Biografien
Menschen aus Bayern

Otto Löwenstein Bierkrugveredler und Spielwarenfabrikant

geboren: 12.03.1859, Ellwangen (Jagst)
gestorben: 14.08.1935, München

Wirkungsort: München

Mit dem zunehmenden Fremdenverkehr stieg in München ab den 1880er Jahren der Bedarf nach Bierkrügen als Andenken und Sammelobjekt. Ihre "Veredelung", also die Bemalung von Rohlingen und die Applikation von Zinndeckeln, lag fast ausschließlich in jüdischen Händen. Mit ihren Produkten untermauerten sie das werbewirksame Bild Münchens als Bier- und Kunststadt. Otto Löwenstein arbeitete als Handelsreisender für die Glaswarenfirma Jakob Reinemanns (1831-1881) und übernahm nach dessen Tod die Firma. Er behielt den Namen und erwarb die Konkursmasse der Zinngießerei Josef Lichtinger & Cie. Ab 1914 widmete sich Löwenstein anderen Geschäftszweigen, aber seine Krüge sind bis heute begehrte Sammlerstücke.

Otto Löwenstein war der Sohn von Elise geb. Lebrecht und Leopold Löwenstein (1832-1901). Beide stammten aus Pflaumloch bei Riesbürg (Baden-Württemberg), zogen jedoch nach Ellwangen um, wo Leopold Löwenstein als Rechtsanwalt arbeitete. Gleichzeitig war er auch in Stuttgart tätig. Alle Kinder kamen in Ellwangen zur Welt, Otto hatte sieben Brüder und zwei Schwestern. Nach dem frühen Tod des aus Altenmuhr zugezogenen jüdischen Münchner Bierkrugveredlers Jakob Reinemann (1831-1881) erwarb dessen entfernter Verwandter Leopold Löwenstein das Geschäft. Er ließ es seinem Sohn Otto Löwenstein überschreiben, der nach dem Abitur in Stuttgart (1874) und einer kaufmännischen Lehre in Frankfurt a.M. (bis 1879) bereits als reisender Vertreter für Reinemann gearbeitet hatte.

Mit 22 Jahren war Otto Löwenstein nun ein selbstständiger Unternehmer mit einem Geschäft, in dessen Führung er sich binnen kürzester Zeit einarbeiten musste. Anfang 1882 meldete er die Firma um, beließ aber den Namen "J. Reinemann" und erlangte 1888 auch die Gewerbeberechtigung für eine Zinngießerei. 1897 erwarb er aus der Konkursware der Zinnfabrik Josef Lichtinger & Cie. Den umfangreichen Gussformenbestand. Zu diesem Zeitpunkt hatte Löwenstein bereits einen florierenden "Bierkrugveredelungsbetrieb" aufgebaut, wobei es diesen Begriff offiziell nie gab. Die Firma J. Reinemann produzierte Figurenkrüge und Brauereikrüge, unter anderem den militaristischen "Schrapnellkrug" in Form einer Granate. Das "Münchner Kindl mit Maßkrug und Rettich" wurde in sieben verschiedenen Größen und unterschiedlich qualitätvollen Fassungen verkauft. Vor allem durch eine Kooperation mit dem Hofbräu, dessen weltberühmtes Signet er für diese Form nutzten konnte, blieb es Löwensteins erfolgreichstes Produkt. Im Münchner Bier- und Oktoberfestmuseum sind Krüge der Firma Reinemann/Löwenstein ausgestellt.


Figurenkrug "Münchner Kindl mit Rettich und Hofbräu-Krug", 0,5l. Feinsteinzeug, bemalt, Zinn. Rohling: Merkelbach & Wick, Grenzhausen. J. Reinemann (Otto Löwenstein), München um 1900.

Bier- und Oktoberfestmuseum München, HW 754 / Video: Alex Pohl.

Nach dem Erwerb des Formenlagers der insolventen Firma Lichtinger teile Otto Löwenstein den Betrieb in zwei Bereiche auf: Unter dem Namen "J. Reinemann" wurden weiterhin Krüge veredelt und Zinndeckel montiert. Für kunstgewerblich hochwertigere Zinnprodukte fügte Löwenstein dem Firmennamen jenen von Josef Lichtinger hinzu. Möglich ist allerdings auch, dass Löwenstein unveränderte alte Markengussformen weiterverwendete. Um 1910 hatte Löwenstein begonnen, auch Holzspielzeug und Galanteriewaren unter seinem eigenen Namen herzustellen herzustellen. Häufig basierten sie, wie die Bierkrüge, auf Vorlagen von Künstlern wie etwa Lyonel Feininger und Franz Ringer. 1914 verkaufte Löwenstein die Firma "J. Reinemann & Jos. Lichtinger“ und führte nur seine Holzspielwarenherstellung weiter. Das Porzellan- und Zinnwarengeschäft gab es noch bis 1929, dann wurde es abgemeldet. Otto Löwenstein schloss seine eigene Firma 1932 und zog sich in den Ruhestand zurück. Er starb 1935 in München und wurde auf dem neuen Israelitischen Friedhof (Garchinger Straße 37) beigesetzt. Otto Löwensteins Witwe Mathilde geb. Oppenheim (1868-1946) emigrierte 1936 in die USA und verbrachte ihren Lebensabend bei ihrem Sohn Karl Löwenstein (1891-1973) in Amherst. Karl hatte in München als Anwalt gearbeitet, nach seiner Emigration 1933 erhielt er einen Ruf als Professor für Recht und Politikwissenschaften an der University of Amherst. Er kehrte später nach Deutschland zurück und lebte in Karlsruhe. Ein weiterer Sohn, Alfred (1887-1964, benannt nach einem Bruder von Otto Löwenstein) wohnte nach der Shoah wieder in München. Die Nachkommen von Karl Löwenstein leben bis heute in den USA.


Persönlicher Dank geht an Suzette Tudor für freundliche Hinweise zur Familiengeschichte.

(nach Bernhard Purin)

Literatur

  • Bernhard Purin: "Großartige Auswahl in Bierkrüge aller Art". Münchens jüdische Bierkrugveredler.In: Lilian Harlander / Bernhard Purim (Hg.): AK Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten. München 2016, S. 95-137, hier 122-129.
  • Graham Dry: Krüge für München. Herstellung, Veredelung und Vertrieb. In: Münchner Stadtmuseum / Florian Dering u. Sandra Uhrig (Hg.): Das Münchner Kindl. Eine Wappenfigur geht eigene Wege. München 1999, S. 114-120 u. 130.

GND: nicht verfügbar