Die Jüdin und Russin Sonja Lerch gehörte an der Seite von Kurt Eisner zu den intellektuellen Wegbereitern und Begleitern der Bayerischen Räterepublik 1919. Am 29.03.1918 wurde Sonja Lerch in der JVA München-Stadelheim erhängt aufgefunden. Die Umstände ihres Tods sind ungeklärt.
Sie erfuhr während ihrer Kindheit für diese Zeit ungewöhnlich viel Bildung und Entfaltungsmöglichkeiten. Sonja Lerch war die Tochter des russischen Schriftstellers Saul Pinchas Rabbinowicz. Ihr Vater war bereits in der Politik aktiv und musste später nach Deutschland fliehen. Lerch wurde Lehrerin und übersetzte nebenher Bücher aus dem Deutschen ins Russische. So beispielsweise „Das jüdische Weib“ von Nahida Remy. Schon früh war sie Mitglied im Jüdischen Arbeiterbund. Während sie als Lehrerin in Odessa tätig war, beteiligte sie sich an der Russischen Revolution im Jahr 1905. Schon 1907 wurde sie wegen ihrer Mitgliedschaft im Arbeiter- und Deputiertenrat inhaftiert, doch sie floh und gelangte letztendlich nach Deutschland, wo bereits ihre Eltern nach der Flucht aus Russland angekommen waren. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, schrieb Lerch für die SPD-Zeitung Münchener Post, weswegen sie öfter in München war. Außerdem studierte sie noch Nationalökonomie. Ihre Promotion schrieb sie zum Thema „Zur Entwicklung der Arbeiterbewegung in Russland bis zur großen Revolution von 1905“.
Im Jahr 1912 heiratete sie den Romanisten Heinrich Eugen Lerch, den sie erstmals in München getroffen hatte. Eugen Lerch kam aus einem christlichen, bürgerlichen und kaisertreuen Elternhaus. Sonja Lerch hat sich daraufhin vom politischen Leben etwas zurückgezogen. Doch schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges engagierte sie sich wieder: Sie kritisierte als Pazifistin die Burgfriedenspolitik der SPD. Anschließend hat sie die Partei verlassen und trat der USPD bei. Sie agierte einerseits als Pazifistin aber auch als Anhängerin der Russischen Revolution von 1917. Ihr Ziel war es eine Vereinigung mit dem russischen Proletariat zu erreichen, da sie glaubte, dass sich mit der Erfüllung dieser Vorgabe auch andere europäische Arbeiter anschließen könnten. Sie engagierte sich für einen Generalstreik, der den Krieg beenden und Frieden mit Russland schaffen sollte. In großen Reden versuchte sie im Januar 1918, die Arbeiterinnen und Arbeiter zu einem Streik aufzufordern. Nach nur einer Woche wurde sie am 1. Februar 1918 verhaftet und als „Landesverräterin“ verurteilt. Sonja Lerch wurde zu Hause bei ihrem Mann festgenommen, als sie ihn noch einmal sehen wollte. In den fast acht Wochen ihrer Untersuchungshaft besuchte Eugen Lerch sie nicht.
Am 15. März 1918 wurde Sonja Lerch vom Untersuchungsgefängnis Neudeck in das Gefängnis München-Stadelheim überstellt. Eugen Lerch hatte die Scheidung schon eingereicht, der Verhandlungstermin stand bevor. Kurz vor der Scheidung nahm sich Sonja Lerch das Leben. Kurt Eisner war zur selben Zeit in Haft. Er glaubte, dass die Ursache ihres Selbstmordes auch im Privaten lag. Ihm zufolge erlebte sie das Martyrium doppelt: als russische Sozialistin in der deutschen Partei und als russische Frau bei dem deutschen Universitätsgelehrten.
Die Erinnerung an Sonja Lerch ist stark geprägt von ihrem frühen Tod – vielleicht wurde dieser durch eine private Tragödie ausgelöst. Ihr Einfluss auf die Geschehnisse im Januar war kurz; möglicherweise nahm sie aber Einfluss auf den Verlauf der Revolution im November des gleichen Jahres. Laut Kurt Eisner waren es diese Arbeiterstreiks, die wenige Monate später zur Revolution führten. Neben Eisner und Ernst Toller gehörte Lerch zu den Hauptrednerinnen auf den Versammlungen, wobei die Polizeiprotokolle sie nur namentlich erwähnen, aber ihre Reden nicht mitschrieben. Einem Bericht der Staatsanwaltschaft München an das Bayerische Justizministerium zufolge forderte Lerch in ihrer Rede Kurt Eisner zum Massenaufstand auf und sprach von der Verbindung des deutschen mit dem russischen Proletariat. Sie sprach auch davon, dass der Freiheitsgedanke in München endlich zur Verwirklichung kommen müsse. Ihr Ziel war es, dass die Arbeit so lange niedergelegt werden müsste, bis die Freiheitsidee sich durchgesetzt habe. Ihre Reden übten auf die Zuhörer eine große Wirkung aus, so dass tatsächlich beschlossen wurde, die Arbeit niederzulegen. Lerch selbst sah in der Aufforderung zum Massenstreik keinen Landesverrat.
Sarah Sonja Lerch wurde auf dem neuen israelitischen Friedhof in München begraben. Weggefährten von der USPD legten einen Kranz nieder. Reden durfte es keine geben. Ganz vergessen wurde sie nicht. 2017 wurde ihr Grabstein auf private Initiative hin saniert, seit 2019 gibt es in München die Sarah-Sonja-Lerch-Straße und ein Graffiti des deutschen Künstlers WON ABC zeigt sie neben anderen führenden jüdischen Politkern der bayerischen Revolution (Kurt Eisner, Ernst Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam).
Aus der Serie „Gesichter unseres Landes“ von der Hanns-Seidl-Stiftung
(Karin B. Schnebel | Patrick Charell – mit freundlichen Hinweisen von Cornelia Naumann)
Literatur
- Cornelia Naumann: Der Abend kommt so schnell. Sophia Lerch, Münchens vergessene Revolutionärin. Meßkirch 2018.
- Günther Gerstenberg, Cornelia Naumann (Hg.): Steckbriefe gegen Eisner, Kurt und Genossen wegen Landesverrates. Ein Lesebuch über Münchner Revolutionärinnen und Revolutionäre im Januar 1918. Bodenburg 2017.
- Streikbewegung in München (Januar 1918). In: Bundesarchiv RY 19/ II 143/ 3; enthält: Briefe und Zeitungsausschnitte über den Selbstmord Sonja Rabinowitsch-Lerchs im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim.
- Günther Gerstenberg: Der kurze Traum vom Frieden. Ein Beitrag zur Vorgeschichte des Umsturzes in München 1918 mit einem Exkurs über die Gießener Jahre von Sarah Sonja Rabinowitz von Cornelia Naumann. Lich 2018.
- Cornelia Naumann (Hg.): „Ich hoffe noch, dass aller Menschen Glück nahe sein muss ...“ Fragmente eines revolutionären Lebens der Sarah Sonja Rabinowitz, Lich 2018.
Weiterführende Links
Quellen
GND: 127690816