Biografien
Menschen aus Bayern

Simon Lessing Unternehmer und Brauereibesitzer

geboren: 20.12.1843, Mühlhausen (Mfr)
gestorben: 2.07.1903, Bamberg

Wirkungsort: Bamberg

Simon Lessing war ein innovativer und tatkräftiger Geschäftsmann, der maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung Bambergs beigetragen hat. Als jüngster Spross einer Hopfenhändlerfamilie trat er in die Firma ein und konzentrierte sich nach seiner kaufmännischen Ausbildung zunächst auf den Ausbau einer familieneigenen Ziegelei. Im Jahr 1885 gründete er die erste Aktienbrauerei in Bamberg, zugleich auch die größte Braustätte der Stadt. Sein "Frankenbräu" konnte internationale Exportmärkte erschließen und nannte sich mit einem königlichen Privileg ab 1901 "Hofbräu Bamberg". Nach dem Tod des Firmengründers setzte die Hofbräu AG seinen Erfolgskurs bis in die 1970er fort.

Der jüdische Hopfenhändler Samuel Moses Lessing (1808-1878) siedelte 1862 mit seiner Frau Rosetta geb. Fröhlich (1810-1882) und vier Kindern aus dem mittelfränkischen Mühlhausen in das knapp 20 Kilometer entfernte Bamberg um, das als Umschlagplatz für Hopfen einen internationalen Ruf genoss. Samuels Söhne Anton, Benno und Simon stiegen ebenfalls in das Unternehmen ein, das schließlich unter dem Namen "Lessing & Söhne" firmierte. Der älteste Sohn Anton Lessing (1840-1915) ging wenig später nach Russland, wo er als Industrieller erfolgreich wurde und sich auch politisch betätigte. Das sollte sich in seiner Familie fortsetzten - sein Urenkel ist der Bundestagsabgeordnete und langjährige Vorsitzende der Linken, Gregor Gysi (*1948). Nach einer Ausbildung als Handlungs-Kommis heiratete Simon Lessing im Jahr 1871 die Kaufmannstochter Johanna Strauß und nach deren frühen Tod ihre Schwester Clara (1858-1938). Aus den Ehen gingen vier Kinder hervor: Meta Bally (1873-1964), Johanna Bendit (1876-1915), Rudolph Lessing (1878-1964) und Willy Heinrich (1881-1939).

Simon Lessing vergrößerte den Ziegeleibetrieb der Familie und war sehr an technischen Innovationen interessiert, unter anderem experimentierte er mit neuen Motoren und Transportschiffen. Im Jahr 1885 gründete er die Brauerei Frankenbräu, aus der später der Bamberger Hofbräu hervorging. Darüber hinaus trat Lessing als erfolgreicher Investor auf – so unterstützte er 1896 den Schweinfurter Industriellen Friedrich Fischer beim Bau eines neuen Werkes zur Kugellagerherstellung und wurde zum Mehrheitsaktionär der späteren FAG Kugelfischer. In der repräsentativen Sophienstraße ließ er ein großes Wohnhaus im klassizistischen Stil für seine Familie errichten (heute Willy-Lessing-Straße 8). Er war fest im Bamberger Großbürgertum integriert und engagierte sich in wohltätigen Einrichtungen. Unter anderem gehörte er als Ehrenmitglied dem städtischen Bürger-Kranken-Verein an.

Am 27. Oktober 1903 erlag Simon Lessing einem langjährigen Nierenleiden und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bamberg beigesetzt. Zu seinem Andenken gründete sein Sohn Willy Lessing 1932 die "Simon und Clara Lessing' sche Stiftung" zur Unterstützung von erkrankten und notleidenden Brauerei-Arbeitern, Maurern und Ziegelarbeitern. Willy Lessing selbst fiel 1938/39 den Nationalsozialisten zum Opfer. Nach ihm wurde die frühere Sophienstraße unbenannt. Heute befindet sich dort das Gemeindezentrum der IKG Bamberg (Willy-Lessing-Straße 7a).

Am 5. November 1885 gründete Lessing die "Erste Bamberger Exportbierbrauerei Frankenbräu", die er mit einem Grundkapital von 1,1 Millionen Mark in das Handelsregister eintragen ließ. Für Bamberg war das eine absolut neues Geschäftsmodell: Es gab bisher noch keine Aktienbrauerei und auch noch kein Unternehmen, das auf hochmodernen Niveau große Mengen Bier für den außerstädtischen Vertrieb herstellen konnte. Es gab auch eine eigene Mälzerei, um die benötigten Braumalze in großem Stil selbst herzustellen, und für den reibungslosen Export wurde die Brauerei mit einem eigenen Industriegleis an den 1852 erweiterten Bamberger Hauptbahnhof angeschlossen. Das Frankenbräu an der Pödeldorfer Straße 75 war von Beginn an die mit Abstand größte Brauerei der Stadt und erreichte einen Jahresausstoß von 100.000 Hektolitern. Auf der Weltausstellung in Brüssel 1888 wurde das Bier ausgezeichnet. In den 1890er Jahren ließ Simon Lessing am Brauereigelände ein Schlösschen errichten, das nach dem Vorbild des Kopenhagener Tivoli zum Zentrum einer Vergnügungsstätte werden sollte. Diese Pläne wurden zwar nicht realisiert, die Bausubstanz ist jedoch noch erhalten. Das Bamberger Frankenbräu Export fand seinen Weg bis nach Amerika, Australien, Ostindien, Indonesien und Afrika. Wegen des internationalen Ansehens und weil er selbst vom Geschmack sehr angetan war, gewährte Kronprinz Rupprecht von Bayern das außergewöhnliche Privileg, dass sich Lessings Großbrauerei ab dem Jahr 1901 "Hofbräu" nennen durfte (Hofbräu AG Bamberg).

Zwei Jahre später, 1903, verstarb der Gründer Simon Lessing. Nach 34 Jahren eigenständigen Brauens fusionierte das Hofbräu Bamberg im Jahr 1919 mit Hofbräu Erlangen (Hofbräu AG Bamberg und Erlangen). Witwe Clara und Sohn Willy Heinrich Lessing blieben Teilhaber des Betriebs. In den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges betrieb der Hofbräu eine aggressive Konkurrenzpolitik und entwickelte sich zu einer der größten Brauerunternehmen Nordbayerns. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ging auch an der Bamberger Hofbräu AG nicht spurlos vorbei. Bereits ein Jahr später übernahm eine Münchner Bank auf Befehl der NS-Machthaber die Aktien der Mehrheitseigner Ignaz Nacher (Berlin) und 1936 von Willy Lessing. Willy Lessing wurde im Novemberpogrom 1938 so schwer verletzt, dass er den Folgen seiner Verletzungen erlag. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die Hofbräu AG den Alliierten als Armeebrauerei. Erst in den 1970er Jahren geriet die Brauerei in Schieflage und wurde von der Unternehmensgruppe Patrizierbräu AG übernommen. Mit Ablauf des Kalenderjahres 1977 stellte diese die Bierproduktion am Bamberger Standort ein. Auf dem Areal entstand wenig später der Neubau der Allgemeinen Ortskrankenkasse und ein Wohngebiet. Die Markenrechte für Hofbräu Bamberg gehören mittlerweile der Mälzerei Weyermann, die in ihrem Gästezentrum eine Lounge mit dieser Bezeichnung betreibt und dafür auch spezielle Biere unter dem Namen Hofbräu herstellt.


(Patrick Charell)

Literatur

  • Markus Raupach: Die deutschen Juden und das Bier. In: Europäische Janusz Korczak Akademie (Hg.): Mit Davidstern und Lederhose. Jüdische G'schichtn on Tour. S.L. 2021.
  • Christian Fiedler: Bamberger Biergeschichten. Bamberg 2020
  • Christian Fiedler: Bamberg. Die wahre Hauptstadt des Bieres. Bamberg 2016.
  • Lilian Harlander / Bernhard Purin: „Wegen der israelitischen Feiertage geschah gestern und heute im Hopfengeschäft nichts..." Über jüdische Hopfenhändler in Bayern.. In: Lilian Harlander / Bernhard Purin (Hg.): AK Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten. München 2016, S. 53-52.
  • Christian Kestel: Händler-Fabrikanten-Bankiers – Jüdisches Unternehmertum in der Bamberger Wirtschaft des 19. Jahrhunderts. In: Stadtgalerie Bamberg / Regina Hanemann (Hg.): AK Jüdisches in Bamberg. Petersberg 2013 (= Schriften der Museen der Stadt Bamberg 51) S. 110-113.
  • Herbert Loebl: Juden in Bamberg. Die Jahrzehnte vor dem Holocaust. Bamberg 1999, S. 180, 258-260 u. 261-264.
  • StadtAB, C2 + 60794 (Gründung der Simon Lessing' schen Wohltätigkeitsstiftung)

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