Als erster jüdischer Einwohner von Alzenau ist im Jahr 1688 ein Mann namens "Davit Jud" nachgewiesen. 1707 erscheinen in der Einwohnerstatistik von Alzenau eine jüdische Familie und in Wasserlos vier jüdische Haushalte. Auch 25 Jahre später nennt ein Güterverzeichnis in Alzenau nur drei und in Wasserlos vier israelitische Familien. In den 1770er Jahren war die jüdische Gemeinde dann auf rund 40 Mitglieder angewachsen. Die Kultusgemeinde Alzenau-Wasserlos gehörte bis 1803 zum Landesrabbinat Aschaffenburg. Da Alzenau nach dem Reichsdeputationshauptschluss dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt eingegliedert wurde, teilte man die örtliche Judenschaft vorerst dem Hanauer Rabbinat zu.
Nach dem Wiener Kongress 1816 fiel Alzenau an das bayerische Königreich und die Kultusgemeinde wurde in das Distriktsrabbinat Aschaffenburg aufgenommen und nutzte auch den örtlichen Verbandsfriedhof. Die jüdischen Kinder besuchten die katholische Elementarschule und erhielten ihren Religionsunterricht bis Mitte des 19. Jahrhundert durch Wander- und Aushilfslehrer. 1855 wurde zum ersten Mal ein Religionslehrer fest angestellt. In der Synagoge stand für den Unterricht für 18 Schülerinnen und Schüler jedoch nur ein winziges Klassenzimmer zur Verfügung. Die Pläne für eine eigene jüdische Elementarschule konnten aus Kostengründen nicht realisiert werden. Die Religionslehrer, die die Kultusgemeinde ab 1877 beschäftigte, mussten gleichzeitig auch das Amt des Kantors und Schächters ausüben.
1905 wurde der israelitische Frauenverein zu Alzenau-Wasserlos gegründet, der bis zu seiner Auflösung während des Novemberpogroms 1938 vorbildliche soziale Dienste leistete. Die Mitglieder gewährten bedürftigen Personen finanzielle Hilfe, kümmerten sich um die Kranken, organisierten Beerdigungen, schickten im Ersten Weltkrieg Päckchen an die jüdischen Frontsoldaten und leisteten den Unterhalt für das Ritualbad. 1910 erreichte die jüdische Gemeinde Alzenau-Wasserlos mit 112 Personen die höchste Mitgliederzahl in ihrer Geschichte. Die Alzenauer Juden waren in das wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Leben der Kommunen voll eingebunden, engagierten sich in den Vereinen und lebten in Eintracht mit den Katholiken. Die Kultusgemeinde war insgesamt konservativ orientiert. 1931 fand in Alzenau die Bezirkstagung der "Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" statt, mit der ein Bekenntnis zum gesetzestreuen, traditionellen Judentum gefordert wurde.
Die 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten massiv betriebene Diskriminierung und Entrechtung der Juden konnte sich in Alzenau anfangs nicht voll durchsetzen. Ein Hauptgrund dafür war die bedeutende Rolle, die den Israeliten im Wirtschaftsleben der Region zukam. Zwei Drittel der 29 Tabakfabriken, die hier betrieben wurden und zu den Hauptarbeitgebern zählten, hatten jüdische Eigentümer. Ab 1935 häuften sich jedoch die antisemitischen Ausschreitungen. Jüdische Geschäfte und Häuser wurden zunehmend beschädigt und einzelne jüdische Mitbürger schwer diffamiert. Nach Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“ am 15. September 1935, mit denen die NS-Rassenideologie legitimiert wurde, verließ etwa ein Drittel der jüdischen Einwohnerschaft den Ort. 1938 zählte die Kultusgemeinde noch 55 Mitglieder. Während des Novemberpogroms 1938 zog ein Mob aus Mitgliedern der SA und Hitlerjugend durch die Straßen. Sie plünderten und verwüsteten die Synagoge, jüdische Geschäfte und Wohnungen, verprügelten die Bewohner und inhaftierten jüdische Männer. Nach diesem schrecklichen Ereignis wanderte ein Großteil der Gemeindemitglieder aus. Die verbliebenen elf Jüdinnen und Juden mussten 1942 zwangsweise in das Wohnhaus von Daniel Rothschild (Hanauer Straße 56) umziehen. In mehreren Transporten hat man sie bis September 1942 in die Vernichtungslager nach Sobibór und Theresienstadt deportiert und dort ermordet.
Das Landgericht Aschaffenburg strengte nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Verfahren an, in denen die Zerstörung der Alzenauer Synagoge und die Plünderungen und Verwüstungen jüdischen Eigentums in Alzenau-Wasserlos untersucht wurden, musste die Ermittlungen jedoch mangels ausreichender Nachweise 1950 einstellen. Nach dem Abriss der Synagogenruine ließ die Stadt Alzenau auf deren Grundstück ein Denkmal errichten. 2012 wurde neben dem Rathaus eine neue Gedenkstätte eingeweiht, die den ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern gewidmet ist. Das hier platzierte Kunstwerk von Eva Maria Warmuth beinhaltet eine goldene Schale, in der die Namen aller Jüdinnen und Juden aus Alzenau-Wasserlos eingraviert sind, die zwischen 1933 und 1945 Verfolgung und Ermordung erlitten haben. In einer Kooperation mit den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem werden von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns nach und nach die erhaltenen jüdischen Gemeindearchive – darunter das Gemeindearchiv aus Alzenau-Wasserlos – digitalisiert, um sie erstmals und vollständig online zugänglich zu machen.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Axel Töllner / Cornelia Berger-Dittscheid: Alzenau-Wasserlos. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 55-69.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 208.
