Jüdisches Leben
in Bayern

Adelsberg Gemeinde

Ein Ortsplan aus dem Jahr 1481, der in einer Kopie aus der Barockzeit überliefert ist, verzeichnet ein "Judenbad" und einen jüdischen Friedhof. Ein konkreter Nachweis über jüdisches Leben in Adelsberg liegt jedoch erst aus dem Jahr 1626 vor. Damals ließ sich der neue Ortsherr Hans von Schreibersdorf ein Herrenhaus in der Wasserburg Adolphbühl errichten, siedelte bereits etablierte Schutzherren im leerstehenden Burggemäuer an und veranlasste die Aufstockung eines dort schon befindlichen Judenhauses, damit es als Wohnung für zwei Haushalte dienen konnte. Wie viele Juden zu dieser Zeit insgesamt in der Burg lebten, ist nicht bekannt. 

1699 führte das Hochstift Würzburg eine Erfassung der jüdischen Ansiedlungen durch und verzeichnete für Adelsberg drei Familien. Unter den Baronen von Schütz, die seit 1710 die Herren von Adelsberg waren, wurde 1715 ein Judenordnung erlassen und 1733 an der Südseite des Burghofes eine „neye Juden paraque“ erbaut. Das zweigeschossige Gebäude bestand aus vier Judenhäusern mit je zwei Wohnungen (heutige Adresse: Adolphsbühlrstr. 57‒59). 1740 hat man im Ort zehn jüdische Haushalte gezählt. Die Familien lebten vom Rind- und Kleinvieh, Stoffen und Kurzwaren, sowie im Bäcker- und Metzgerhandwerk.

1750 erwarb der Würzburger Hofkriegsrat und General Karl Reinhard Freiherr von Drachsdorf (um 1665‒1770) das Rittergut Adelsberg. Damit wurde er auch zum Schutzherrn über die 13 bis 15 jüdische Haushalte, die es in der 2. Hälfte des 18. Jh. hier gab. Deren regelmäßige Abgaben stellten seine Haupteinnahmequelle dar und garantierten ihm sichere Einnahmen. Aus der Zeit der Drachsdorf‘schen Regierung haben sich ungewöhnlich detailreiche Quellen erhalten, die das damalige Verhältnis zwischen adeliger Herrschaft und Schutzjuden anschaulich beleuchten. Aus den überlieferten Bauplänen ist u.a. die genaue Lage der Wohnhäuser und der um 1775 erbauten Synagoge im Schlossareal ersichtlich. Der Freiherr erließ sofort nach Amtsantritt eine "Judenordnung" und regelte alle Belange des jüdischen Zusammenlebens bis hin zu den Brandvorschriften. Sein Sohn Karl Wilhelm ergänzte diese Bestimmungen durch eine umfangreiche Synagogenordnung, die 1772 in Kraft trat. Jüdische Familien, die das jährliche Schutzgeld nicht bezahlen konnten, wurden in der Regel gepfändet und vertrieben. Bereits 1759 erwarb die Kultusgemeinde von Philipp Schlöder (Schlötter) den Keller einer Scheune (Nebengebäude zu Haus Nr. 56, heute: Adolphsbühlstr. 44) im Ort und richtete dort eine Mikwe ein. Die Verstorbenen fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in Laudenbach, der fast drei Gehstunden entfernt lag.

Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1808 waren Juden nicht mehr verpflichtet, in den Häusern ihrer einstigen Herrschaft zu wohnen. Durch die Einführung des Matrikelgesetzes 1813 blieb die Anzahl ihrer Familien für Adelsberg jedoch festgeschrieben. 1817 wohnten 19 Familien im Ort. Die meisten von ihnen waren sehr verarmt und bestritten ihren Lebensunterhalt mit Klein- und Viehhandel. Als die Familie von Drachsdorf ihren Familienbesitz 1819 an Peter Binder verkaufte, wurde Schloss Adolphsbühl vollständig geräumt. Spätestens 1837 wohnten aber wieder einige jüdische Familien auf dem Gelände und mussten dafür hohe Mieten bezahlen. Bereits Mitte der 1820er Jahre kam im Ort im Zuge tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen verstärkt eine antisemitische Gesinnung auf. Sie gipfelte 1826 in einem Ratsbeschluss, der Juden die Niederlassung und den Erwerb von Immobilien in Adelsberg untersagte. Das Landgericht Gemünden zu Sachsenheim hob diesen Verbot jedoch wieder auf und verwies auf das geltende bayerische Recht. Die Kultusgemeinde gehörte zunächst dem Oberrabbinat Würzburg an und kam nach dessen Auflösung im Jahr 1840 zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen. Weiterhin blieb der Verbandsfriedhof in Laudenbach der Friedhof für die IKG Adelsberg.

Seit 1818 unterstand der jüdische Religionsunterricht staatlichen Regelungen. Die finanziell sehr schlecht aufgestellte jüdische Gemeinde konnte sich keine eigene Elementarschule leisten und beteiligte sich daher an einem Erweiterungsbau der katholischen Volksschule, womit sie sich eine große Schuldenlast aufbürdete. Den jüdischen Religionsunterricht in Adelsberg besuchten ab 1832 auch die Kinder aus Gemünden. Am südlichen Ortsausgang, wo sich eine jüdische Siedlung entwickelt hatte, richtete die Kultusgemeinde 1838 im Haus Nr. 56 (Plan Nr. 117; heute: Adolphsbühlstr. 44) einen Unterrichtsraum und eine Lehrerwohnung ein. 1855 wurde das Anwesen von der Gemeinde gekauft, wohl weil man plante, das Gebäude zur Synagoge umzubauen. Auf dem Grundstück befand sich auch die schon 1759 erworbene Kellermikwe, die 1842 renoviert und erst 1904 durch ein neues, oberirdisches Ritualbad ersetzt wurde. Es befand sich in einem eingeschossigen Bau auf einem gemeindeeigenen Grundstück (Plan Nr. 1101/2; Haus Nr. 62) und wurde bereits vor 1933 wieder abgerissen. 1880 umfasste die jüdische Gemeinde 63 Mitglieder; im Jahr 1900 waren es noch 45 Personen.

Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wohnten noch 21 jüdische Personen in Adelsberg. 1937 zählte die jüdische Gemeinde nur noch 16 Personen und feierte, um den Minjan zu erreichen, die Gottesdienste gemeinsam mit der Heßdörfer Kultusgemeinde. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich fanden im März 1938 im Amtsbezirk Gemünden etliche Gewaltakte gegen jüdische Mitbürger statt. Auch in Adelsberg wurden die Fenster der Synagoge und der jüdischer Wohnungen zerstört. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Während des Novemberpogroms 1938 trafen v.a. SA-Mitglieder aus Gemünden um die Mittagszeit des 10. November im Ort ein und verwüsteten mehrere jüdische Wohnungen. Anschließend plünderten und zerschlugen sie die Inneneinrichtung der Synagoge. Ende November 1938 musste die IKG ihr Schulhaus weit unter Wert verkaufen, woraufhin alle jüdischen Bürger von Adelsberg bis Ende 1938 den Ort verließen. Drei von ihnen gelang die Emigration in die USA; die übrigen flüchteten in die Großstädte, in die Niederlande und nach Frankreich und gerieten dort mehrheitlich in die Gewalt des NS-Regimes. Insgesamt fanden 18 jüdische Einwohner von Adelsberg den Tod in der Shoah.

Das Landgericht Würzburg verurteilte 1949 elf der Täter, die sich am Novemberpogrom 1938 in Adelsberg beteiligt hatten, zu Gefängnisstrafen zwischen drei Monaten und zwei Jahren. Jedoch musste keiner der Angeklagten seine Haft antreten, da ihnen entweder frühere Internierungen angerechnet oder die Strafe erlassen wurde. Die Hauptangeklagten wurden vom bayerischen Justizminister Josef Müller begnadigt.

Am Friedhof von Adelsberg erinnern noch die Namen der jüdischen Mitbürger auf dem Kriegerdenkmal des Ersten Weltkriegs an die einstige Kultusgemeinde, die hier im Ort existierte. Die Kommune Adelsberg nimmt an der Initiative DenkOrt Deportationen in Würzburg teil und hat 2020 vor dem Schloss (Adolphsbühlstraße 57/59) eine Kofferskulptur eingeweiht, um an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft zu erinnern. Ein Gegenstück steht auf dem zentralen Mahnmal am Würzburger Bahnhofsplatz.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 36-38.
  • Hans Schlumberger / Cornelia Berger-Dittscheid: Adelsberg. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade. Lindenberg im Allgäu 2015, S. 123-134.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 214.