Mathilde Nora Goudstikker war wie ihre berühmtere Schwester Sophia Goudstikker eine der ersten Berufsfotografinnen und frühen Emanzipations-Vertreterinnen Deutschlands. 1891 gründete sie mit ihrer Schwester eine Filiale des Fotostudios Elvira in Augsburg, die einzige Ateliergründung in der Stadt durch Frauen im 19. Jahrhundert. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern vom "Verein für Fraueninteressen", um 1900 ein führendes Organ der Frauenbewegung. Mathilde Goudstikker inspirierte Rainer Maria Rilke und Hermann Obrist. Nach der NS-Machtübernahme wählte sie aus Verzweiflung den Freitod.
Geboren wurde Mathilde Nora Goudstikker am 13. März 1874 als zehntes und jüngstes Kind des Amsterdamer Kunst- und Antiquitätenhändlers Elias Salomon Goudstikker und seiner aus Rotterdam gebürtigen Ehefrau Grietje Klisser in Hamburg. Um die Netzwerke der Textil-, Antiquitäten- und Kunsthändlerfamilie Goudstikker auszubauen, war Elias Salomon Goudstikker 1865 aus Amsterdam mit der Familie nach Hamburg übergesiedelt. Das gleiche Ziel führte ihn 1879 mit der Familie weiter in die Kunststadt Dresden. Wie zuvor in Hamburg wurde er auch hier Mitglied der israelitischen Kultusgemeinde. Mathilde Noras Kindheit und Jugend war wie die ihrer Geschwister von Musik und den bildenden Künsten geprägt. Vermutlich erhielt sie genau wie ihre ältere Schwester Sophia eine Ausbildung am Malinstitut von Amalie Augspurg in Dresden.
Im Frühjahr 1891 kam es in Augsburg zur einzigen Ateliergründung des 19. Jahrhunderts durch Frauen. Das Fotoatelier Elvira in Augsburg wurde von den erfolgreichen Münchner Fotografinnen und Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg und Sophia Goudstikker als Filiale ihres 1887 in München gegründeten Fotoateliers gezielt in der Nähe des Augsburger Theaters angesiedelt. Tatsächlich handelte es sich dabei um die Existenzgründung für Sophias jüngste, noch nicht volljährige Schwester, Mathilde Nora Goudstikker, die mit ihrer Mutter Margarethe Goudstikker im gleichen Jahr von Dresden nach Augsburg übersiedelte. Einträgen im Augsburger Adressbuch von 1895 und 1896 zufolge, war Sophia die Inhaberin und Mathilde Nora Geschäftsführerin.
Im Augsburger Atelier Elvira wurden wie im Münchner Atelier gezielt prominente Persönlichkeiten fotografiert: Nicht nur Mitglieder der Fugger-Familie ließen sich von der jungen Fotografin ablichten, sondern auch viele weitere Berühmtheiten, wie z.B. der Ingenieur und Erfinder des Dieselmotors Rudolf Diesel, der Erfinder der Orthopädietechnik Rudi Rudolf Hessing oder der Münchner Generalmusikdirektor Hans von Bülow. Die erfolgreiche Augsburger Filiale wurde 1896 schließlich gewinnbringend verkauft. Margarete und Mathilde Nora Goudstikker meldeten sich im September 1896 aus Augsburg ab und begaben sich für Monate auf Reisen.
Ab 1897 wohnte Mathilde Nora dann in München. Auf ihrem Polizeimeldebogen ist als Religionszugehörigkeit nun „protestantisch“ vermerkt und als Wohnadresse der Wohnsitz ihrer Schwester Sophia. Gemeinsam führten die beiden Schwestern fortan das berühmte Münchner Fotoatelier Elvira. Noch im März 1897 lernte Mathilde Nora den Schriftsteller Rainer Maria Rilke kennen, als er mit einem Freund das Atelier Elvira besuchte. Einige Tage später trafen sie sich zufällig in Arco am Gardasee, wo Rilke seine Mutter besuchte. Kaum war Mathilde nach München zurückgekehrt, setzte ein reger Briefwechsel ein. Am 25. März – einem „echten Feiertag“, seit er ihren Brief erhalten hatte – schrieb Rilke der neuen Freundin: „Erinnern Sie sich noch jenes Amerikaners, mit dem ich im Atelier war, an jenem Tage (und wie steht der verzeichnet in all meinen Liedern jener Zeit), an dem ich Ihnen zum ersten Mal ins liebe Auge schauen durfte?“ Während seines Aufenthaltes in Italien im Frühjahr 1897 schrieb Rilke zwischen dem 25. März und dem 29. April 13 Briefe mit Gedichten an Mathilde. Er verfasste für sie und widmete ihr das einaktige Theaterstück „Höhenluft“, das er ihr am 25. April 1897 mit Begleitbrief zuschickte. All dies ist Zeugnis für die bedeutsame Beziehung des Dichters zu Mathilde Nora Goudstikker und gilt als wichtigste Quelle für Rilkes Verfassung kurz vor der Begegnung mit Lou Andreas-Salomé. Noch im Jahr 1919 findet man in Rilkes Adressbuch Mathilde Nora Goudstikker unter „Mathilde Goeschel“ verzeichnet. Auch auf den Bildhauer und Jugendstilkünstler Hermann Obrist, der 1894 von Florenz nach München gezogen war, wo er sein Stickereiatelier zuerst in der Wohnung von Sophia Goudstikker angesiedelt hatte, wirkte Mathilde Nora inspirierend. Um 1899 fertigte er, der als einer der ersten Männer Mitglied im „Verein für Fraueninteressen“ wurde, eine Büste von Mathilde Nora an, die er 1900 in seinem Artikel „L´Art pourquoi?“ in der französischen Zeitschrift „L´art décoratif“ präsentierte. Denn Mathilde Nora war ein Gründungsmitglied Mitglied im Verein, der sich zum „Flaggschiff“ der bayerischen Frauenbewegung entwickelte. Sein Ziel war es, die Bildung, Berufstätigkeit, Gleichberechtigung und Vernetzung der Frauen in Bayern voranzutreiben. Der Verein führte im Oktober 1899 in München federführend den Ersten Bayerischen Frauentag durch. Auf den vom Atelier Elvira erstellten Szene-Fotografien ist auch Mathilde Nora als Darstellerin zu sehen.
Als es 1933 zur Machtergreifung der Nationalsozialisten kam, erfuhr auch Mathilde Nora Restriktionen wegen ihrer jüdischen Herkunft. Die Goudstikkers taten damals alles, um die Spuren der jüdischen Herkunft der Familie zu verwischen. Tatsächlich kamen aber aus der über ganz Europa verteilten holländisch-deutschen Familie Goudstikker zahlreiche Familienangehörige zwischen 1942 und 1944 in Auschwitz ums Leben. Wenigen gelang es nach der Besetzung Hollands durch deutsche Truppen, in andere Länder zu fliehen. Mathilde Nora starb am 15. April 1934 in München und wurde am 19. April feuerbestattet. Aussagen von Nachkommen zufolge hat sie aus Verzweiflung Selbstmord begangen.
(Ingvild Richardsen)
Literatur
- Ingvild Richardsen: "Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen". Wie Frauen die Welt veränderten. Frankfurt 2019.
- Ingvild Richardsen: AK Evas Töchter. Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung (1894–1933). München 2018.
- Roswitha Friedel: Augsburg, Amalie Marie Wilhelmine. In: Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, edited by Wolf Tegethoff, Bénédicte Savoy and Andreas Beyer. Berlin / New York 2009.
- Franz Häußler: Fotografie in Augsburg. 1839-1900. Mit einem Bildteil aus den Fotoschätzen des Stadtarchivs Augsburg. Augsburg 2004.
- Rudolf Herz/Brigitte Bruns (Hg): Atelier Elvira. 1887-1928 Ästheten, Emanzen, Aristokraten. München 1986.
Quellen
GND: 116798351