Biografien
Menschen aus Bayern

Paul Ben-Haim (geb. Paul Frankenburger) Komponist und Dirigent

geboren: 05.07.1897, München
gestorben: 14.01.1984, Tel Aviv

Wirkungsort: Augsburg

Der gebürtige Münchner Paul Ben-Haim (Frankenburger) entstammte einer großbürgerlichen jüdischen Familie und studierte nach seinem Abitur bis 1920 an der Akademie der Tonkunst. Nach ersten Schritten als Assistent angesehener Dirigenten wurde er von 1924 bis 1931 Kapellmeister am Augsburger Stadttheater. Nach der NS-Machtübernahme 1933 emigrierte Paul nach Palästina und änderte seinen Nachnamen in das hebräische ben Haim (im Deutschen auch Ben-Haim oder ben-Chaim), was "Sohn des Heinrich" bedeutet. Während er in Deutschland noch dem spätromantischen Stil anhing, wurde er in seiner neuen Heimat ein bedeutender Vertreter der modernen Musik. Viele erfolgreiche Komponisten und Musiker waren seine Schüler. Im Jahr 1948 nahm er die israelische Staatsbürgerschaft an. Sein Oeuvre besteht aus Symphonien, Orchesterwerke, Sonaten, Oratorien, liturgischen und populären Liedern. 1957 wurde er mit dem Israel-Preis für Kultur ausgezeichnet.

Paul war der Sohn von Anna geb. Freudenreich (1866-1918) und des Geheimen Justizrats Prof. Heinrich Frankenburger (1856-1938). Die gut situierte Familie gehörte zum Münchner Großbürgertum, Paul und seine vier Geschwister wuchsen daher entsprechend behütet auf und genossen eine sorgfältige Erziehung. Er besuchte das angesehene Wilhelms-Gymnasium und studierte anschließend zwischen 1915 und 1920 an der Akademie der Tonkunst in München bei Friedrich Klose und Walter Courvoisier (Komposition) sowie Berthold Kellermann (Klavier). Er erweiterte seine Kenntnisse als Assistent der Dirigenten Bruno Walter und Hans Knappertsbusch.

Von 1924 bis 1931 arbeitete Paul Frankenburger als fest angestellter Kapellmeister am Stadttheater in Augsburg. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierte er in das britische Mandatsgebiet Palästina – bis zu seiner Ausreise hatte er über 80 Lieder im spätromantischen Stil komponiert, Werke für Orchester und Chöre sowie Kammermusik. Das übervolle, fast somnambule Werk "Pan" ist eines der letzten Stücke, die er noch in Deutschland schrieb. In "Erez Israel", dem Gelobten Land, nahm Paul einen hebräischen Nachnamen an (ben Haim = Sohn des Heinrich, nach seinem Vater, im Deutschen auch Ben-Haim oder ben-Chaim). Er änderte seinen Stil und vertonte jetzt zeitgenössische jüdische Dichter. Seine erste Symphonie, komponiert zwischen 1939 und 1940, erinnert bereits an Prokofjew. Nach Gründung des Staates Israel im Mai 1948 nahm er die israelische Staatsbürgerschaft an und heiratete Heli (Daten unbekannt), die er in Palästina kennen gelernt hatte. Paul Ben-Haim komponierte in Israel zwei weitere Symphonien (1940 und 1945), ein Klavier-, ein Violin- und ein Cellokonzert und weitere Orchesterwerke, eine Sonate für Mandolinen, Gitarre, Cembalo, Harfe und Streichorchester, Violinsonaten, Chöre, Oratorien (Joram, 1933, Text von Rudolf Borchardt), liturgische Werke und Lieder.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten viele verfolgte oder mundtot gemachte Künstler an ihre Karriere vor der NS-Herrschaft anknüpfen. Paul Ben-Haim blieb jedoch in Deutschland lange vergessen. Im 1948 gegründeten Staat Israel zählt er jedoch zu den bekanntesten Komponisten der modernen Musik. Er hatte zahlreiche Schüler, die sich an seinem Werk orientierten und selbst berühmte Musiker wurden: Eliahu Inbal (*1936), Henri Lazarof (1932-2013) oder auch Ben-Zion Orgad (1926-2006). Im Jahr 1957 wurde Paul Ben-Haim der Israel-Preis verliehen, die höchste kulturelle Auszeichnung des Landes. Sein Nachlass wird von der Israelischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

Erst Jahrzehnte nach seinem Tod wurde das Lebenswerk auch in seiner alten Heimat gewürdigt: Im Jahr 2010 benannte die Stadt Augsburg einen teils sehr malerischen Fußweg an der Wertach entlang in "Paul-Ben-Haim-Weg" um. Ein kleines Schild enthält die wichtigsten biografischen Daten. Das 2020 gegründete "Ben-Haim-Forschungszentrum" – eine Initiative der Hochschule für Musik und Theater München – widmet sich verfolgter Künstler sowie der jüdischen Musikkultur vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus mit Schwerpunkt im süddeutschen Raum. Durch eine Kooperation mit der Israelischen Nationalbibliothek liegen dem Zentrum auch ein digitaler Teilnachlass vor. Im selben Jahr wurde sein 1931 komponiertes Vokalwerk "Pan" durch das BBC-Philharmonic erstmals auf Tonträger eingespielt. 2022 organisierte die Münchner Hochschule die internationale Tagung "Aufbruch und Erinnerung. Die Komponisten Paul Ben-Haim und Stefan Wolpe".


(Patrick Charell)

Literatur

  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 197.
  • Jehoash Hirshberg: Ben-Haim, Paul. In: Ludwig Finscher (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil, Bd. 2 (Bagatti – Bizet). 2. Aufl. Kassel u. a. 1999, Sp. 1108–1111.

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