Thomas (eig. David) Theodor Heine stammte aus einer gut situierten deutsch-jüdischen Familie und studierte nach einer recht problematischen Schulzeit Kunst in Düsseldorf. Anschließend zog es ihn nach München, wo er 1896 Gründungsmitglied und später Miteigentümer des berühmten Satiremagazins "Simplicissimus" wurde. Th. Th. Heine entwarf das Markenzeichen (eine bissige rote Bulldogge mit gesprengter Kette) und gestaltete den Inhalt von 1909 bis 1933 maßgeblich mit. Auf dem Höhepunkt seiner Schaffenszeit war Heine einer der bekanntesten Karikaturisten in Europa. Nach der NS-Machtübernahme musste er mit seiner Ehefrau Magdalena geb. Kirsch (gest. 1938) und Tochter Johanna in das neutrale Schweden fliehen. Seine eindrücklichen, in der Rückschau stets zutreffenden Karikaturen über die deutsche Gesellschaft im Kaiserreich und der Weimarer Republik haben längst Eingang in die Geschichtsbücher gefunden.
Th. Th. Heine wurde als David Theodor Heine in Leipzig geboren. Seine Eltern, die Engländerin Esther geb. Hesse (1837-1908) und der Gummiwarenfabrikant Isaak Heine (1831-1917, "Fa. Julius Marx, Heine & Co.") gehörten dem kulturell assimilierten jüdisch-deutschen Bürgertum an. Religion spielte in der Familie keine besondere Rolle, um 1890 konvertierte Heine wohl aus gesellschaftlichen Gründen zum evangelischen Christentum. Bereits mit sieben Jahren zeichnete er, nach eigenen späteren Aussagen, heimlich auf dem Klo. Auf dem Leipziger Thomasgymnasium wurde Heine von der der Schule verwiesen, weil er nebenbei an der Zeitschrift "Leipziger pikante Blätter" mitgearbeitet hatte. 1883 studierte er unter Prof. Peter Janssen (1844-1908) an der Akademie der bildenden Künste in Düsseldorf. 1887 zog er nach München, wo er sich 1889 endgültig niederließ. Heine zog nach Dachau, wo er sich anfangs auf impressionistische Landschaften verlegte. Außerdem zeichnete er seit 1892 humorvolle Dackelgeschichten für die "Fliegenden Blätter". Für den Verleger Albert Langen (1869-1909) entwarf er zunächst einige Bucheinbände und Illustrationen.
Am 1. April 1896 schloss sich Heine, der inzwischen den griffigeren Künstlernamen "Thomas Theodor" [Th. Th.] angenommen hatte, der Redaktion von Langens neu gegründetem Satiremagazin "Simplicissimus" an. Binnen kurzem entwickelte sich Th. Th. Heine zu einem der führenden Karikaturisten, ihm verdankt sich auch die wohl erste Bertolt-Brecht-Karikatur. Zusätzlich war er auch Mitarbeiter des Münchner Kabaretts "Die elf Scharfrichter", für das er berühmte Plakate entworfen hat. 1906 heiratete er Magdalena geb. Kirsch (gest. 1938) nach 14 Jahren "wilder Ehe". Zu diesem Zeitpunkt war die gemeinsame Tochter Johanna bereits zehn Jahre alt. Ab 1919 wohnte die Familie überwiegend in Dießen am Ammersee, wobei Heine sein Atelier in München beibehielt.
Th. Th. Heine war von Beginn an eine treibende Kraft im Simplizissimus, seine Arbeiten gehören zu den bis heute bekanntesten und zeithistorisch bedeutsamsten Beiträgen. Die Texte zu seinen Bildern schrieb er, anders als viele Kollegen, grundsätzlich immer selbst. Heine erfand auch das Markenzeichen der "bissigen" satirischen Wochenzeitschrift, eine englische rote Bulldogge mit gesprengter Kette. 1898 wurde Heine nach einer besonders provokanten Karikatur zur Palästinareise Kaiser Wilhelms II. (reg. 1888-1918) wegen Majestätsbeleidigung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe wurde in Festungshaft umgewandelt, die er zusammen mit Wedekind auf der Festung Königstein in Sachsen verbüßte.
In der Walpurgisnacht eröffnete die populäre Wirtin Kathi Kobus in der Türkenstraße 57 ein neues Lokal, für das ihr noch ein zugkräftiger Name fehlte. Sie übernahm mit Einverständnis der Redaktion den Namen Simplicissimus. Heine schenkte ihr zusätzlich seine zähnefletschende Dogge, die jetzt allerdings nicht mehr die Ketten der Zensur zerreißt, sondern mit scharfen Zähnen eine Sektflasche öffnet. Den "Alten Simpl" mit der roten Dogge gibt es bis heute. Als die Redaktion der Satirezeitschrift im Jahr 1906 neue Verträge aushandelte und den Simplicissimus zur GmBH umwandelte, wurde Th. Th. Heine sogar Anteilseigner: Der Verleger Langen behielt weniger als die Hälfte der Anteile, von den Mitarbeitern bekam jeder einen, Th. Th. Heine und Ludwig Thoma (1867-1921) jeweils zwei. Nach Langens Tod im Jahr 1909 ließ Heine den Zeitungskopf ändern: "Begründet von Albert Langen und Thomas Theodor Heine". Er bestimmte von nun an den Inhalt wesentlich mit und vertrat nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine streng patriotische Linie. Diese bedingungslose Unterstützung driftete bis 1918 in chauvinistische Propaganda ab.
Erst in den 1920er Jahren kehrte der Simplicissimus zu seiner Höchstform zurück: Heine wurde ein kompromissloser Gegner des aufkommenden Nationalsozialismus und entlarvte die NS-Ideologie mit seinen besten, ätzenden Arbeiten. Nach der Machtübernahme 1933 konnte Heine in letzter Minute vor der Verhaftung fliehen und gelangte über Prag und Brünn im Jahr 1938 nach Oslo. 1942 flüchtete er weiter nach Stockholm, wo er seinen persönlichen Kampf gegen das Hitlerregime mit seinen Karikaturen vorsetzte. Nach der Machtübernahme 1933 wurde das deutschlandweit sehr populäre Blatt nicht verboten, sondern "gleichgeschaltet" und für die NS-Propaganda missbraucht. Im Jahr 1944 wurde der Simplicissimus wegen Papiermangels endgültig eingestellt. Nach dem Ende der NS-Diktatur gab es immer wieder Neugründungen, die vergeblich am alten Ruhm anzuknüpfen suchten.
(Patrick Charell)
Bilder
Literatur
- Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 261.
- Reinhard Bauer: Schwabing leuchtet. Geschichte, Kultur und Wirtschaft. München 2004, S. 39.
- Haus der Kunst München / Bayerische Staatsgemäldesammlung / Carla Schulz-Hoffmann (Hg.): AK Simplicissimus. Eine satirische Zeitschrift, München 1896-1944. München 1978, hier S. 405-411.
- Christian Schütze: Das Beste aus dem Simplicissimus. Mit einer Einleitung von Golo Mann. Frankfurt a.M. / Wien / Zürich (Lizenzausgabe) 1976.
- Eugen Roth: Simplicissimus. Ein Rückblick auf die Satirische Zeitschrift. Hannover 1954.
Weiterführende Links
Quellen
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