Jüdisches Leben
in Bayern

Ansbach Gemeinde

In Ansbach gibt es jüdisches Leben seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts. Vertreibungen und Verbote der Wiederansiedelung bestimmten das Leben der Juden bis in das 17. Jahrhundert. Als Hoffaktoren und Hofjuden mussten sie den Markgrafen Schutzgeld zahlen. 1933 zählte die jüdische Gemeinde 197 Personen, die in der Folgezeit von Verfolgung und Deportierung bedroht waren. Nach 1945 bildete sich aus überlebenden jüdischen DPs das "Jüdische Komitee Ansbach". Es kam aber nicht zur Neugründung einer jüdischen Gemeinde.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gab es jüdische Einwohner in Ansbach. Es fehlen direkte Nachweise, jedoch werden in Nürnberger Quellen zwischen 1314 und 1346 acht jüdische, aus Ansbach zugezogene Männer erwähnt. Das lässt den Schluss zu, dass es bereits eine Gemeinde gab, die dann während des großen Pogroms in der Pestzeit 1348/49 ausgelöscht wurde.

In der 2. Hälfte des 15. Jahrhundert zogen wieder einzelne Juden nach Ansbach; nach 1509 liegen sichere Nachweise für jüdische Familien in der Stadt vor. Als offizieller Schutzherr fungierten die Hohenzollern von Brandenburg-Ansbach, was jedoch Markgraf Georg Friedrich (reg. 1556-1603) nicht davon abhielt, die jüdischen Einwohner im Zuge eines "Ausschaffungsmandates" 1561 erneut zu vertreiben.

Markgraf Joachim Ernst (reg. 1603-1625) nahm das Ausschaffungsedikt 1609 zurück.  Für die Ansbacher Residenz spielten die „Hoffaktoren“ oder Hofjuden eine entscheidende Rolle. Der erste bedeutende Hoffaktor war Mordechai Model († 1709), der allein im Jahr 1699 Waren im Wert von 100.000 Talern an Hof und Militär lieferte. Von 1691 bis 1701 hatte er zusätzlich das Monopol zum Talmuddruck für die gesamte Markgrafschaft. Auf die Initiative des Hoffaktors Isaac Nathan ordnete Markgraf Karl Wilhelm Friedrich (1729-1757) am 17. März 1732 den Neubau einer Synagoge mit Wohnungen für Vorsänger und Schächter sowie einer „Juden Landtags Stube“ an. Das Vorhaben wurde bis 1746 unter mehrfach abgeänderten Plänen realisiert und ist einer der wichtigsten jüdischen Sakralbauten im deutschsprachigen Raum. Durch den Einfluss der Hoffaktoren wuchs die Gemeinde im 18. Jahrhundert und gewann zunehmend an Bedeutung: 1672 waren es acht jüdische Familien, im Jahr 1704 zehn, 1757 dreiundvierzig und 1789 sechzig Familien, 1811 lebten in Ansbach 422 jüdische Frauen, Männer und Kinder.

Mit der Gründung des Königreichs Bayern wurde Ansbach Verwaltungssitz. Als Pferde-, Vieh- und Wollhändler behielten die jüdischen Ökonomen aber weiterhin eine große Bedeutung für das Wirtschaftsleben der Stadt und der Region. 1807 wurden die bayerischen Rabbinatsbezirke umstrukturiert und Ansbach zum Distriktsrabbinat bestimmt. Das zugeteilte Gebiet war nach den Maßstäben der Zeit riesig: Neben der Gemeinde Ansbach selbst umfasste es Crailsheim, Feuchtwangen und Bechhofen, Schopfloch, Hengstfeld, Gerabronn, Ingersheim und Michelbach. Eine Aufzählung von 1829 nennt zusätzlich Bullenheim, Dietenhofen, Dottenheim, Gnodstadt, Ermetzhofen, Ickelheim, Kaubenheim, Lenkersheim, Nenzenheim, Sugenheim und Welbhausen.

Am 24. Oktober 1815 genehmigte der Staat die Anlage eines eigenen Friedhofs auf einem Acker am heutigen Joseph-Fruth-Platz. Zuvor hatte man die jüdischen Toten in Bechhofen begraben. Ab 1831 gingen die Kinder der Gemeinde in eine israelitische Volksschule, die sich in Ober und Unterstufe aufteilte. Der jüdische Unterstufenlehrer erteilte gleichzeitig den Religionsunterricht, während eine christlich-evangelische Lehrkraft die Oberstufe unterrichtete.

In Ansbach trat vom 14. bis 25. März 1836 eine Israelitische Kreisversammlung zusammen, die unter anderem über eine neue gemeinsame Synagogenordnung beriet und wichtige Reformen einleitete. Die Größe des „monströse[n] Bezirksrabbinat Ansbach“ erwies sich jedoch zunehmend als Problem und sorgte bei stellenlosen Jungrabbinern für Unfrieden. 1838 wurde es daher aufgeteilt und mit Welbhausen ein zusätzliches Distriktsrabbinat geschaffen.

Die überkommenden Einschränkungen des Judenedikts sorgten auch in der Ansbacher Gemeinde für eine stete Abwanderung zumeist junger Menschen; 1847 ergab sich, dass von den 65 Positionen der Matrikelliste nur 31 mit beitragsfähigen Personen besetzt und zehn Stellen sogar ganz offen waren. 1861, als den bayerischen Juden endlich volle Gewerbefreiheit und Freiheit des Wohnortes gewährt wurde, stieg ihre Zahl in Ansbach wieder an, vor allem durch einen Zuzug aus dem Umland. Die wachsende jüdische Gemeinde hatte mit antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen, so 1888 mit einer Beschädigung des Taharahauses, vier Jahre später wurde der Friedhof selbst geschändet.

1893 starb Rabbiner Dr. Aron Grünbaum, der die Gemeinde seit 1841 geleitet und durch seine Weltoffenheit allgemeinen Respekt genossen hatte. In der Frage seiner Nachverfolge eskalierte ein offener Konflikt zwischen der progressiven Kultusgemeinde in Ansbach und den eher konservativen Landgemeinden. Durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit setzten sich diese durch und wählten mehrheitlich Dr. Pinchas Kohn, der am 13. März 1895 im Ansbacher Rathaussaal vereidigt wurde. Nach über 21 Dienstjahren resignierte Kohn zum Neujahrsabend 1916, weil er seit einiger Zeit als religiöser Berater in Warschau tätig war und sich ganz dieser Arbeit widmen wollte.

Etliche jüdische Ansbacher kämpften im Ersten Weltkrieg, mindestens fünf von ihnen fielen. In den 1920er Jahren breitete sich trotzdem eine zunehmend feindliche Atmosphäre aus, die bereits vor der Gründung der NSDAP durch diverse völkische Vereinigungen geschürt wurde. Am 10. Mai 1922 sprach Julius Streicher vom „Stürmer“ in Ansbach, und am 22. Januar 1923 gründete sich die Ortsgruppe der NSDAP. Die jüdische Volksschule wurde 1924 mit einem Verweis auf die angespannte Finanzlage geschlossen, die Schüler auf städtische Volksschulen verteilt. Den Religionsunterricht erteilte ab Ende 1925 notgedrungen der Vorsänger Saly Schmid. Im selben Jahr wurde der bisherige Bezirksrabbiner Dr. David Brader wegen des dubiosen Verfahrens einer „körperliche Beleidigung“ entlassen. Sein Nachfolger und damit der letzte Ansbacher Rabbiner wurde Dr. Elie Munk, der sein Amt am 15. April 1926 antrat.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die systematische Entrechtung der jüdischen Gemeinde. Ab Herbst 1933 erhielten auswärtige Juden keine weitere Niederlassungserlaubnis. Mit besonderer Schärfe wurde die wirtschaftliche Ausschaltung der Juden im Vieh- und Pferdehandlung betrieben. Im Dezember lehnte es die „Fränkische Zeitung" ab, weiterhin Inserate jüdischer Geschäfte zu veröffentlichen, da dies den "Interessen des deutschen Volks und der nationalen Bewegung" zuwiderlaufe. 1935 wurde der Synagogendiener Sali Schmid in „Schutzhaft“ genommen, weil er angeblich im Taharahaus auf dem jüdischen Friedhof eine Arbeiterin der Firma Arnold verführt haben soll. Das Hetzblatt "Der Stürmer" berichtete über diesen Fall unter der Überschrift "Das Scheusal von Ansbach". 

Zermürbt von den ständigen Angriffen emigrierten zwischen 1933 und 1940 insgesamt 44 Familien ins Ausland, viele weitere zogen in andere Städte. Als Rabbiner Dr. Munk 1937 nach Frankreich auswanderte, wurde die Kultusgemeinde mit allen Filialen dem Bezirksrabbinat Kitzingen angegliedert.

Am 27. Oktober 1938 warfen unbekannte Täter während des Gottesdienstes eine Tränengasbombe in die Synagoge. Es war nur ein Vorzeichen für das, was folgen sollte: Am 6. November 1938 lies der NS-Oberbürgermeister Richard Hänel alle jüdischen Hausbesitzer in die „Fränkische Bauernstube“ holen und von dort in einen Bus bringen, wo er sie zum Verkauf ihrer Immobilien nötigte. Während der Novemberpogrome 1938 stürmten SA-Männer die Synagoge, zerschlugen die Inneneinrichtung und setzen den Haufen vor der Bima in Brand. Das Feuer konnte sich nicht ausbreiten, da die Feuerwehr schnell zur Stelle war. Wieso gerade die prächtige Ansbacher Synagoge vergleichsweise glimpflich davon kam, wird man nicht endgültig klären können. Die jüdischen Familien mussten nach dem Pogrom die Stadt bis Januar 1939 verlassen. Nur eine einzige Jüdin, die mit einem christlichen Ehemann verheiratet war, überlebte die NS-Zeit in Ansbach.                

Der Friedhof wurde im Mai 1942 auf Betreiben der Stadt Ansbach enteignet, weil das Gelände zum Bau eines Sportplatzes verwendet werden sollte. Wegen der notwendigen Umbettung einiger noch nicht ganz verwester Leichen wurde die Maßnahme auf die Zeit nach Kriegsende verschoben. Das Taharahaus wurde von der Wehrmacht 1943 als Übungsplatz verwendet.

Nach Kriegsende kamen viele befreite Jüdinnen und Juden in ein Auffanglager, das im November 1946 auf dem Gelände der Bleidorn-Kaserne am südlichen Stadtrand eingerichtet wurde. Im Ansbacher Stadtteil Strüth diente zusätzlich eine ehemalige Lungenheilstätte von Januar 1946 bis April 1949 als jüdisches Kinderheim. Das Stadtbauamt händigte – wie es den Unterlagen zu entnehmen ist – der „jüdischen Kultusgemeinde“ dringend notwendigen Hausrat wie Betten, Kissen und Bettüberzüge aus. Federführend in dieser provisorischen neuen Gemeinde war offensichtlich ein „Jüdisches Komitee Ansbach“, das Ende 1946 rund 210 Mitglieder betreute. Mit einem erneuten Aufflackern antisemitischer Ressentiments in Ansbach verlief dieses Engagement jedoch nach kurzer Zeit im Sande. Eine eigenständige, lebensfähige Kultusgemeinde konnte sich nach 1945 nicht mehr etablieren, weil nach Schließung des DP-Lagers zu wenig Personen jüdischen Glaubens in Ansbach lebten.


(Patrick Charell)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Eberhardt, Barbara / Purrmann, Frank: Ansbach, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler, Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 45-68
  • Wiesemann, Falk, "Model" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 595
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 14-17.
  • Weinberg, Magnus, Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, 2 Bde., Frankfurt/Main 1937 u. 1938, hier S. 234-240