Biografien
Menschen aus Bayern

Peter Demetz Germanist und Schriftsteller

geboren: 21.10.1922, Prag

Wirkungsort: Bad Aibling | München | Connecticut

Der in der Tschechoslowakei geborene US-amerikanische Germanist Peter Demetz gilt heute als einer der bedeutendsten und produktivsten Literaturkritiker unserer Zeit. Er erlebte die Okkupation durch die Nationalsozialisten in Prag, floh nach der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakei nach Deutschland und emigrierte später in die Vereinigten Staaten. Mit Publikationen einiger tschechischer Anthologien, so beispielweise "Neviditelný domov. Verše exulantú" (Die unsichtbare Heimat. Verse von Exilanten 1948-1953) leistete er einen bedeutenden Beitrag zum Kultur- sowie Literaturtransfer auch über den Eisernen Vorhang hinweg. Zudem übersetzte er zahlreiche tschechische Prosa und Lyrik ins Deutsche. Er selbst gibt an, sowohl von der deutschen als auch der tschechischen Literatur geprägt worden zu sein.

Peter Demetz, der am 21. Oktober 1922 in Prag geboren wurde, war der Sohn einer Jüdin und eines Katholiken, dessen Familie nach Prag eingewanderte Ladiner waren. Durch den Vater, der als Theaterdirektor arbeitete, bekam er bereits früh erste Einblicke in die Welt der Künste. In seiner Schulzeit nahm er an einem Wettbewerb teil, für den er einen Aufsatz über Goethe und Prag schrieb. Nachdem er dafür den zweiten Preis erhielt und sich in seinem Wunsch, Literaturhistoriker zu werden, bestärkt fühlte, studierte er später an der Karls-Universität in der tschechischen Hauptstadt Germanistik.

Zwischen 1939 und 1945 erlebte Demetz die deutsche Besetzung durch die Nationalsozialisten in Prag. Seine jüdische Mutter wurde, ebenso wie seine Großmutter, in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie im Jahr 1943 verstarb. Peter Demetz selbst erhielt Ende September 1944 den Gestapo-Befehl, sich einem Transport von Halbjuden anzuschließen. In der Nähe des Ortes Klein-Stein mussten er und weitere Gefangene ein Lager errichten, bis er mit der Begründung, die Gestapo ermittle gegen ihn, festgenommen und ins Pankrác-Gefängnis nach Prag gebracht wurde. In seinem Buch "Mein Prag" bezeichnet er die Zeit dort als die schlimmste Zeit seines Lebens und schreibt: "Die unterirdische Gefängniszelle, in die sie mich stießen, hatte Platz für ein oder zwei Personen, wir waren aber zu sechst […]. Wir hatten ständig Hunger […]. Morgens hämmerten die Wärter an die Tür; woraufhin der Zellenälteste 'Alles gesund' schreien mußte; das verhinderte aber nicht, daß die Wärter hin und wieder hereinstürzten, unsere Köpfe in die Kloschüssel tunkten oder uns zu einer Spezialgymnastik auf den Flur hinauszerrten, die darin bestand, mit erhobenen Händen stundenlang an der Wand zu stehen oder Liegestützen zu machen, bis wir zusammenbrachen oder ohnmächtig wurden, woraufhin wir mit Tritten und Schlägen wieder zum Leben erweckt wurden". Anfang Januar 1945 wurde Demetz schließlich von Prag in ein anderes Lager für Halbjuden nahe der böhmisch-sächsischen Grenze gebracht und musste dort bis Kriegsende Zwangsarbeit leisten. 

Nach Ende der NS-Herrschaft ging Demetz wieder zurück in die Heimat nach Prag. Dort editierte er 1947 ein Buch in tschechischer Sprache: "Franz Kafka und Prag. Erinnerungen, Erwägungen und Dokumente". Dieses war nach eigenen Angaben ein entscheidender Grund, weshalb er Prag nach der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei in der Tschechoslowakei wieder verlassen musste, denn wer damals über Kafka schrieb und publizierte, machte sich politisch unmöglich. Zusammen mit seiner Frau Hanna Demetz, die er kurz nach der Befreiung kennengelernt hatte, floh er Ende 1949 mit Hilfe eines Pfadfinders, der sie und weitere Studenten durch die Wälder nach Bayern schmuggelte, nach München. Dort wurden sie in der Luitpold-Kaserne von den Alliierten als sogenannte "Displaced Persons" (DP) erfasst. Aufgrund seiner guten Englischkenntnisse wurde Peter Demetz später von den Alliierten als Lehrer in einem DP-Kindercamp in Bad Aibling eingesetzt, das von der internationalen Hilfsorganisation IRO (International Refugee Organization) geführt wurde. Dort unterrichtete er ehemals rassistisch oder politisch verfolgte Waisenkinder. 

Von 1950 bis 1952 arbeitete Demetz als tschechischer Kulturredakteur bei dem amerikanischen Radiosender "Radio Free Europe" in München, wo er täglich eine Literatursendung mit Lyrik und Musik erstellte. Zu dieser Zeit recherchierte er auch die Lyrik, mit der er später eine bedeutende tschechische Anthologie (Neviditelný domov. Verše exulantú) publizierte. Ein Jahr später, im Jahr 1953, wanderte er mit seiner Frau schließlich in die Vereinigten Staaten aus, wo er von 1956 bis 1958 als Dozent für Germanistik, ab 1962 als ordentlicher Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Yale-University in New Haven in Connecticut lehrte. Später wurde er außerdem Direktor des Fachbereichs Germanistik und hatte von 1972 bis zu seiner Emeritierung die "Sterling Professur" für Germanistik inne. 1977 wurde Demetz zum korrespondierenden Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gewählt. Am 29. November 2012 wurde ihm der "Georg Dehio-Kulturpreis" von dem in Potsdam ansässigen Deutschen Kulturforum östliches Europa in Berlin verliehen. 


(Kea Grimmelt)

Literatur

  • Peter Demetz: Mein Prag. Erinnerungen 1939 bis 1945. Wien 2007.

GND: 119116359