Ab dem 13. Jahrhundert gibt es Hinweise auf jüdisches Leben in Altenkunstadt. Die Ortherrschaft blieb bis zur Säkularisation 1803 geteilt: Um 1500 lebten hier Schutzjuden des Klosters Langheim, 1596 bewohnten die Juden der Herren von Schaumberg den adeligen Fronhof am westlichen Ortsrand, der später „Judenhof“ genannt wurde. Bei dem von Bamberg ausgehenden antijüdischen Bauernaufstand im Jahr 1699 wurden jüdische Wohnstätten in Altenkunstadt verwüstet. 1706 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung 200 Personen. Aufgrund der Einwanderungen aus Böhmen und Polen stieg deren Anzahl im 18. Jahrhundert weiter an.
Laut einer Gemeinderechnung aus dem Jahr 1750/52 unterstanden 4 jüdische Familien dem Bamberger Fürstbischof, 3 dem Kloster Langheim, 13 den Herren Marschalk von Ostheim und 38 den Herren von Schaumberg. Die Familien lebten hauptsächlich vom Kleinhandel und Hausieren. Eine Altstraße, die an 50 Dörfern vorbei nach Bamberg führte, ist auf einer Karte von 1741 als „Judenstras“ überliefert.
Laut Grundsteuerkataster 1810 gab es in Altenkunstadt zwei große jüdische Wohngebiete: am westlichen Ortsrand das der schaumbergschen Schutzjuden, in der heutigen Rechtsanwalt-Krauß-Straße und der Klosterstraße das der Schutzjuden der Herren Marschalk und der Herren von Giech. Die jüdische Gemeinde bestand damals aus rund 70 Familien, die sich vorbildlich für den Unterricht ihrer Kinder engagierten. Bereits seit 1809 gab es in einem Haus im Judenhof eine israelitische Elementarschule. Sie wurde von der Gemeinde und den Eltern privat finanziert. 1823 besuchten über 50 jüdische Schüler diese Einrichtung; ab 1839 auch die jüdischen Kinder aus Maineck und Fassoldshof.
Die Matrikellisten von 1824 weisen für Altenkunstadt 90 Stellen aus. Ihren Höchststand erreichte die jüdische Bevölkerung in Altenkunstadt 1837 mit 400 Personen. Bei einer staatlichen Erhebung wohnte der "Kultuspfleger", also Vorsänger Heinrich Hellmann im Anwesen Nr. 41.
1925 gehörten nur noch 27 Personen der jüdischen Gemeinde an, bedingt durch die allgemeine Landflucht und die Auswanderungswelle nach Amerika.
Kurz nach Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden zwei jüdische Altenkunstadter, Emil Maier und Theo Nordhäuser, aufgrund ihrer sozialdemokratischen Einstellung im Frühjahr 1933 für mehrere Wochen im Konzentrationslager Dachau eingesperrt.'' Wieder zurück, litten sie wie fast alle ihre deutschen Glaubensschwestern und -brüder unter den zunehmenden Einschränkungen ihres Alltagslebens, unter Verleumdungen und Verfolgungen.
In der Pogromnacht 1938 zerstörten Mitglieder der NSDAP-Ortsgruppe die Inneneinrichtung der Synagoge. Alle jüdischen Familienväter wurden verhaftet und zwei Tage lang in die Vogtei eingesperrt. Fünf von ihnen hat man anschließend in andere Gefängnisse verbracht und erst Mitte Dezember wieder freigelassen.
Am 10.11.1938 wurden die Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde gezwungen, die Synagoge an die politische Gemeinde zu verkaufen.
Am 29. Oktober 1939 erhängte sich Emil, der einzige Sohn des jüdischen Ehepaars Schuster; sein Elternhaus befand sich gegenüber dem Parteilokal der Nationalsozialisten und war mehrmals Zielscheibe grölender Parteigenossen. Am Morgen des 24. April 1942 wurden 13 der 15 in Altenkunstadt verbliebenen Juden gemeinsam mit Juden aus Lichtenfels und Burgkunstadt nach Bamberg gebracht. Von dort wurden sie am 25. April in das Durchgangslager Krasniczyn verschleppt und dann weiter nach Belzec und Sobibor, wo sie ermordet wurden. Benno Wolf, der mit einer Christin verheiratet war, und seine Tochter lnge wurden nicht deportiert, sondern überlebten in Altenkunstadt die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.
Anlässlich der Ausstellung "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern" 1988/1989 erstellte das Haus der Bayerischen Geschichte eine Exkursion zum Thema Landgemeinden in Oberfranken, am Beispiel Altenkunstadt-Burgkunstadt.
In einer Kooperation mit den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem werden von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns nach und nach die erhaltenen jüdischen Gemeindearchive – darunter das Gemeindearchiv aus Altenkunstadt – digitalisiert, um sie erstmals und vollständig online zugänglich zu machen.
(Christine Riedl-Valder)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Hager Angela / Hans-Christof Haas: Altenkunstadt. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 49‒55.
- Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken. Nürnberg 2017. Ggfs. digital (Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4).
- Klaus Guth: Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800–1942), ein historisch-topographisches Handbuch. Bamberg 1988 (= Landjudentum in Oberfranken. Geschichte und Volkskultur 1), S. 62-76.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 158.
Weiterführende Links
- Digitalisiertes Gemeindearchiv Altenkunstadt (CAHJP / Staatliche Archive Bayerns)
- Exkursion Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (Haus der Bayerischen Geschichte)
- Jüdische Gemeinde Altenkunstadt (Alemannia Judaica)
- Altenkunstadt (Alicke - Jüdische Gemeinden
- Wohnhaus der Tuchhandlerfamilien Mack und Seligsberg (Bayerischer Denkmal-Atlas)
- Joseph Motschmann: Es geht Schabbes ei (Juden am Obermain)
- Sichtbare Erinnerung. Jüdisches Leben in Altenkunstadt (Gemeinde Altenkunstadt)
