Biografien
Menschen aus Bayern

Rafael Seligmann Schriftsteller, Publizist, Politologe und Zeithistoriker

geboren: 13.10.1947, Jerusalem

Wirkungsort: München

Es beeindruckt ihn nicht, dass er der Öffentlichkeit gleichermaßen als „Nestbeschmutzer“ (Allgemeine Jüdische Wochenzeitung) und als „Aufklärer“ (Die Zeit) präsentiert wird. Seligmanns Weg war nicht immer einfach und lässt sich seinen Romanen nachlesen. Er hat die Menschen teilhaben lassen an seiner Emanzipation, an seinem Streben, sich in Deutschland zurechtzufinden, einen gemeinsamen Weg zu finden. Für die Gründung der deutsch-jüdischen Zeitung „Jewish Voice from Germany“ wurde ihm zusammen mit seiner Frau Elisabeth am 7. Mai 2021 das Bundesverdienstkreuz am Bande von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht.

Dr. Rafael Seligmann wurde am 13. Oktober 1947 in Israel geboren. Seine Eltern entschlossen sich zehn Jahre später, nach Deutschland zurückzugehen. „Deutschland wird Dir gefallen“, das versprach ihm sein Vater, der seine deutsche Heimat immer vermisst hatte. Um diesen Satz herum baute Seligmann einen Roman, der 2010 erschien. Mit „Lauf, Ludwig, lauf“, erschienen 2019, beschrieb er, wie Ludwig – sein Vater – in der Weimarer Zeit zwar bejubelt wurde, weil er ein spielentscheidendes Tor schoss, aber das Land trotzdem verlassen musste. Die dynamische Auseinandersetzung mit seiner Mutter, die sich in „Die jiddische Mamme“ (1990) findet, die aber auch in „Rubinsteins Versteigerung“ (1988) bereits sehr präsent war, zeigt nicht ohne Ironie die Besonderheiten jüdischer Familien. Aber – und da kommt Seligmanns Fähigkeit zum Tragen, sich auf operativen Ebenen genauso sicher zu bewegen wie auf Metaebenen – die Prozesse waren und sind immer eine Reflexion dieser Eigenarten unter deutschen Rahmenbedingungen. In „Hannah und Ludwig: Heimatlos in Tel Aviv“ (2020) kommen nun die Ebenen zusammen: Seine Mutter und sein Vater, die Abkehr vom Leben im kleinen schwäbischen Ichenhausen hin zum globalen Blick, die 80 Schreibmaschinenseiten, die der Vater hinterlassen hat, über die Suche nach Heimat und die Rückkehr nach Deutschland, dieser Heimatsehnsucht, der auch der Sohn gefolgt ist. Seine Familiengeschichte erschien im September 2020 und ist ein deutsch-jüdischer Gesellschaftsroman, bei dem dieser Bindestrich zwischen „deutsch“ und „jüdisch“ so wichtig ist.

Dass ihm diese Verbindung so gut gelingt, liegt auch an seinem Werdegang. Nach der Ausbildung zum Fernsehelektroniker fand er über den zweiten Bildungsweg den Weg an die Universität. Dort standen Politikwissenschaft, Neuere und Bayerische Geschichte auf dem Lehrplan. Nach seiner Promotion zu „Israels Sicherheitspolitik“ (1982) stand „Akademischer Rat“ an seinem Zimmer des Geschwister Scholl Instituts der LMU München. Es hätten weichere Themen zur Auswahl gestanden als die Analyse knallharter Sicherheitsfragen. Aber so sehr der Mensch Seligmann mit Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten der Menschen umzugehen weiß, so sehr ist dem Denker Seligmann bewusst, dass Macht und Interesse wesentliche Träger menschlicher Beweggründe sind. Ein Sachbuch zu „Hitler. Die Deutschen und ihr Führer“ (2004) war aus seiner Perspektive nur konsequent. Seligmann selbst sagt, dies sei sein längstes Projekt gewesen, was immer er damit meint. Warum? Das ist die Frage dahinter, die Antwort: Angst! Angst vor der Veränderung, vor dem Projekt der Moderne. Die „German Angst“ hat Hitler und das Volk zusammengeschweißt. Den Stoff lieferten die Juden, die für das Momentum der Moderne stehen, so Seligmanns Thesen.

In der Zeit als Akademischer Rat an der LMU München gründete er die „Jüdische Zeitung“ und war zwei Jahre lang deren Chefredakteur. Der Beginn seiner journalistischen Ambitionen. Für die namhaften deutschen Zeitungen hat er geschrieben, von 2004 bis 2009 war er Chefredakteur der Monatszeitung „The Atlantic Times“. 2012 gründete er die „Jewish Voice from Germany“ und fungierte bis 2019, als sie eingestellt wurde, als Herausgeber. Vier Mal pro Jahr erschien diese englischsprachige Zeitschrift. Sie sollte eine Brücke sein zwischen Deutschland und den Juden in aller Welt. Sie wurde den Abgeordneten der Knesset ebenso zugestellt wie denen des amerikanischen Kongresses und den Parlamenten in Kanada und Australien. Von 2015 an wurde sie auch in deutscher Sprache aufgelegt.

Rafael Seligmann hat zwischen Deutschen und Juden, zwischen deutschen Juden und amerikanischen Juden, zwischen Deutschen und den Juden in der ganzen Welt Brücken gebaut. Er tut das auf seine eigene Art und Weise und die findet Befürworter und Gegner. Ihm ist klar, dass ihm als Jude die Möglichkeit gegeben ist, Dinge zu sagen, die sich ein nichtjüdischer Deutscher nicht zu sagen traut – aber vielleicht denkt. Wie wichtig es ist, eine Sprach- und Sprechebene zu schaffen für Gedanken, die mindestens schlummern, zeigt sich heute mehr denn je: In Zeiten von Hate-Speech, in Zeiten, in denen der Antisemitismus neue Nährböden findet, in denen sich Menschen verkannt fühlen, weil sie sich kritisch äußern, geht es um Erdung. Das zu schaffen, kann heißen: reden, reden, reden, mal provozieren, aushalten, mal schelmisch lächeln und mal gar nichts sagen. So wie das der deutsche Jude Rafael Seligmann tut und immer getan hat.


Aus der Serie "Gesichter unseres Landes" von der Hanns-Seidl-Stiftung

(Claudia Schlembach)


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