Biografien
Menschen aus Bayern

Richard Krautheimer Kunsthistoriker

geboren: 06.07.1897, Fürth
gestorben: 01.11.1994, Rom

Wirkungsort: München | Marburg | Rom | USA

Richard Krautheimer gehörte zu einer Reihe bedeutender Kunsthistoriker, die wie viele andere Wissenschaftler nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Deutschland verließen, weil hier keine freie Forschung und Lehre mehr möglich war. Während das wissenschaftliche Leben in Deutschland einen drastischen Rückschritt erlebte, machte Krautheimer in den Vereinigen Staaten Karriere und trug wesentlich zur führenden Stellung der Lehre im Fach Kunstgeschichte an den dortigen Universitäten bei. Seit 1937 legte er mit den Bänden des "Corpus basilicarum Christianarum Romae" ein Standardwerk über den frühchristlichen Kirchenbau Roms vor, das ihm in Fachkreisen höchste Anerkennung brachte. Große Bedeutung erlangte auch sein wissenschaftliches Spätwerk, in dem er den Horizont seines Fachs beträchtlich erweiterte, indem er zusätzlich wirtschaftliche, soziale, politische und religiöse Zusammenhänge in seine Analysen mit einbezog.

Richard kam als Erstgeborener der angesehenen jüdischen Familie von Nathan (1854-1910) und Martha Krautheimer, geb. Landmann (1875-1967) in Fürth zur Welt. Er wuchs mit zwei Schwestern auf; Sophie (1900-1942), die Mutter des amerikanischen Historikers Gerard E. Caspary, wurde in Auschwitz ermordet, und Lotte (verheiratete Friedman, 1909–2005), emigrierte 1934 nach Stockholm.

Krautheimer meldete sich zum Wintersemester 1916/17 an der Universität München für das Studium der Geschichte an, wurde jedoch zum Kriegsdienst eingezogen und konnte sein Studium erst 1919 antreten. Sein von Anfang an breit gefächertes Interesse bezeugen die von ihm zusätzlich besuchten Lehrveranstaltungen in Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie, Jura und Politik. Seit dem zweiten Semester gehörte er dem Kunsthistorischem Seminar von Heinrich Wölfflin an. 1920 setzte er sein Studium in Berlin fort, wechselte ein Jahr später nach Marburg und zum Wintersemester 1921/22 nach Halle. Dort wurde er 1923 bei Paul Frankl mit einer Dissertation über "Die Kirchen der Bettelorden in Deutschland" promoviert. Anschließend erhielt er eine Anstellung bei der Preußischen Denkmalpflege in Erfurt, wo er die Bekanntschaft der Kunsthistorikerin Trude Hess (1902-1987) machte. Das Paar heiratete im März 1924. Anschließend unternahmen sie eine zehnmonatige Studienreise durch Italien und hielten sich dann ab November 1924 acht Monate in Rom auf. Krautheimer betrieb hier intensive Studien der römischen Kunstgeschichte und knüpfte Kontakte zur Bibliotheca Hertziana, einem Institut, das seinen Schwerpunkt in der Erforschung der italienischen und römischen Kunst, insbesondere der Nachantike, der Renaissance und des Barock hat. 

1927 habilitierte sich Krautheimer bei Richard Hamann in Marburg mit einer wissenschaftlichen Abhandlung über "Mittelalterliche Synagogen" und erhielt anschließend in Marburg die Lehrbefugnis. Im selben Jahr begann er die langwierige Arbeit am "Corpus Basilicarum Christianarum Romae". Der ersten Teil dieses umfangreiche Werkes über den römischen Kirchenbau vom 4. bis zum 9. Jahrhundert erschien 1937 und wurde von der Fachwelt als epochaler Beitrag zur Forschung gefeiert. Der letzte der vier Folgebände, die alle höchste Anerkennung ernteten und unter Mitwirkung des Architekten Wolfgang Frankl (1907‒1997) und der Archäologen Spencer Corbett und Alfred K. Frazer entstanden, wurde 1977 abgeschlossen.

Aufgrund der sich für Juden verschärfenden Lage im nationalsozialistischen Deutschland emigrierte das Ehepaar im August 1933 nach Rom und Ende 1935 in die USA. 

Richard Krautheimer übernahm 38-jährig eine Professur an der Universität in Louisville, Kentucky, an und begründete dort das Institut für Kunstgeschichte. 1937 wechselte Krautheimer an das Vassar College in Poughkeepsie und hielt nebenbei alle zwei Semester Vorlesungen über Architekturgeschichte am Institute of Fine Arts der New York University. Bis 1938 verbrachte das Ehepaar die Sommerurlaube in Rom, wo die Arbeit am "Corpus" weitergeführt wurde. Gerald, der Sohn von Krautheimers Schwester, hatte versteckt in Südfrankreich überlebt und nachdem er 1945 in die USA geflüchtet war, nahmen sich die Krautheimers seiner Karriere an. 1952, im Alter von 55 Jahren, erhielt der Kunsthistoriker eine Festanstellung am Institute of Fine Arts in New York. Während der ersten eineinhalb Nachkriegsjahrzehnte setze er sich intensiv mit der Renaissance auseinander. Zusammen mit seiner Frau Trude Krautheimer-Hess, die 1928 mit einer Dissertation zum Thema "Die figurale Plastik der Ostlombardei von 1100 bis 1178" promoviert hatte, verfasste er eine Publikation über Lorenzo Ghiberti (1956 erschienen). Richard Krautheimer erhielt in der Folgezeit zahlreiche Ehrungen: 1958 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences, 1964 in die British Academy und 1965 in die American Philosophical Society gewählt. In den sechziger Jahren beschäftigte er sich vor allem mit frühchristlicher Architektur und bereiste neben Griechenland und der Türkei auch Israel, Tunesien und Spanien. 1965 erschien die erste Auflage seines Standardwerks "Early Christian and Byzantine Architecture" in der Reihe "The Pelican History of Art". Sechs Jahre später wurde Krautheimer nach 40-jähriger Lehrtätigkeit vom Institute of Fine Arts in New York emeritiert. 

Der 73-jährige Krautheimer übersiedelte 1971 mit seiner Frau nach Rom, wo sie eine Wohnung im Palazzo Zuccari, dem Sitz der Bibliotheca Hertziana, bezogen. Von nun an konnte er sich ausschließlich seine Forschungen widmen, für die man ihn 1973 mit dem internationalen Antonio-Feltrinelli-Preis auszeichnete. 1976 ging der fünfte und letzte Band des "Corpus basilicarum Christianarum Romae" in Druck. Weitere wichtige Werke seiner letzten Schaffensperiode waren die Kultur-Topographien "Rome. Profile of a City, 312-1308" (1980), "Three Christian Capitals. Rome, Constantinople, Milan" (1983), sowie "The Rome of Alexander VII, 1655-1667" und "St. Peter’s and Medieval Rome" (beide 1985 fertiggestellt). Es handelte sich dabei um einen neuen Typus von kunsthistorischer Fachliteratur, die auf der Grundlage der einzelnen Monumente auch alle dazu im Bezug stehende Befunde, Dokumente und Quellen aus der Politik, der Sozial-, Religions- und Wirtschaftsgeschichte zu einem Panorama des jeweiligen Zeitalters zusammenfügte. 1987 verstarb seine Frau Trude. Ein halbes Jahr vor seinem Tod erhielt Krautheimer auf dem Kapitol die Ehrenbürgerschaft der Stadt Rom verliehen. Diese Auszeichnung bedeutete dem 97-Jährigen besonders viel. Sein Grabstein an der Cestius-Pyramide auf dem Friedhof "Cimitero acattolico" in Rom trägt neben seinem Namen und seinen Lebensdaten als einzigen Zusatz diesen Titel: "Civis Romanus".

 

(Christine Riedl-Valder)

  • Richard Krautheimer, Wolfgang Frankl, Spencer Corbett und Alfred K. Frazer: Corpus basilicarum Christianarum Romae – Early Christian Basilicas of Rome, 5 Bde., Vatikanstadt 1937-1977.


  • Richard Krautheimer / Trude Krautheimer-Hess: Lorenzo Ghiberti, Princeton 1956.


  • Rome. Profile of a City, Princeton University Press, Princeton 1980.


  • deutsche Ausgabe: Rom. Schicksal einer Stadt, 312-1308, München 1987.


  • Three Christian Capitals. Topography and Politics. Rome, Constantinople, Milan, Berkeley 1983.


  • Early Christian and Byzantine Architecture, Harmondsworth 1965; 4. überarbeitete Auflage 1986.



  • Richard Krautheimer, Ausgewählte Aufsätze zur europäischen Kunstgeschichte, Köln 1988.

Literatur

  • Ingo Herklotz: Richard Krautheimer in Deutschland. Aus den Anfängen einer wissenschaftlichen Karriere 1925–1933. Münster 2021 (= Academia Marburgensis 17).
  • Golo Maurer: Richard Krautheimer (1897-1994). In: Ulrich Pfisterer (Hrsg.): Klassiker der Kunstgeschichte, Bd. 2: Von Panofsky bis Greenberg. München 2008, S. 90–106.
  • Krautheimer, Richard. In: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 14: Kest–Kulk. Hg. vom Archiv Bibliographia Judaica. München 2006, S. 358-362.
  • Ulrike Wendland: Biographisches Handbuch deutschsprachiger Kunsthistoriker im Exil. Leben und Werk der unter dem Nationalsozialismus verfolgten und vertriebenen Wissenschaftler, Teil 1: A-K. München 1999, S. 377-386.
  • Peter Betthausen / Peter H. Feist / Christiane Forck: Metzler-Kunsthistoriker-Lexikon. Zweihundert Porträts deutschsprachiger Autoren aus vier Jahrhunderten. Stuttgart 1999, S. 225-228.
  • Reiner Haussherr: Deutscher Jude, Amerikaner, römischer Bürger: Zum 100. Geburtstag Richard Krautheimers, 7.7.1897–1.11.1994. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte 60 (1997), S. 577-579.

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