Jüdisches Leben
in Bayern

Altenstadt Gemeinde

Jüdisches Leben wird in Illereichen-Altenstadt erstmals Mitte des 17. Jh. greifbar, als Graf Kaspar Bernhard von Rechberg im Jahr 1650 fünf jüdischen Familien erlaubte, sich hier anzusiedeln. Man darf annehmen, dass mit dieser Maßnahme die im Dreißigjährigen Krieg stark reduzierte Bevölkerung wieder vermehrt werden sollte. Die damals entstandene kleine jüdische Siedlung, die sich in der Nähe der Burg befand, könnte sich jedoch bald wieder aufgelöst haben, da drei der fünf Familienväter den Ort zwischen 1660 und 1662 wieder verließen. Eine Dokumentation belegt, dass die finanzielle Ausbeutung durch die Herrschaft der Auslöser dafür war. 

Ab 1677 bis 1772 regierten die Grafen von Limburg-Styrum die Herrschaft. Ihr erster Vertreter, Graf Max Wilhelm, nahm gleich im folgenden Jahr nach Antritt seiner Regentschaft vier jüdische Familien auf. Gegen den Willen der Einheimischen wurde 1719 erneut fünf jüdischen Familien, die aus Thannhausen vertrieben worden waren, die Ansiedlung erlaubt. In dem damit verbundenen Schutzbrief wird ihnen die Errichtung einer Synagoge und eines Friedhofs sowie kostenloses Bauholz gewährt. Schulmeister und Rabbiner, die eine Wohnung in der Synagoge erhalten sollten, waren vom Schutzgeld befreit. 1722 erfolgte die Genehmigung des Synagogenbaus an der Westseite der Landstraße. Im gleichen Jahr ließ Graf Max Wilhelm am Fuß des Schlosshügels ebenfalls an der Landstraße neue Häuser für die Judenschaft errichten, die außerhalb der christlichen Siedlung lagen. Die Israeliten hatten von nun an einen eigenen Bezirk in Altenstadt, während Illereichen ausschließlich von Christen bewohnt war. Der zugesagte Beerdigungsplatz entstand am Berghang südlich von Illereichen.

Aufgrund der hohen Schutzgeldforderungen der Grafen von Limburg-Styrum waren jüdische Familien immer wieder gezwungen, aus Altenstadt wegzuziehen. Trotzdem erhöhte sich ihre Anzahl zwischen 1732 und 1789 von 35 auf 51 Familien. Fürst Johann Nepomuk von Schwarzenberg, der die Herrschaft 1788 erwarb, zwang die Juden, die von ihnen gemieteten Wohnhäuser zu kaufen, wenn sie ihren Schutzbrief behalten wollten. Dadurch ersparte er sich die notwendige Renovierung der Gebäude. Künftig erhielt jede jüdische Familie ihren eigenen Schutzbrief. Die Anzahl der Haushalte wurde auf 51 begrenzt.

1807 zählte die jüdische Gemeinde 355 Mitglieder; damit umfasste sie weit über die Hälfte der Ortsbevölkerung. Bis 1834 erhöhte sich ihre Anzahl noch auf 403 Personen. Danach erfolgte auch in Altenstadt ein drastischer Rückgang der jüdischen Bevölkerung durch die Auswanderung von v.a. jungen Männern, die sich in Übersee eine bessere Existenz erhofften. Die Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 löste vermehrte Umzüge in größere Städte aus. Daher wurde das Rabbinat Altenstadt nach dem Tod des Rabbiners Emanuel Schwab 1869 aufgelöst und die Gemeinde dem Augsburger Rabbinat unterstellt. 1880 gehörten der Gemeinde nur noch knapp 140 Mitglieder an.

Die jüdische Bevölkerung von Altenstadt lebte im 19. Jh. in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Seit 1806 war die Herrschaft Illereichen dem Königreich Bayern eingegliedert. Die Israeliten begrüßten dieses politische Ereignis sehr, begingen sämtliche Festivitäten des Königshauses mit eigenen Feiern in ihrer Synagoge und bereiteten König Ludwig I. bei seiner Fahrt durch Altenstadt am 17. Juli 1833 einen enthusiastischen Empfang. Neben der Synagoge errichtete die jüdische Kultusgemeinde 1804 ein Armen- und Gemeindehaus. Es verfügte über eine Mikwe. Ab 1815 fand darin auch der Schulunterricht statt, der bis zu diesem Zeitpunkt durch Hauslehrer erfolgt war. Dieses Gemeindehaus wurde zwanzig Jahre später durch ein Gebäude für die neu gegründete israelitische Volksschule ersetzt (Memminger Straße 49). Die Mikwe hat man damals in den Garten in einen kleinen Einzelbau ausgelagert. Hinter dem Schulhaus entstand ein neues Armenhaus. 

Im letzten Viertel des 19. Jh. lockerte sich die strenge Trennung von Christen und Juden in den Wohngebieten und man engagierte sich ab dieser Zeit vermehrt gemeinsam im Kulturleben des Ortes. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. führte wachsendes Konkurrenzdenken jedoch wieder zu Feindseligkeiten zwischen den Vertretern der beiden Konfessionen. Der Ortsteil Altenstadt verfügte über mehr wirtschaftliche Potenz und eine bessere Infrastruktur als Illereichen. Eine Folge davon war, dass Rathaus und Verwaltung des Doppelortes 1912 nach Altenstadt verlegt wurden. Der wachsende Antisemitismus zeigte sich 1922 in einer mutwilligen Beschädigung der Synagoge.

Ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg bezahlten drei der 17 Juden aus Altenstadt mit dem Leben. Für sie wurde 1925 eine Erinnerungstafel in der Vorhalle der Synagoge angebracht.

Da die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde seit der Jahrhundertwende weiter kontinuierlich abgenommen hatte, musste 1924 die israelitische Volksschule aufgelöst werden. In die Räume zog die Volksschule Illereichen-Altenstadt ein.

1933 lebten noch etwa 50 Juden in Altenstadt. Sie sahen sich zunehmenden Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt. Während der Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 wurden am 10. November sechs Juden und eine Jüdin verhaftet und die NSDAP-Ortsgruppe führte eine Kundgebung mit Hetzreden vor der Synagoge durch. Später fielen Mitglieder des SS-Trupps aus Vöhringen in den Ort ein, zertrümmerten die Inneneinrichtung der Synagoge und besetzten jüdische Geschäfte und Wohnungen. Bereits Ende März 1938 war das jüdische Schulhaus an die politische Gemeinde verkauft worden; im Sommer 1939 ging auch das Synagogengebäude an sie über. Der Friedhof blieb im Besitz der Kultusgemeinde.

Einige der Israeliten, die das Novemberpogrom überstanden hatten, konnten in den folgenden Monaten noch ausreisen. Die verbliebenen jüdischen Altenstädter wurden gezwungen, ihr Eigentum zu verkaufen und in die ehemalige Schächterei Neuburger (heute: Memminger Straße 32) umzuziehen. Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1942 wurden alle noch in Altenstadt wohnhaften Jüdinnen und Juden in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet.


An die einstige israelitische Kultusgemeinde Altenstadt erinnern heute u.a. noch der jüdische Friedhof, auf dem seit 1992 eine Gedenktafel mit den Namen der ermordeten jüdischen Mitbürger steht, das ehemalige jüdische Schulhaus (Memminger Str. 49) und das ehemalige Schächterhaus (Memminger Str. 32), in dem die Israeliten vor ihrer Deportation auf engem Raum zusammenleben mussten.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hager, Angela / Berger-Dittscheid, Cornelia: Altenstadt, in: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg i. Allgäu 2007, S. 387-396
  • Rose, Hermann: Geschichtliches der Israelitischen Kultusgemeinde Altenstadt, Altenstadt 1931