Jüdisches Leben
in Bayern

Altenschönbach Gemeinde

Altenschönbach, das zum Hochstift Würzburg gehörte, unterstand seit 1534 der Dorfherrschaft der evangelischen Freiherren von Crailsheim, die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts vor allem aus finanziellen Gründen eine Politik betrieben, die die Ansiedlung von Juden begünstigte.

Quellenmäßig nachweisbar sind Juden in Altenschönbach laut einem 1739 verfassten Bericht des Amtes Oberschwarzach an das Hochstift Würzburg erst für die Zeit um 1720. Anlässlich einer Erhebung der im Hochstift lebenden Juden berichtete der zuständige Amtmann Altenhöfer, dass vor rund 20 Jahren in Altenschönbach 10 Juden gelebt hätten, gegenwärtig dort aber 17 Juden ansässig seien. Laut dem Amtmann war die Altenschönbacher Judengemeinde die größte im Amt Gerolzhofen. Wahrscheinlich lebten aber in den genannten Jahren 10 beziehungsweise 17 Judenfamilien und damit wesentlich mehr Juden als im Bericht genannt in Altenschönbach.

Im Lauf des 18. Jahrhunderts ließ sich gegen die einmalige Zahlung von Aufnahmegebühren und die jährliche Entrichtung von Abgaben eine größere Zahl von in Altenschönbach nieder. Als erster neu zugezogener Schutzjude ist 1764 Abraham Marx nachweisbar.

Die fiskalischen Motive der Freiherren von Crailsheim für eine großzügige Ansiedlungspolitik erhellt ein Brief des Crailsheimer Amtmanns Johann Balthasar Kappel aus dem Jahr 1789. Darin wies der Beamte auf die wirtschaftlichen Vorteile für den Dorfherrn hin, die sich aus einer Bewilligung des von dem Schutzjuden David Löw für Hayum David eingereichten Aufnahmegesuchs ergeben könnten.  

Das Recht, den Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Altenschönbach zu ernennen, lag bei den Freiherren von Crailsheim. In der Mitte des 18. Jahrhunderts kam es deswegen zum Konflikt, weil die Ortsherrschaft mit dem konfliktfreudigen David Aron einen Ortsvorsteher ernannt hatte, der von der Gemeinde abgelehnt wurde. Schließlich gab Crailsheim nach und ernannte Nathan Sandel zum Ortsvorsteher.

In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bestimmten Konflikte zwischen Vorsteher Moses Oscher und der Gemeinde das jüdische Leben in Altenschönbach. So beschwerte sich der langjährige Rabbiner und Schächter David Hayum 1786 bei der Ortsherrschaft über Oschers eigenmächtiges Agieren. Sechs Jahre später berichtete der Crailsheimer Amtmann Kappel an seinen Dienstherrn, dass Oscher den Altenschönbacher Schutzjuden Joseph Nathan, der in Heidingsfeld zum Rabbiner ordiniert worden war, nicht als Rabbiner wirken lasse. Nach weiteren Beschwerden resignierte Oscher schließlich 1799 als Ortsvorsteher.

Um Konflikte mit eigenmächtigen Dorfvorstehern fortan zu vermeiden, begrenzte die jüdische Gemeinde die Amtsdauer des von ihr gewählten Vorstehers auf ein Jahr.

Am Ende des 18. Jahrhunderts nahm laut einem Gemeindeprotokoll von 1818 der „Unter-Rabbiner“ Joseph Nathan Eppstein seine Tätigkeit als Gemeinderabbiner und Lehrer in Altenschönbach auf. Eppstein hatte in Prag studiert und in Würzburg das Rabbinerexamen abgelegt.

Die Altenschönbacher Gemeinde war im 19. Jahrhundert die weitaus größte jüdische Gemeinde in der näheren Umgebung. 1807 lebten laut einem Bericht des Crailsheimer Amtmanns Kappel 30 jüdische Familien mit insgesamt 130 Personen in Altenschönbach. Während Kappel Ende des 18. Jahrhunderts noch für eine großzügige Aufnahmepolitik plädiert hatte, warnte er jetzt vor den negativen wirtschaftlichen und moralischen Folgen einer zu zahlreichen jüdischen Bevölkerung in Altenschönbach. 1813 waren laut einer Gemeindeerhebung 142 von 502 Altenschönbachern Juden.

In den folgenden Jahrzehnten wuchs die jüdische Gemeinde weiter, bis 1834 laut einer vom Landgericht Gerolzhofen erstellten Tabelle schließlich 169 überwiegend arme Juden in Altenschönbach wohnten, die großteils „Nothandel“ trieben.  

Dass die Altenschönbacher Juden auch bereit waren, für die Ausübung ihrer Religion Widerstand gegen staatliche Anordnungen zu leisten, zeigte sich 1849, als die Kreisregierung die Entfernung der Eruvdrähte anordnete. Diese machten das Dorf am Sabbat zu einem virtuellen Anwesen und erleichterten damit den orthodoxen Juden am Sabbat die Verrichtung ihrer täglichen Geschäfte. 1850 entschied das bayerische Innenministerium, dass die Eruvdrähte nicht entfernt werden mussten.

Da die ärmeren Juden, die vom Hausierhandel lebten, nach der Mitte des 19. Jahrhunderts Altenschönbach großteils verließen und zum Teil auswanderten, sank die Zahl der jüdischen Altenschönbacher in der zweiten Jahrhunderthälfte kontinuierlich. 1869 lebten noch 113 überwiegend wohlhabendere Juden im Ort.

Wie stark die jüdische Gemeinde das Dorf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägte, wird aus einem atmosphärisch dichten Bericht deutlich, den der Förster und Heimatforscher Ludwig Reinhold über das Altenschönbacher Laubhüttenfest des Jahres 1876 in seinem Heimatbuch „Um den Steigerwald, wie es war und wie es ist“ publizierte. Dort hob er den romantischen Eindruck der Sabbatlichter und der Laubhütten hervor.

Die Wirtschaftskraft der jüdischen Gemeinde litt unter der Abwanderung nicht: 1899 gehörten die fünf Altenschönbacher mit dem höchsten Steueraufkommen der jüdischen Gemeinde an. Ende des 19. Jahrhunderts engagierten sich die Altenschönbacher Juden Nathan Blüthe, Leopold Reis, Lippmann Rosenthal und Joseph Gutmann im Gemeinderat und übernahmen so politische Verantwortung.

1900 gehörten nur noch 51 Personen der jüdischen Gemeinde an, und 1916 lebten 26 Juden in Altenschönbach, die gut in das Dorfleben integriert waren. So leitete Simon Oppenheimer von 1920 bis 1923 als Dirigent den Männergesangverein.

Der nach dem 1. Weltkrieg zunehmende Antisemitismus machte sich auch in Altenschönbach bemerkbar: Am 6. Januar und 6. April 1923 trat dort die die deutsch-völkische Agitatorin Andrea Ellendt auf und hetzte gegen die angebliche Dominanz der Juden im Wirtschaftsleben.

1935 lebten 13 von der Gendarmerie überwachte Juden in Altenschönbach, von denen drei Viehhandel betrieben. Nach der „Reichspogromnacht“ im November 1938 wurden mehrere Altenschönbacher Juden verhaftet, darunter auch Ludwig Traubel, der erst mehr als einen Monat später nach Altenschönbach zurückkehrte.

Ende 1938 kam es zu zahlreichen Übergriffen auf das Eigentum jüdischer Altenschönbacher. Vier Jahre später lebten noch sechs Juden im Ort, die 1942 nach Krasnystaw und später Kransnicyn und nach Theresienstadt deportiert wurden. Keiner der letzten jüdischen Altenschönbacher überlebte die Konzentrationslager.


(Stefan W. Römmelt)

Literatur

  • Sander, Johannes: Altenschönbach, in: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg i. Allgäu 2021, S. 935-954