Martha Krautheimer, geborene Landmann, wuchs in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Fürth auf und absolvierte dort die höhere Schule. Sie war zwei Mal verheiratet; aus ihren beiden Ehen stammten sechs Kinder. Der frühe Tod ihres ersten Mannes, des erfolgreichen Fürther Schuhhändlers Nathan Krautheimer, versetzte sie in die Lage, in Fürth eine Säuglingskrippe zu stiften, die 1912 eröffnet wurde. In der Folgezeit unterstützte sie weiterhin mit Spenden den laufenden Betrieb des Heims. Auch während ihrer zweiten Ehe mit dem Schuhfabrikanten Franz Ehrlich (1876‒1949) erhielt das Heim hohe Zuwendungen. Die ererbte Firma wurde unter „Ehrlich Schuhwaren-Compagnie“ weitergeführt. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise und zunehmender Bedrohungen durch die Nationalsozialisten musste das Unternehmen jedoch Konkurs anmelden und die Familie 1932 nach Schweden emigrieren. Martha Ehrlich starb ein Jahr nach der Schließung der Fürther Krautheimer-Krippe 1967 in der Schweiz.
Martha stammte aus der in Fürth ansässigen Familie des Hopfenhändlers Ernst Landmann und seiner Frau Pauline. Man ermöglichte ihr eine sehr gute Schulbildung, die unter anderem Unterricht in Französisch, Englisch, Musik und Zeichnen umfasste. Mit 17 Jahren begann sie in Heidelberg ein Sprachenstudium. Sie trat auch als Sängerin auf und wurde nach einem Konzert in Fürth als „geborene Koloratursoubrette“ gepriesen. Im Alter von 20 Jahren heiratete sie den Fürther Kaufmann Nathan Krautheimer (1854-1910). Das Paar ließ sich 1895/96 durch den angesehenen Fürther Architekten Adam Egerer einen repräsentativen Geschäfts- und Familiensitz an der Hornschuchpromenade errichten (Haus-Nr. 18). Es entstand ein dreigeschossiger Mansarddachbau mit Ädikulaportal, Loggien und Erker im Stil der Neurenaissance. Die Familie bewohnte den ersten und zweiten Stock, während im Erdgeschoss und in einem Backsteinbau im Hinterhof die Geschäftsräume der Firma untergebracht waren. Die erstgeborenen Zwillinge des Ehepaars starben 1896 bereits kurz nach der Geburt. Vermutlich gab dieses tragische Ereignis für Martha Krautheimer den entscheidenden Impuls, sich später für die Lebensbedingungen von Säuglingen und Kleinkindern einzusetzen. Bis 1901 wurden drei weitere Kinder der Familie geboren: 1897 der Sohn Richard, der später als Kunsthistoriker in den USA Karriere machte (siehe Richard Krautheimer), sowie 1900 und 1909 die beiden Töchter Sophie Gertrude und Lotte, die sich beide zur Säuglingsschwester ausbilden ließen.
Nathan Krautheimer hatte sich 1885, unterstützt durch seine beiden Cousins Albert und Louis Berneis, mit dem Unternehmen "Krautheimer & Co. - Kurz- und Schuhwaren en gros" selbständig gemacht. Die ersten Jahre befand sich der Firmensitz in der Fürther Hallstraße 9. Seit 1890 führte Nathan das Geschäft erfolgreich allein. 1910 jedoch starb Nathan Krautheimer überraschend im Alter von 56 Jahren. Er wurde auf dem Urnenfeld des Neuen Jüdischen Friedhofs beerdigt, wo sein Grabmonument noch heute zu finden ist. In seinem Testament legte er fest, dass 60.000 Mark aus seinem Vermögen einem sozialen Zweck dienen sollten. Seine Ehefrau Martha stockte den zur Verfügung stehenden Betrag auf und stiftete der Stadt das Geld zur Errichtung einer Säuglingskrippe. Die neue Einrichtung sollte die Tages- und Nachtpflege für 20 bis 30 Säuglingen gewährleisten, um die Säuglingssterblichkeit, die damals bei 25 Prozent lag, zu bekämpfen. Die Stifterin wollte mit ihrem Engagement aber auch zur Entlastung arbeitender Mütter beitragen. Man entschied sich für einen Standort in der Maistraße, in Nachbarschaft zu dem Wöchnerinnen- und Säuglingsheim des 1909 eröffneten Nathanstifts (siehe Alfred Nathan). Stadtbaurat Josef Zizler plante für das Heim einen zweigeschossigen klassizistischen Putzbau mit Walmdach, viersäuligem Eingangsvorbau und seitlichem Treppenturm mit Zwiebeldach. 1912 wurde die Einrichtung unter dem Namen "Krautheimer-Krippe" eingeweiht. Martha Krautheimer legte in den Statuten ausdrücklich fest, dass das Heim nicht nur für ehelich geborene Kinder, sondern auch für unverheiratete Mütter und deren Kinder jedweder Konfession bestimmt sei. Außerdem unterstützte sie die Einrichtung weiterhin mit Spenden, da das Anfangskapital nicht für die Finanzierung den laufenden Betrieb ausreichte.
1913 heiratete Martha Krautheimer in München erneut. Es handelte sich dabei um den Schuhfabrikanten Franz Ehrlich (1876‒1949), der die geerbte Firma "Krautheimer & Co. - Kurz- und Schuhwaren en gros" als "Ehrlich Schuhwaren-Compagnie" weiterführte. Aus der Ehe stammte der 1914 geborene Sohn Paul. Gemeinsamer Wohnsitz war zunächst weiterhin das unter Nathan Krautheimer erbaute Wohn- und Geschäftshaus (Hornschuchpromenade 18), ehe man ab 1918 das neu erworbene Gebäude Uhlandstraße 3, eine zweigeschossige Villa im Neurenaissancestil, zusätzlich als Sommerhaus nutzte. In der Artilleriestraße 40 - 42 entstand auf einem rund 8000 m² großen Grundstück ein neuer Firmensitz mit Geschäftshaus, Garagen, Kantine und großen Lagerhallen. Wohl aufgrund der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 geriet das Unternehmen jedoch in Schwierigkeiten. Die Pläne für eine schlossähnliche Villa in der Hardenbergstraße konnten auf Grund der angespannten Finanzlage nicht zu Ende geführt werden.
Wie alle jüdischen Bürger wurde auch die Familie Krautheimer durch die Nationalsozialisten bedrängt und verfolgt. Martha Ehrlich und ihr Mann emigrierten bereits 1932 nach Schweden zu Verwandten. Ihr Schuhhandelsgeschäft hatte zuvor Konkurs anmelden müssen. Ein Großteil des Firmensitzes in der Fürther Artilleriestraße ging an den Bayrischen Staat, der das Gelände 1932 an Gustav Schickedanz, den Gründer des Versandhauses "Quelle", weiter verkaufte. In Folge der Nürnberger Gesetze von 1935 tilgten die Nationalsozialisten den Stifternamen der "Krautheimer Säuglingskrippe". Sie firmierte nur noch unter dem Namen "Kleinkinder- und Säuglingsheim“. Erst 1945 wurde die Einrichtung wieder nach der Stifterfamilie benannt. Marthas Tochter Sophie und deren Mann wurden 1942 in Auschwitz umgebracht. Deren Sohn Gerard (*1929) überlebte in Verstecken in Frankreich und konnte nach dem Zweiten Weltkrieg mit Unterstützung seines Onkels Richard Krautheimer (siehe dort) in die USA auswandern.
Die "Krautheimer Kinderkrippe", eine Einrichtung, von der Generationen von Fürther Müttern und Kleinkindern profitiert hatten, beendete ihren Betrieb Ende 1966. Im Jahr darauf starb Martha Ehrlich im Alter von 92 Jahren in der Schweiz. Das ehemalige Krippen-Gebäude wurde dann durch die benachbarten Schulen genutzt und gehört heute zum Schulzentrum an der Tannenstraße. In ihm ist mittlerweile eine Außenstelle des Jüdischen Museums Franken untergebracht, in der auch über das Leben und Wirken der Familie Krautheimer informiert wird. In dankbarer Erinnerung an die Stifter der Krippe gründete die Stadt Fürth 1978 den "Krautheimer Kindergarten". Ein Gedenkstein wurde 1978 von Anna Landmann-Steuerwald, der Schwester Martha Krautheimers, enthüllt. Das ehemalige Familien- und Geschäftshaus (Hornschuchpromenade 18) der Familie Krautheimer gilt heute zusammen mit den anderen erhaltenen Gebäuden an der Hornschuchpromenade und der Königswarterstraße als Paradebeispiel für die Architektur der Fürther "Belle Époque".
(Christine Riedl-Valder)
Literatur
- Sabine Rempe: Das Lebenswerk von Martha Krautheimer. In: Fürther Nachrichten vom 10. September 2022 (Druckausgabe).
- Barbara Eberhardt / Frank Purrmann: Fürth. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 2: Mittelfranken. Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Angela Hager unter Mitarbeit von Frank Purrmann und Axel Töllner mit einem Beitrag von Katrin Keßler. Lindenberg im Allgäu 2010, S. 249-333, hier 305.
- Gaby Franger: Martha Krautheimer. In: Bedeutende Fürther Frauen. Fürth 2009, S. 14.
- Monika Berthold-Hilpert / Jutta Fleckenstein: Die Krautheimer-Krippe. Dependance des Jüdischen Museums Franken. Fürth 2004.
- Horst Gemeinhardt: Die Stifterfamilie Krautheimer und ihr Werk. In: Werner Heymann (Hg.): Kleeblatt und Davidstern. Aus 400 Jahren jüdischer Vergangenheit in Fürth. Emskirchen 1990, S. 214–229.
- Adolf Schwammberger: Fürth von A bis Z. Ein Geschichtslexikon. Fürth 1968, S. 229 (Zur Krautheimer-Säuglingskrippe)
Weiterführende Links
Quellen
GND: nicht verfügbar