Biografien
Menschen aus Bayern

Moritz Gottlieb (Moses Israel) Saphir Journalist und satirischer Schriftsteller

geboren: 08.02.1795, Lauschbrünn (Lovasberény)
gestorben: 05.09.1858, Baden b. Wien

Wirkungsort: Berlin | München | Wien

Heute weitgehend in Vergessenheit geraten, zählte Moritz Gottlieb Saphir im vormärzlichen Berlin, München und Wien zu den umstrittensten wie populärsten Journalisten. Seinen Freunden und Bewunderern galt er als "Meister des journalistischen Skandals" und als "Großmeister des Humors"; man verglich ihn mit Jean Paul, Alexandre Dumas und sogar Shakespeare. Seine Gegner und Kritiker sahen in ihm den "Schriftsteller der Worttortur", oder wie Johann Nestroy den "Vomkunstrichterstuhlherabdieleutevernichtenwoller". Saphir charakterisierte sich 1845 selbst: "Vom Schicksal zum Juden bestimmt, von den Eltern zum Handelsmann, von der Erziehung zum Dorfrabbiner, von den Verhältnissen zum armen Teufel, von dem Zufall zum Fangball, bin ich jetzt trotz diesen Bestimmungen [...] Inhaber eines steuerfreien Renommés [...], redlicher Patriot ohne Aushängeschild und freiheitsliebender Mensch ohne politische Lieder".

Moritz (Moses) Gottlieb Saphir war der Sohn von Charlotte geb. Brüll (gest. 1805) und des Kaufmanns Israel Saphir (1763-1832), der für die habsburgisch-ungarische Krone auch als Steuereinnehmer arbeitete. Israel, ein ungewöhnlich hoch gebildeter Mann, förderte schon früh die geistige Entwicklung seines Sohnes. Nach dem frühen Tod der Mutter zogen die Saphirs nach Ofen, wo sich Israel neu verheiratete. Moritz kam kurzzeitig zu einem Onkel in Preßburg, aber 1806 wurde er als elfjähriger Knabe, drei Jahre vor der Bar Mizwa, auf die Jeschiwa in Prag geschickt. Dort gewann er durch seine schnelle Auffassungsgabe und einen schier unerschöpflichen Wissendurst zwar die Anerkennung seiner Lehrer, doch wuchs im Heranwachsenden auch die Sehnsucht nach neuen (Bildungs-)Horizonten. Als Autodidakt lernte er neben dem Tora-Talmud-Unterricht auch Französisch, Deutsch und Latein, später Griechisch, Italienisch und Englisch. Er beschäftigt sich mit Literatur, Kunst, Geschichte, Geographie und Philosophie: "Kurz, ich stopfte von jedem Gericht der table d'hôte des Wissens so viel in mich hinein als nur möglich". Die Rückkehr nach Ofen und der Einritt in das Handelshaus des Vaters blieben nur eine Episode. Moritz Saphir wurde Schriftsteller und musste, nachdem er sich bereits in einem seiner frühesten Werke ("Der falsche Kaschtan" 1820) über die Kultusgemeinde von Ofen lustig gemacht hatte, 1822 mehr oder minder freiwillig nach Wien übersiedeln.

In Wien wurde Moritz Gottlieb Saphir Reaktionsmitglied der "Theaterzeitung" und arbeitete für verschiedene weitere Blätter. 1825 verließ er Wien wieder, möglicherweise um jenen Unannehmlichkeiten zu entgehen, die ihm durch mehrere satirische Aufsätze drohten. Nach einer ausgedehnten Reise durch Süddeutschland ließ sich Saphir in Berlin nieder, wo die "Scandalperiode seines Daseins" ihren Anfang nahm. Ein Spottgedicht über die gefeierte Sopranistin Henriette Sontag machte ihn zum Tagesgespräch. Mit seiner "Berliner Schnellpost" (1826), dem "Berliner Courier" (1827) – mit der die bislang unbekannte Nachtkritik von Theateraufführungen in Berlin Einzug hielt – und dem "Berliner Theateralmanach" (1827/1828) festigte Saphir seinen schillernden Ruhm, der vor allem auf boshaften und satirischen Kritiken beruhte. Die angegriffenen Künstler waren oft genug Hofschauspieler und beschwerten sich beim preußischen König Wilhelm III. (1797-1840), der Saphir anfangs noch wohlgesonnen war. Als der gegenseitige Schlagabtausch jedoch öffentlich weiterging, wendete sich die Stimmung zunehmend gegen Moritz Saphir. Gönner und Freunde wandten sich ab. Als der Stuttgarter Verleger Friedrich Gottlob Franckh (1802-1845) in dieser Situation das Angebot unterbreitete, Spahir möge doch für ihn München tätig werden, nahm dieser dieses Angebot dankbar an. Mit seiner Flucht ins Königreich Bayern entging er den bereits eingeleiteten Verleumdungsklagen.

Im Dezember 1829 siedelte Moritz Gottlieb Saphir nach München über, wo er am 2. Januar 1830 das Unterhaltungsblatt "Der Bazar für München und Bayern" herausbrachte. Schon wenige Wochen später war sein Name wieder in aller Munde; da er wie in Berlin meistens nur das (Hof-)Theater oder öffentliche Institutionen attackierte, erfreute sich Saphir in der bayerischen Haupt- und Residenzstadt einer relativen Popularität: "Die hiesigen Schauspieler", schrieb er am 19. Februar 1830 im "Bazar", "sind von jeher gewohnt gewesen, nur gelobhudelt zu werden. Die Kritiker schmarotzten bei ihnen, bekamen Freibilette [= Freikarten] und lobhudelten nach Bequemlichkeit. Mit der Theaterführung und Regie war es auch nicht besser. Die ganze Stadt sah den Verfall des Theaters, aber die käufliche und feigherzige Kritik lobhudelte, 600 Freibilette klatschten und das gebildete Publikum that was alle gebildeten Publikümer thuen, es schweigt oder sagt unter sich: das Theater wird doch gar zu schlecht".

Während der gefeierte Hofschauspieler Ferdinand Eßlair vergeblich bei König Ludwig I. (reg. 1825-1848) intervenierte, verkleidete sich der Kunstmaler Jakob Friedrich Hahn während des Faschings als Saphir-Karikatur mit großer Pappnase. Jener hatte ihn im "Bazar" als "freiherrlichen Haushahn des Hoftheaters" verspottet. Kurz darauf passte Hahn den Kritiker auf offener Straße ab und verprügelte ihn nach Strich und Faden, unter den anfeuernden Zurufen des Hofrats Klebe von der Zeitung "Flora". Während die beiden anschließend aus den führenden gesellig-literarischen Vereinen ausgeschlossen wurden, stieg Saphir zum Liebling des Münchner Publikums auf, die Auflage seiner Zeitung explodierte. Allerdings stand sich der Journalist letzten Endes doch wieder selbst im Weg: Nach fortwährenden Angriffen auf das Hoftheater wurde er vom König selbst mit einem persönlichen Dekret des Landes verwiesen. Am 20. November 1930 verließ er sein Schwabinger Domizil in Richtung Frankreich.

Bereits im Sommer 1831 durfte Moritz Gottlieb Saphir gnadenhalber zurückkehren, erst nach Augsburg, dann nach München: "Wir [der König] behalten Uns jedoch ausdrücklich vor, auch anders verfügen zu können". Seit Anfang Oktober publizierte Saphir "Der deutsche Horizont", ein vergleichsweise harmloses Blatt ganz auf Linie der zunehmend konservativeren Regierung. Im Januar 1832 trat er um seiner Karriere willen zum protestantischen Christentum über, was man ihm in Berlin noch verweigert hatte. Die Taufe änderte jedoch nichts an seinem Engagement für die vollständige Emanzipation der bayerischen Juden. Im darauffolgenden Monat ernannte Ludwig I. ihn zum "Hoftheaterintendanzrat", ein hochtrabender Titel, der jedoch unbezahlt und gänzlich ohne Einfluss war. Neben seinem vielfältigen literarischen Schaffen gab Saphir ab 1833 wieder den "Bazar" heraus und übernahm von Januar bis Juni 1834 im Auftrag des Innenministeriums die Redaktion für zwei regierungskonforme Blätter, den "Bayerischen Beobachter" und das "Münchner Conversationsblatt". Damit endete Saphirs journalistische Tätigkeit in München; die letzte Nummer meldete lapidar, dass der Herausgeber "in Familienangelegenheiten" nach Österreich abgereist sei. Der Weggang war endgültig, 1836 beschied der König in der ihm eigenen Sprachweise: "Das Visa soll Saphir zu verweigern die Weisung ereilt werden". Moritz Gottlieb Saphir lebte nun in Wien, wo er sich weitere Feinde machte und in die Politik der Märzrevolution 1848 verstrickte. Reisen nach Brüssel und Paris konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Saphir aus der Mode kam und zusehends vergessen wurde. Mit 65 Jahren verstarb er in Baden bei Wien.


Aus: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 101-107.


(Uwe Puschner | bearb. Patrick Charell)

Literatur

  • Uwe Puschner: Moritz Gottlieb Saphir (1795-1858) [...]. In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 101-107.

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