geboren: 27.03.1866,
Nordheim v. d. Rhön
gestorben: 14.06.1938,
Frankfurt a. M.
Wirkungsort:
Schweinfurt
Salomon Stein ist ein Beispiel für die professionelle, akademische Ausrichtung der Rabbiner im Deutschen Kaiserreich. Er studierte geisteswissenschaftliche Fächer in Würzburg, Berlin und Leipzig mit Promotion, gleichzeitig ließ er sich in Würzburg am Israelitischen Lehrerseminar und dem Berliner Rabbiner-Seminar ausbilden. 1890 wurde er zum Rabbiner des großen Distrikts Schweinfurt berufen. Rabbiner Dr. Stein gehörte der orthodoxen Schule an, sah sich aber als deutscher Patriot und bemühte sich 1920 bei der Gründung des "Verbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden" um einen Ausgleich zwischen den Parteien. Neben seinen theologischen Werken publizierte Dr. Stein wichtige Arbeiten zur Geschichte der Juden in Schweinfurt.
Salomon Stein war der Sohn von Caroline geb. Strauss (gest. 1903) und des Viehhändlers Jacob Stein (gest. 1894) in Nordheim v. d. Rhön. Nach dem Besuch der örtlichen Volksschule trat er am 1. Oktober 1876 in die zweite Lateinklasse der Kgl. Studienanstalt Schweinfurt ein (heute Celtic-Gymnasium) und machte 1884 seine Reifeprüfung (Abitur). Im Wintersemester 1884/85 begann er ein breit angelegtes geisteswissenschaftliches Studium an der Universität Würzburg. Im Sommersemester 1886 wechselte er an die Universität Berlin und verlegte sich dort mehr auf orientalische Studien (Syrisch, Arabisch) sowie der Philosophie und Pädagogik. Im Februar 1888 wurde Stein an der Universität Leipzig promoviert. Seine Dissertation „Das Verbum der Mischnahsprache“ erschien noch im gleichen Jahr im Druck und fand als beachtlicher Beitrag zur Grammatik des Neuhebräischen die Zustimmung der Fachwelt. Parallel zum Universitätsstudium betrieb Salomon Stein zielstrebig die Ausbildung zum Rabbiner. Schon in Würzburg studierte er die hebräischen und talmudischen Disziplinen am Israelitischen Lehrerseminar (ILW), in Berlin besuchte er das 1873 gegründete und renommierte orthodoxe Rabbiner-Seminar. Schon seit November 1888 hatte er als Lehrer in der Berliner Religionsschule gearbeitet. Mit dem "sehr guten" Zeugnis vom 1. April 1890 wurde Stein als befähigt zur Übernahme eines Rabbinats erklärt.
Noch im Mai 1890 wurde Dr. Salomon Stein von der IKG Schweinfurt als Verweser des großen Distriktrabbinat Schweinfurt vorgeschlagen, das Amt konnte er allerdings erst am 30. Juni antreten. Neben der Betreuung der 25 Kultusgemeinden des Distrikts oblag ihm der Religionsunterricht an den Schweinfurter Mittelschulen (Realschule, Gymnasium und höhere Mädchenschule). Obwohl Stein dem orthodoxen Lager angehörte und die Neuerungen seines liberalen Vorgängers Maier Lebrecht wieder abschaffte (gemischter Chor, Orgelspiel, jüdische Konfirmation) und viele Differenzen mit dem Gemeindevorstand ausfechten musste, galt er bald als „anerkannter Führer“ der Gemeinde Schweinfurt. Im ersten Weltkrieg veranstaltete Stein als überzeugter deutscher Patriot, der er trotz seiner traditionellen Glaubensauffassung war, Bittgottesdienste und predigte den Gemeinden Pflichterfüllung im Felde: "Israels Söhne und Töchter befanden sich in ihren Gotteshäusern am Vortag vor dem 9. (des jüd. Monats) Ab, dem traurigen Gedenktage der jüdischen Gemeinschaft und der jüdischen Geschichte. Da wurde die Kriegsbereitschaft erklärt und verkündet. Israels Söhne und Töchter fasteten und trauerten an jenem denkwürdigen Sonntag des 2. August in den Gotteshäusern um ihr Heiligtum. In den Schmerz und in die Trauer mischte sich nunmehr die Sorge und die Angst um des deutschen Vaterlandes Schicksal" (Rabbiner Dr. Salomon Stein).
Bei der Gründung des „Verbands Bayerischer Israelitischer Gemeinden“ 1920/21 trat Stein als Vermittler zwischen Liberalen und Orthodoxen, zwischen Stadt und Land, Kleingemeinden und Großgemeinden auf. Rabbiner Dr. Stein amtierte auch als Vorstand des innerhalb des Verbandes gebildeten, orthodoxen „Bund Gesetzestreuer Israelitischer Gemeinden“, dessen Tagungen 1928 und 1931 in Schweinfurt stattfanden.
Der zunehmende Antisemitismus in der Weimarer Republik erfüllte Dr. Salomon Stein als mit Sorge. In seiner letzten, historiographischen Publikation aus dem Jahr 1930 beschrieb er die "gewissenlose Hetze", die wie "im finstersten […] Mittelalter" durch das NSDAP-Blatt "Der Stürmer" betrieben wurde. Neben seinen theologischen Werken publizierte Rabbiner Dr. Stein wichtige Arbeiten zur Geschichte der Juden in Schweinfurt. Nach seinem altersbedingten Rückzug siedelte Stein nach Frankfurt am Main über, wo er am 14. Juni 1938 verstarb. Dadurch entging er dem Schrecken der Novemberpogrome 1938, die seiner Welt der emanzipierten jüdischen Staatsbürger, Patrioten und fromme Juden zu gleich, ein grausames Ende setzte.
Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 231-234.
(Uwe Müller | bearb. Patrick Charell)
Literatur
- Uwe Müller: Salomon Stein (1866-1938), Distriktsrabbiner von Schweinfurt. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 231-234.
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Quellen
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