Jüdisches Leben
in Bayern

Adelsdorf Gemeinde

Wann sich in der Landgemeinde Adelsdorf zum ersten Mal Juden niedergelassen hatten, bleibt ungewiss. Der erste schriftliche Nachweis stammt aus einem Lehenbuch des Bamberger Fürstbischofs Anton von Rotenhan: 1448 erwähnt es in Adelsdorf ein „Gütlein […] daselbsten Kauffman Jude uffsitzt“. Dass in den nächsten Jahrzehnten weitere jüdische Familien nach Adelsdorf zogen, ergibt sich aus einer Abschrift der Gemeindeordnung von 1515, die jedem erwachsenem Juden ein „Einzugsgeld“ von zwei Gulden abverlangte. Wohl um diese Zeit wurde in der Nähe des Dorfes Zeckern, rund zwei Kilometer von Adelsdorf entfernt, ein jüdischer Friedhof angelegt. Die 1606 urkundlich belegte Begräbnisstätte zählt zu den ältesten ihrer Art und Bayern und diente bis ins 19. Jahrhundert als Bezirksfriedhof für ein Einzugsgebiet, das sich von Büchenbach im Süden bis Hirschaid im Norden und von Vestenbergsgreuth im Westen bis Forchheim im Osten erstreckte.



Mitte des 17. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde von Adelsdorf bereits so zahlreich, dass sie eine Synagoge unterhalten und nahezu durchgehend von einem eigenen Rabbiner betreuen lassen konnte. Konflikte mit der christlichen Bevölkerung blieben nicht aus, vor allem im Zusamenhang mit den Fronleichnamsprozessionen. Im Pogrom von 1699 erlitten die Adelsdorfer Juden großen Schaden, der ihnen jedoch gerichtlich erstattet wurde. Trotz der Schwierigkeiten und Anfeindungen entwickelte sich die jüdische Gemeinde von Adelsdorf im 18. Jahrhundert zur größten im gesamten unteren Aischgrund. 1735 stellten die Juden mit 161 Personen ein gutes Drittel der Gesamtbevölkerung. Der Ortstradition zufolge predigten die Adelsdorfer Rabbiner gelegentlich von der sogenannten „Judenkanzel“ im Schlosshof der Freiherren von Bibra, die Weidegründe und Marktplätze wurden gemeinsam benutzt und die Gemeindeordnung sah für den Nachtwächterdienst eine gleichberechtigte Arbeitsteilung vor: „Am Juden-Sabbath sollen die Christen, hingegen an Sonn- und Feiertagen die Juden wachen […]. Wäre aber, daß Christen- und Judenfeiertage zusammentreffen, soll derjenige Christ wachen, an wem es ist. Träfe es aber einen Juden, soll er, weil es wider ihre Zeremonien läuft, so sie attestando beigebracht, Macht haben für sein Geld und Bezahlung einen zu stellen.“

1811 lebten in Adelsdorf 55 jüdische Familien mit insgesamt 261 Personen. In der Matrikelaufzeichnungen sind um 1820 52 Stellen ausgewiesen. Einen ortsansässigen Rabbiner gab es zu dieser Zeit nicht mehr, aber 1816 wurde Adelsdorf formal zum Sitz eines Bezirksrabbinats, dass die Gemeinden Adelsdorf, Forchheim, Lonnerstadt, Mühlhausen und Vestenbergsreuth umfasste. 1829 wurde es als Substitut dem Distriktsrabbiner von Burgebrach unterstellt und von diesem als Verweser betreut. Nach dem Tod des alten Adelsdorfer Rabbiners Abraham Loeb Stein kamen einige der Gemeinden des Rabbinatsbezirkes endgültig zum Bezirk Uehlfeld.

Die Wahl von Dr. Hartwig Werner (1819-1905) zum neuen Rabbinatsvertreter brachte 1852 frischen Wind nach Adelsdorf. Er führte Reformen durch und sorgte für eine umfassende Renovierung der Synagoge. Als er 1859 nach Reckendorf wechselte, hinterließ er in mehrfacher Sicht eine große Lücke: Man fand nicht nur keinen ähnlich charismatischen Nachfolger, man fand überhaupt keinen, zumal die arme Gemeinde keinen entsprechenden Lohn zahlen konnte. Nach fast zweijährigem Ringen bot Dr. Werner von Reckendorf aus an, weiterhin als Substitut die Adelsdorfer Gemeinde mitsamt den Filialen zu betreuen. Am 21. August 1862 genehmigte die oberfränkische Regierung den gewünschten „Fortbestand des Rabbinatsbezirkes Adelsdorf in seiner bisherigen Ausdehnung“, wobei sie Forchheim und Hallerndorf dem Rabbinatsbezirk Baiersdorf zuordneten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Adelsdorfer Juden gut in das Ortsleben integriert. Ihre Kinder gingen in die örtliche Volksschule zum Elementarunterricht und für den Religionsunterricht zum jüdischen Gemeindelehrer. Am Schabbat wiederum besuchten interessierte christliche Kinder die Synagoge. Jüdische Gewerbetreibende waren über viele Jahrzehnte von größter Bedeutung für das wirtschaftliche Leben von Adelsdorf. Eine private Stiftung erlaubte 1892 die Einrichtung eines jüdischen Armenhauses. 1905 verstarb Rabbiner Dr. Werner, der auch als Burgebracher Distriktsrabbiner weiterhin in Adelsdorf gewirkt hatte. Das verwaiste Bezirksrabbinat Adelsdorf wurde jetzt aufgelöst und am 1907 dem Bezirksrabbinat Bamberg zugeteilt. Im Ersten Weltkrieg kämpften 18 jüdische Männer aus Adelsdorf, einer fiel.

In den letzten Jahren der Weimarer Republik wurde die wirtschaftliche Situation beinahe unerträglich, und immer mehr Familien zogen in die attraktiveren urbanen Zentren oder emigrierten gleich nach Übersee: Bis 1933 lebten nur noch 60 Jüdinnen und Juden in Adelsdorf.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begannen systematische Repressalien. Wer konnte, emigrierte in den folgenden Jahren oder zog wenigstens in größere Städte. Die Novemberpogrome erreichten Adelsdorf am Morgen des 10. November 1938, als Mitglieder des Reichsarbeitsdienstlagers und Forchheimer SA-Männer den Ort stürmten. Sie demolierten alle jüdischen Häuser und wollten auch die Synagoge in Brand stecken – einzig die akute Feuergefahr für den restlichen Ort hielt sie davon ab. Die zerschlagene Inneneinrichtung, alle Ritualien und Gewänder wurden auf dem Marktplatz aufgehäuft und verbrannt. Später zwang man die jüdischen Männer zum Räumen der Überreste, danach wurden sie verhaftet und tags darauf in das Konzentrationslager Dachau abtransportiert. Erst Wochen später kamen sie wieder frei. Weitere Ausschreitungen gegen die Adelsdorfer Juden gab es nach dem Attentatsversuch auf Hitler am 9. November 1939 in München. 1942 wurden die wenigen noch in Adelsdorf lebenden Juden deportiert. Als letztes verschleppte man Ricka Loewi am 17. Juni 1943 in das Konzentrationslager Theresienstadt.Von ihnen allen überlebte niemand die NS-Zeit.

Seit 1998 erinnert ein Gedenkstein auf dem Friedhof in Zeckern an die einunddreißig ermordeten Jüdinnen und Juden aus den Gemeinden von Adelsdorf und Weisendorf. Ein Memorialbuch aus demselben Jahr schildert das Leben der Opfer in Kurzbiografien. In der Nähe des ursprünglichen Standortes der Synagoge wurde im Jahr 2000 ein Denkmal in Form einer gebrochenen Säule errichtet. Zwei Erinnerungsstücke sind in New York erhalten geblieben: Im dortigen jüdischen Museum wird ein um 1700 entstandener Toraschild aus Adelsdorf ausgestellt. Ein Torawimpel – einen Tag vor der Zerstörung aus der Synagoge gerettet – befindet sich noch im Besitz der emigrierten Familie Fleischhauer.


(Patrick Charell)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hrsg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg i. Allgäu 2010, S. 29-38
  • Gesellschaft für Familienforschung in Franken / Staatliche Archive Bayerns (Hg.): Staatsarchiv Bamberg - Die 'Judenmatrikel' 1824-1861 für Oberfranken (gff digital, Reihe A: Digitalisierte Quellen, 2 = Staatliche Archive Bayerns, Digitale Medien, 4), Nürnberg 2017
  • Harburger, Theodor: Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, hg. von den Central Archives for the History of the Jewish People, Jerusalem, und dem Jüdischen Museum Franken – Fürth & Schnaittach., 3 Bde., Fürth 1998, Bd. 2, S. 1.