Jüdisches Leben
in Bayern

Amberg Gemeinde

In Amberg, das im mittelalterlichen Fernhandel eine bedeutende Rolle spielte, hielten sich vermutlich schon im 11. Jh. Juden auf. Als Herzog Rudolf I. von Bayern (Amtszeit 1294‒1317) dem Ort 1294 die Stadtrechte bestätigte, ordnete er im 18. Artikel dieses Dokuments die steuerliche Gleichbehandlung von Juden und Christen an und erwähnte damit erstmals ihre Existenz in der Stadt. Die jüdischen Bewohner hatten an den Herzog Schutzgelder zu bezahlen. Trotzdem wurden viele von ihnen ein Opfer des Rintfleischpogroms, einem Massenmord an Juden, der im Jahr 1298 in Franken, der Oberpfalz und anderen Teilen Altbayerns stattfand. Laut den Aufzeichnungen des Nürnberger Memorbuches wurden damals in Amberg 13 Männer, Frauen und Kinder getötet..

Die nächste konkrete Nachricht über jüdische Stadtbewohner stammt erst wieder aus dem Jahr 1347, als Pfalzgraf Rudolf II. (Amtszeit 1329‒1353) die Ansiedlung von sechs jüdischen Familien erlaubte und dabei festlegte, dass die Steuereinnahmen je zur Hälfte an die Stadt und an den Landesherrn fallen sollten. Die Juden wurden in jener Zeit im Zusammenhang mit dem Aufschwung der Eisenerzindustrie als potente Geldverleiher dringend benötigt.

Unter der Herrschaft von Kurfürst Ruprecht I. von der Pfalz (Amtszeit 1353‒1390) blühte die jüdische Gemeinde auf und vergrößerte sich u.a. durch den Zuzug von Israeliten aus Bayreuth, Regensburg, Velburg und Rothenburg ob der Tauber. Ihr Wohngebiet lag im Ostteil der Altstadt. 1364 gründete der Regensburger Hochmeister Sußmann mit Einwilligung des Kurfürsten eine jüdische Schule in der Stadt. Ein weiterer jüdischer Hochmeister, Mosse aus Wien, zog 1369 nach Amberg. Als der Kurfürst jedoch 1385 anordnete, dass die Schulden, die die Bürger bei den Amberger Juden hatten, um rund ein Drittel reduziert werden müssen, verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Israeliten schlagartig. Der nachfolgende Kurfürst Ruprecht II. (Amtszeit 1390‒1398) befahl gleich im ersten Jahr seiner Regierung die Ausweisung der Juden aus seinen Ländereien. Der Großteil der Vertriebenen fand vermutlich in den Reichsstädten Nürnberg und Regensburg eine neue Heimat. Kurfürst Ruprecht III. (Amtszeit 1398‒1410) forderte dann von seinen männlichen Nachkommen das Versprechen, in den Besitzungen der Familie keine Aufnahme von Juden mehr zu gestatten. So wurde die Ansiedlung der Israeliten in Amberg für lange Zeit unterbunden. 

Erst aus dem 18. Jh. gibt es wieder Nachrichten, dass einzelne Juden, die zumeist aus Sulzbach kamen, in Amberg Handel trieben. Von November 1797 bis März 1798 weilte Elias Gumperz, der sich als Geldgeber und später als Direktor und Schauspieler einer Regensburger Theatertruppe betätigte, als Gast in der Stadt.

Auch im 19. Jh. kam eine geringe Anzahl von Juden aus Sulzbach nach Amberg, um hier Geschäfte zu machen. Aber erst nach der Aufhebung des „Judenedikts“ im Jahr 1861 durften sich Israeliten nach und nach in der Stadt niederlassen und Unternehmen gründen. Als erster siedelte sich der aus Sulzbach stammende Adolph Secklmann hier mit seiner Familie an und erhielt 1863 die Erlaubnis zur Führung einer Textilwarenhandlung. Ihm folgten weitere Juden, v.a. aus dem nahe gelegenen Sulzbach, die eine Reihe unterschiedlichster Geschäfte eröffneten. Anfangs waren alle Amberger Juden Mitglieder der Sulzbacher Kultusgemeinde. Bereits in den 1870er Jahren gründeten sie eine „israelitische Vereinigung“ und schufen damit eine eigene Form der Selbstverwaltung. 1889 wurde Israel Rosenthaler als Lehrer, Vorsänger und Schächter angestellt. 


Der Gründung einer Kultusgemeinde, die man ab 1892 anstrebte und die auch vom Amberger Stadtmagistrat empfohlen wurde, widersetzten sich anfangs 7 der 17 jüdischen Familienväter. Gründe hierfür waren ungeklärte Fragen zur Finanzierung und zum Unterhalt der jüdischen Einrichtungen. 1894 bestätigte die Regierung der Oberpfalz jedoch die erfolgte Errichtung der israelitischen Kultusgemeinde Amberg. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt schon über 80 Mitglieder. Das für sie zuständigen Bezirksrabbinat Floß akzeptierte die Gemeinde erst 1897, nachdem die Konflikte mit dem dortigen, orthodox eingestellten Rabbiner Dr. Magnus Weinberg beigelegt werden konnten. Ab 1902 wurde im protestantischen Schulhaus ein Raum für den jüdischen Religionsunterricht angemietet. Der jeweilige Religionslehrer war neben dem Unterricht auch für die Betreuung der jüdischen Gefangenen in der Amberger Strafanstalt zuständig und sorgte u.a. dafür, dass die Insassen während des Pessachfestes koschere Kost bekamen. Anfang des 20. Jh. waren die Juden größtenteils gut in die Stadtgesellschaft integriert. Sie engagierten sich besonders im Wohlfahrtswesen und in den verschiedenen Vereinen. Zur Amberger Gemeinde gehörten ab 1903 auch die Juden in Schwandorf und Schnaittenbach; ab 1927 zusätzlich die Nabburger Juden, ebenso ab 1930 die jüdischen Familien in Burglengenfeld. 1929 entstand für die Amberger Israeliten ein eigener Friedhof auf dem Kapellenacker im Nachbarort Gärmersdorf. Zuvor fanden ihre Toten ihre letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in Sulzbach.

Auch in den ersten Jahren nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gehörte die Amberger Bevölkerung nicht zu den eifrigsten Parteianhängern. Die NSDAP erhielt bei den Reichstagswahlen im März 1933 in Amberg lediglich 28,2 Prozent der abgegebenen Stimmen, während die Bayerische Volkspartei auf 38,7 Prozent kam. In der gesamten Oberpfalz bekam die NSDAP 34 Prozent der Stimmen, bayernweit 42,6 Prozent und deutschlandweit 44 Prozent. Auch den Aufrufen zum Boykott jüdischer Geschäfte widersetzten sich eine Reihe von Bürger. Als die Nationalsozialisten versuchten, das Warenhaus Erwege, das wegen seiner günstigen Preise eine große Konkurrenz zu anderen Läden darstellte, zu schließen, kam es Anfang April 1933 zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen treuen Kunden und den Nazis. Der Inhaber durfte sein Geschäft vorerst weiter führen. Auch in den meisten anderen jüdischen Geschäften wurde trotz Verbot durch die Partei weiter eingekauft. In jenen Jahren wurden in Amberg sogar zionistische Veranstaltungen durchgeführt, z.B. im November 1936 ein Vortrag der zionistischen Ortsgruppe Regensburg über Palästina. Bis 1938 wanderten zehn Mitglieder der Amberger Kultusgemeinde aus; zwölf weitere zogen innerhalb von Deutschland um.

In der Reichspogromnacht (9./10.11.1938) wurden in Bamberg keine jüdischen Geschäfte zerstört. Die Amberger Nationalsozialisten zertrümmerten und verbrannten jedoch die Inneneinrichtung der Synagoge und verhafteten fast alle jüdischen Mitbürger. Die Frauen wurden in der folgenden Nacht wieder freigelassen, die Männer aber in das Konzentrationslager Dachau überführt, von wo sie erst nach einigen Wochen wieder zurückkehrten. In den folgenden Monaten gingen die Synagoge, 1942 auch der jüdische Friedhof, in den Besitz der Stadt über. Jüdische Geschäfte und Privathäuser wurden „arisiert“. Im Sommer 1939 bestand die Kultusgemeinde Amberg nur noch aus rund 20 Mitgliedern. Viele jüdische Amberger waren damals bereits in die USA und nach Argentinien ausgewandert oder in andere Städte umgezogen. Am 2. April und am 22. Mai 1942 erfolgte die Deportation der letzten, in Amberg verbliebenen jüdischen Mitbürger. Sie wurden über Regensburg in die Vernichtungslager nach Piaski in Polen und Theresienstadt in Tschechien verschleppt und ermordet. 

Nach dem 2. Weltkrieg strandeten viele sog. Displaced Persons, unter ihnen auch rund 300 jüdische Flüchtlinge, in Amberg. Sie bezogen Wohnungen innerhalb des Stadtgebietes und in der ehemaligen Synagoge. Aus einem erhaltenen Protokollbuch der Jahre 1945 bis 1947 geht hervor, dass sich bereits am 2. August 1945 in Amberg 46 Personen versammelten, um eine neue jüdische Gemeinde zu gründen. Unter Leitung des Rabbiners Nathan Zanger entwickelte die Gemeinschaft vielfältige Aktivitäten, organisierte Fortbildungskurse und versorgte die Mitglieder mit koscherem Essen, wofür man 1946 in das Synagogengebäude eine neue Küche einbaute. Bis zum Ende der 1940er Jahre wanderten viele Israeliten nach Palästina aus, so dass sich die Mitgliederzahl der Amberger Gemeinde auf etwa 40 Personen reduzierte. Mitte der 1970er Jahre war sie jedoch wieder auf über 80 Mitglieder angewachsen und erhöhte sich ab den 1990er Jahren durch den Zuzug von Juden und Jüdinnen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken auf rund 250 Israeliten bis zur Jahrhundertwende. Dies hatte zur Folge, dass die jüdischen Einrichtungen, vor allem das Synagogengebäude, ausgebaut und den wandelnden Bedürfnissen angepasst werden musste. 2003 überließ die Stadt Amberg der Kultusgemeinde unentgeltlich ein Grundstück, so dass der jüdische Friedhof erweitert werden konnte. Die Amberger Gemeinde betreut darüber hinaus auch den jüdischen Friedhof in Cham, da sie dort ebenso Mitglieder hat wie in Sulzbach, Schwarzenfeld, Schwandorf und Burglengenfeld.

2015 entdeckte Elias Dray, der Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Amberg, im Toraschrein der Amberger Synagoge eine auf Pergament geschriebene Torarolle. Aufgrund der Inschrift "Sulzbach" und der Datierung 5553 (1792/93) konnte sie als eine Torarolle aus der Synagoge von Sulzbach identifiziert werden. Aufgrund der Kostenübernahme des Bundes konnte in Israel die Restaurierung durchgeführt werden. Die Torarolle wird jetzt wieder in der Amberger Synagoge aufbewahrt.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Eberhardt, Barbara / Haas, Hans-Christof: Amberg, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 229-236