Verzeichnis noch vier jüdische Haushalte, insgesamt 26 Personen, in Arnstein. Zwei der hier ansässigen Israeliten gehörten drei Jahre später zu den sechs Vorstehern der Judenschaft im Hochstift Würzburg. Mehrere Anträge der Bürgerschaft an den Fürstbischof, die Vertreibung der Juden zu genehmigen, scheiterten stets. 

Um 1700 zählte die jüdische Bevölkerung von Arnstein vier Familien mit 35 Mitgliedern und wuchs im Laufe des 18. Jh. auf elf Familien an. In einem Güterverzeichnis aus dem Jahr 1705 sind zwei Israeliten verzeichnet, die am Stadtrand Grund- und Hausbesitz vorweisen konnten. 1734 versuchte ein Jude, ein Haus am Marktplatz zu kaufen, was ihm verboten wurde. Auch in den folgenden Jahrzehnten durften die Juden nur in der Peripherie Immobilien erwerben. Die jüdischen Familien wohnten größtenteils im Bereich der früheren „Judengasse“ (heute Goldgasse), die entlang der Stadtmauer vom Bettendorfer zum Siegersdorfer Tor verlief. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich nahezu ausschließlich vom Klein- und Viehhandel. Zu mehreren antisemitischen Anschlägen auf das Leben und den Besitz Arnsteiner Juden kam es in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Nachdem die Stadt 1814 an das Königreich Bayern gefallen war, kam auch hier das bayerische Judenedikt zur Anwendung. Demnach waren damals in Arnstein 18 jüdische Haushalte wohnberechtigt. Die Kultusgemeinde zählte im Jahr 1817 rund 80 Mitglieder. Sie unterstand dem Oberrabbinat in Würzburg. Als 1815 das Grundstück Haus-Nr. 149 ½ (heute Goldgasse 28) durch Tausch in den Besitz der jüdischen Gemeinde fiel, wurde darauf eine Synagoge errichtet und 1819 eröffnet. Die rund 20 jüdischen Kinder besuchten den Elementarunterricht in der christlichen Schule. Ihr Religionsunterricht fand anfangs in dem 1799 erworbenen Haus Nr. 145 (heute: Goldgasse 42) statt. Die Behörden verpflichteten die Kultusgemeinde Arnstein zur Anstellung eines staatlich geprüften Religionslehrers, dem diese 1830 nachkam. Der neue Lehrer erhielt seine Wohnung und den Unterrichtsraum im 1819 errichteten Gemeindehaus (Haus-Nr. 128, später: Goldgasse 35), musste jedoch aufgrund von Verstößen gegen das jüdische Religionsgesetz bereits drei Jahre später wieder den Dienst quittieren. Im Gemeindehaus befand sich im Erdgeschoss auch das Ritualbad der Arnsteiner Judenschaft. Ihre traditionellen Begräbnisorte waren die Friedhöfe in Laudenbach und Schwanfeld.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts eröffneten einige Israeliten Gewerbebetriebe und waren vereinzelt auch im Stadtrat vertreten. Salomon Bauer führte in der Marktstraße 16 ein Kaufhaus, in dem er ein großes Sortiment an Stoffen, Kleidungsstücken, Schuhen, Fahrräder und Nähmaschinen, später sogar Schiffspassagen nach Amerika im Angebot hatte. Dadurch erlangte er so großen Wohlstand, dass er die Stadt Arnstein während der Hyperinflation 1923 mit einer Spende von einer Billion Mark unterstützen konnte.

1933 wohnten noch rund 30 Jüdinnen und Juden in Arnstein. Sofort nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden eine Reihe antijüdischer Gesetze und Maßnahmen beschlossen. Salomon Bauer, der auch als letzter Vorstand der Kultusgemeinde fungierte, musste sein Stadtratsmandat niederlegen. Im Herbst 1935 wurde der „Ernste judenfreie Viehmarkt in Arnstein“ pompös eröffnet. Sally Veilchenblau, der einen Kramladen betrieb, und sein Bruder Ludwig, der als praktischer Arzt tätig war, gerieten 1937 ist Visier der Nationalsozialisten. Sie wurden beide übel verleumdet. Sally Veilchenblau hat man wegen angeblicher Steuerhinterziehung und unlauterem Wettbewerb zu einer Geldstrafe und Haft verurteilt: Ihm gelang im Sommer 1938 mit seiner Familie die Flucht nach Amerika. Ludwig Veilchenblau wegen angeblicher gewerbsmäßiger Abtreibung, Unzucht und Rassenschande zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, 1943 deportiert und 1947 für tot erklärt.

Nach Auflösung der Kultusgemeinde musste Salomon Bauer das jüdische Gemeindehaus 1938 weit unter Wert verkaufen. Nach seinem Abriss entstand an seiner Stelle ein privater Neubau.

Während des Novemberpogroms wurde das Innere der Arnsteiner Synagoge von Mitgliedern der NSDAP und der SA völlig zerstört. Hitlerjungen drangen in die Wohnung der beiden letzten Jüdinnen ein, die in der Stadt lebten. Sie trugen den gesamten Hausrat auf den Sportplatz und verbrannten ihn. Nachdem die beiden Frauen zwei Tage später nach Frankfurt geflohen waren, meldete der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Leonhard Herbst zufrieden: „Arnstein ist somit ab heute judenrein!“ Nach der Zerstörung der Synagoge durch die Nationalsozialisten versuchte Herbst auch noch die Abbruchkosten für das Gebäude vom ehemaligen Kultusvorstand Bauer zu erpressen.

Die 1954 für profane Zwecke umgebaute Synagoge wurde bis 2012 in ihrem Originalzustand weitgehend rekonstruiert und beherrscht seit 2012 als dominanter Bau wieder die südwestliche Altstadt von Arnstein. Das darin befindliche Kulturzentrum vermittelt jüdische Religion und Kultur einer fränkischen Kleinstadt im 19. und 20. Jh.. Ein spezielles pädagogisches Programm sowie Schreib-, Medien- und Hörstationen dienen dazu, die jüdischer Geschichte v.a. für Jugendliche erlebbar zu machen.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 18-20
  • Töllner, Axel / Haas, Hans-Christof: Arnstein, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 135-154