Biografien
Menschen aus Bayern

Nikodem Caro Chemiker und Industrieller, Begründer des "Bayerischen Chemiedreiecks"

geboren: 23.05.1871, Lodsch (Łódź)
gestorben: 27.06.1935, Zürich

Wirkungsort: Trostberg

Nikodem Caro entstammte einer sephardischen Rabbinerfamilie im damals russischen Teil Polens. Nikodem ist die polnische Schreibweise für "Nikodemus". Nach einem naturwissenschaftlichen Studium in Berlin und Rostock gründete er 1895 sein eigenes Labor und entwickelte zusammen mit Prof. Albert Frank (1872-1965) die Kalkstickstoffsynthese, gen. Frank-Caro-Prozess. In den folgenden Jahren wurde der Nutzen des Verfahrens von der Industrie entdeckt. Nikodem Caro gehörte 1907 zu den Gründern der "Bayerischen Stickstoffwerke" (BStW) und der "Bayerischen Kraftwerke" (BKW) im Jahr 1920. Er förderte auch den Bau großer Wasserkraftwerke und wurde so ein Stammvater des "Bayerischen Chemiedreiecks" (ChemDelta Bavaria), einem global operierenden Industriestandort in Südostbayern. Nikodem Caro war Ehrenbürger von 18 bayerischen Gemeinden, Ehrensenator verschiedener Universitäten, Professor und Doktor h.c., Generalkonsul des Königreichs Bulgarien und Geheimer Regierungsrat. Nach der NS-Machtübernahme 1933 lebte Caro in der Schweiz und Italien, wo er zuletzt auch verstarb. Begraben ist er in Meran.

Als Nikodem Caro am 26. Mai 1871 im damals russischen Lodsch als zweitältester Sohn von Rosa geb. Rubinstein und Albert Abraham Caro zur Welt kam, war sein Vater trotz seiner Rabbinerausbildung als Kaufmann und deutscher Vizekonsul tätig. Die sephardische Familie führte sich auf den berühmten Prager Oberrabiner Abraham ben Avigdor Caro (gest. 1542) zurück. Nach dem Abitur, das Nikodem Caro im Jahr 1888 an einem öffentlichen Gymnasium ablegte, wandte sich der erst Siebzehnjährige dem Studium der Natur- und Ingenieurswissenschaften an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg zu. Bereits 1891 konnte Caro den Grad eines Diplom-Chemikers erlangen, dem er 1892 einen Doktortitel an der Universität Rostock hinzufügte. In den folgenden Jahren sammelte Dr. Caro an der Tierärztlichen Hochschule in Berlin als Assistent des ebenfalls deutsch-jüdischen Prof. Adolf Pinner (1842-1909) praktische Erfahrung, bis er 1895 ein eigenes chemisch-technisches Labor eröffnete.

In seiner Forschung wandte er sich der Acetylenchemie zu (= Grundsubstanz sehr vieler organischer Verbindungen, neben Erdöl und Kohle ein Träger der modernen organischen chemischen Großindustrie). Ziel der Untersuchungen war es, einen Weg zur großtechnischen Herstellung von Cyaniden zu finden, da diese zum Aufschließen und Ausscheiden von Gold aus Erz benötigt wurden. Gemeinsam mit Prof. Albert Frank (1872-1965), den er durch seine Arbeit kennen gelernt hatte, gelang Nikodem Caro 1896 die Bindung von Stickstoff an Carbid, ein Produkt aus Kohle und Kalk: Die Kalkstickstoffsynthese.

Er verheiratete sich in den 1890er Jahren mit Else Charlotte Friedmann (1875-?), Tochter des Dresdner Brauereibesitzers Heinrich Friedmann. Ihre gemeinsame Tochter Vera heiratete um 1920 den Sohn des böhmischen Industriellen Ignaz Petschek (1857–1934), mit dem Caro angeblich die Gründung eines Braunkohlesyndikats plante. Die Ehe scheiterte und endete 1932 in einem für damalige Zeiten spektakulären Rosenkrieg, dem "Caro-Petschek-Prozess".

Zur weiteren Erforschung der neu entdeckten Technik gründeten die Deutsche Bank, Siemens & Halske, die Degussa sowie die Chemiker Caro, Frank und Rothe im Jahr 1899 die Cyanidgesellschaft. Erst im Laufe der weiteren Experimente, die zum überwiegenden Teil in den Laboratorien von Siemens und der Degussa durchgeführt wurden, trat 1901 die Bedeutung des Kalkstickstoffverfahrens für die künstliche Düngemittel-Produktion klar zu Tage. Neben diesem Verfahren, das offiziell als Frank-Caro-Verfahren bekannt wurde, widmete sich Dr. Nikodem Caro in diesen Jahren weiteren Forschungen, welche die Verwertung von Torf für die Elektrizitätsgewinnung vorsahen.

Er bemühte sich im Rahmen der Cyanidgesellschaft insbesondere um die industrielle Verwertung des Frank-Caro-Verfahrens; er gehörte 1907 zu den Mitbegründern und erstem Generaldirektor der "Bayerischen Stickstoffwerke AG" (BStW), die das oberbayerische Trostberg (Lkrs. Traunstein) als Standort wählten. Der Grund für die Ansiedelung der neuen Industrie in Südostbayern und nicht etwa in Industriezentren wie Nürnberg oder München waren die noch ungenutzten Wasserkräfte der Alz, einem Abfluss des Chiemsees. Sie konnten die benötigten großen Elektrizitätsmengen produzieren. In den Jahren 1909 bis 1911 bauten die BStW deshalb an der mittleren Alz zwei Kanalkraftwerke, die mit einer Gesamtleistung von 9500 kW vor dem Ersten Weltkrieg die größten Energielieferanten Bayerns waren. Der gewonnene Strom sollte der Versorgung der unter Caros Leitung gleichzeitig errichteten Carbidfabrik in Schalchen (Ortsteil von Gstadt am Chiemsee) und des Werkes in Trostberg dienen, das 1913 eine Produktion von 20.000 Tonnen Kalkstickstoff erreichte.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 rückte der Kalkstickstoff in den Blickpunkt der Militärs, weil er in die zur Munition und Sprengstoff benötigte Salpetersäure umgewandelt werden kann. Schon Ende Januar 1915 wurde daher in Berlin der Beschluss gefasst, dass die BStW unter Caros Führung zwei große Werke in Piesteritz bei Wittenberg und im oberschlesischen Chorzow errichten sollten. Erst als sich die Haber-Bosch--Synthese der BASF durchsetzen konnte, verlangsamte sich sich der Ausbau der deutschen Kalkstickstoffindustrie. nach Fertigstellung der Werke in Wittenberg und Chorzow wandte sich Dr. Nikodem Caro deshalb wieder vor allem der Erweiterung der Anlagen in Bayern zu. In den Jahren 1916 bis 1920 wurde von den BStW ein großes Wasserkraftwerk, das "Carowerk", mit 16.900 kW Leistung und eine Carbidfabrik bei Hart an der Alz errichtet. Die BStW übertrugen 1920 das Eigentum an diesen Anlagen an die "Bayerischen Kraftwerke" (BKW), die 1922 vom Deutschen Reich übernommen wurden. Ebenso wie die BStW aber stand dieses Unternehmen unter der Leitung von Dr. Nikodem Caro, der auch im Vorstand der "Mitteldeutschen Stickstoffwerke" und des "Stickstoff-Syndikats" vertreten war und darüber hinaus 22 (sic!) Aufsichtsratsposten bekleidete.

Sein Engagement für die Kalkstickstoff-Industrie leitete die Entwicklung des Bayerischen Chemiedreiecks zwischen Simbach, Ampfing und Traunreut ein (auch "Südostbayerisches Chemiedreieck", im Eigenauftritt "ChemDelta Bavaria"). Nebenbei war Caro bemüht, den Wasserkraftausbau in Bayern zu fördern. Dies war darin begründet,, dass allein die BKW 1927einen Stromverbrauch von 447,1 Millionen kWh hatten und deshalb eine ausreichende Energieversorgung als Grundlage für das weitere wirtschaftliche Gedeihen essentiell nötig war. Dr. Nikodem Caro forderte energisch den Ausbau des unteren Inn, für den er 1929 einen Plan vorlegte, der die Erzeugung von jährlich 1200 Millionen kWh an diesem Flussabschnitt vorsah. Doch blieben all diese Vorhaben wegen der einsetzenden Weltwirtschaftskrise in den nächsten Jahren unausgeführt.

Caro war nicht nur die führende Persönlichkeit der chemischen Industrie in Bayern der 1920er Jahre, sondern auch ein angesehener Wissenschaftler: Er gehörte auch dem Kuratorium der Chemisch-Technischen Reichsanstalt und ab 1925 korrespondierendes Mitglied der Leningrader Akademie an. Als Träger zweier Doktortitel bekam er 1929 auch noch die Bunsenmedaille verliehen, die höchste Auszeichnung der deutschen Elektrochemiker. Außerdem war er Ehrenbürger von 18 bayerischen Gemeinden, Ehrensenator verschiedener Universitäten, zweifacher Ehrendoktor und Generalkonsul des Königreichs Bulgarien in Berlin, dazu Professor h.c. und Geheimer Regierungsrat.

Nebenbei widmete sich Prof. Caro seiner privaten Kunstsammlung, die er durch die Einnahmen aus seiner wissenschaftlichen Arbeit und wirtschaftlichen Arbeit ständig erweitern konnte. Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verließ er Deutschland. In den folgenden Jahren hielt er sich in der Schweiz und Italien auf. Am 27. Juni 1935 starb er in Rom. Aus den BStW gingen 1939 die "arisierte" Süddeutsche Kalkstickstoff-Werke AG hervor, die spätere SKW Trostberg.


Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 281-284.

(Helmut Hilz | bearb. Patrick Charell)

Bilder

Literatur

  • Helmut Hilz: Nikodem Caro (1871-1935), Wissenschaftler und Industrieller. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 281-284.

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