Biografien
Menschen aus Bayern

Lion (Jacob Arje) Feuchtwanger Schriftsteller, Theaterkritiker und Dramaturg

geboren: 07.07.1884, München
gestorben: 23.12.1958, Los Angeles

Wirkungsort: München

Dr. Lion Feuchtwanger entstammte dem jüdischen Großbürgertum. Er war mit der Kaufmannstochter Marta Löffler verheiratet, ihre gemeinsame Wohnung avancierte zum Begegnungsort der Münchner Kulturszene. Mit den Romanen "Die hässliche Herzogin" (1923) und "Jud Süß" (1925) gelang ihm der internationale Durchbruch. Nach der NS-Machtübernahme 1933 wurde er ausgebürgert. Feuchtwanger hielt sich gerade in den USA auf und äußerte dazu den Satz: „Hitler hat mir das Bürgerrecht weggenommen, doch nicht wegnehmen konnte er mir meinen bayrischen Dialekt". 1941 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Die Werke aus seiner Zeit in Frankreich und den USA machen Feuchtwanger zu einem bedeutenden Schriftsteller der Exilliteratur. Er belebte den Historischen Roman und erhob ihn zur Ausdrucksform der hohen Literatur.

Am 7. Juli 1884 wurde Lion Jacob Arje in eine großbürgerliche und fromme jüdische Familie geboren. Er war ein Sohn von Sigmund Aharon Feuchtwanger (1854-1916) und Johanna geb. Bodenheimer (1864-1926), die insgesamt neun Kinder hatten. Mit sechs Jahren besuchte Lion die (katholische) Volksschule St. Anna im Münchner Stadtteil Lehel. Anschließend besuchte er das elitäre Wilhelmsgymnasium. Lion beschrieb seine Ausbildung als „pedantisch und nüchtern, ohne Sport, konservativ und patriotisch; ohne Zusammenhang mit dem realen Leben“. Zu seinen schulischen Aktivitäten kommt noch das tägliche, mindestens eine Stunde dauernde Studium der hebräischen Bibel und des aramäischen Talmuds unter der Leitung eines Privatlehrers, meistens um fünf Uhr morgens. Schon früh unternahm Lion Feuchtwanger erste Versuche als Schriftsteller, die ihm bereits als Schüler einen Preis einbrachten. 1903 machte er sein Abitur und studierte danach Geschichte, Philosophie sowie Deutsche Philologie in München und Berlin. In dieser zeit entfremdete er sich von seinen Eltern, daher musste er sich in seinen ersten Jahren als Schriftsteller unter großen finanziellen Problemen durchschlagen. Er promovierte 1907 über Heinrich Heines Erzählung „Der Rabbi von Bacharach“. 1912 hatte Feuchtwanger in München die jüdische Kaufmannstochter Marta Löffler geheiratet, die ihm trotz seiner zahlreichen Affären zur kongenialen Lebenspartnerin werden sollte. Ihre Wohnung avancierte zum Begegnungsort der künstlerischen Elite.

Während einer Reise war das Ehepaar 1914 in Tunis vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und Lion vorübergehend verhaftet worden. Eine abenteuerliche Flucht gelang. Dem Tod auf den Schlachtfeldern des ersten Weltenbrandes entging Feuchtwanger als magenkranker Untauglicher. Die Münchner Räterepublik erlebte er als zurückhaltender Beobachter. Wie nur wenige seiner Zeitgenossen, darunter der seit 1919 mit ihm befreundete Bertolt Brecht, sah er früh die drohende Gefahr des heraufziehenden Nationalsozialismus, dessen Auswirkungen ihn, wie geschildert, unmittelbar nach der Machtergreifung persönlich in den Vereinigten Staaten mit großer Wucht erreichten.

Schon seine beiden frühen Werke „Die hässliche Herzogin“ (1923) und „Jud Süß“ (1925), die in geschichtlichem Gewand von der Gegenwart berichten und auch als Warnung der deutschen Juden vor der Illusion einer Unangreifbarkeit durch Assimilation gedacht waren, hatten ihn materiell unabhängig gemacht. In den nächsten 33 Jahren sollten zahlreiche umfangreiche epische Werke folgen. Als das Ehepaar Feuchtwanger im Jahr 1925, angeekelt vom Antisemitismus und den Anpöbelungen des nationalsozialistischen Mobs sowie politisch alarmiert von der nahezu völlig fehlenden Gegenwehr des Münchner Bürgertums, ihre Heimatstadt in Richtung Berlin verließen, hatten sie bereits bewegte Zeiten hinter sich. 

Die Nationalsozialisten hatten den kritischen Intellektuellen Feuchtwanger bereits länger im Visier, denn bereits sein Roman "Jud Süß" warnte im Deckmantel der Historie vor der Gefährlichkeit und stumpfen Brutalität antisemitischer Kreise. Auch hatten sie seine Prophezeiung in einer Berliner Zeitung von 1931 nicht vergessen: "Solange es in Deutschland noch einen Winkel gibt, wo die Kunst den Mund auftun darf, wollen wir es unmissverständlich aussprechen und in die Schädel hämmern: Das Dritte Reich bedeutet Ausrottung der Wissenschaft, der Kunst, des Geistes". Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kam die Quittung: Feuchtwanger wurde ausgebürgert, seine Bücher verbrannt, seine großzügige Villa am Berliner Grunewald von einer SA-Truppe geplündert. Retten konnte er zumindest einen Teil seines Vermögens, das er sich nach anfänglichen Hungerjahren auf dem Weg zum Weltbestseller als Erneuerer und Meister des historischen Romans erschrieben hatte.

Feuchtwanger sollte seine Heimat nie mehr wiedersehen. Von seiner Lesereise aus Amerika zurückkehrend, fand er zunächst Unterschlupf im Fischerdorf Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste, einem der bekanntesten Exilzentren, wo er von 1933 bis 1940 lebte und schrieb – von seinen Sprachwurzeln getrennt, aber literarisch äußerst produktiv.

In seinem Schlüsselroman „Exil“ (1940), einem der bedeutendsten Dokumente deutscher Exilliteratur, hat er die desaströsen Lebensbedingungen in der Emigration eindrücklich dargestellt. Diese Bedrückung kulminierte in seiner Internierung als „feindlicher Ausländer“ durch das Vichy-Regime im Konzentrationslager Les Milles bei Aix-en-Provence. Über Spanien und Portugal gelang ihm gemeinsam mit Marta schließlich die lebensgefährliche Flucht in die Vereinigten Staaten von Amerika. Unterstützt von Thomas Mann fanden sie in Pacific Palisades in der „Villa Aurora“ ihre neue Heimat für fast zwei schöpferische Jahrzehnte. Der vermeintliche Stalin-Freund wurde während der antikommunistischen Hysterie in den McCarthy-Jahren von den Behörden überwacht: Als leidenschaftlicher Gegner des Nationalsozialismus hatte Feuchtwanger zeitweise in der Sowjetunion den entschiedensten Gegner des Dritten Reiches zu erkennen geglaubt und war Ende 1936 einer umgarnenden Einladung nach Moskau gefolgt. Mit seinen Lobpreisungen Stalins, der beifälligen Teilnahme an einem der Schauprozesse gegen angebliche Trotzkisten und der anschließenden Propagandaschrift „Moskau 1937“ hatte er sich selbst in Verruf gebracht. Die Villa Aurora ist heute zusammen mit der neu erworbenen Villa Mann ein deutsch-amerikanisches Kulturzentrum und Writers Residency der Bundesrepublik Deutschland (VATMH). Hier entstanden weitere dreizehn Romane, darunter „Goya“ (1951) und „Die Jüdin von Toledo“ (1955). 

Lion Feuchtwanger erlag schließlich einem Magenkrebs, als er nach mehreren erfolglosen Operationen an inneren Blutungen starb. Er ruht auf dem Prominentenfriedhof Woodlawn Cemetery in Santa Monica, Los Angeles.

In der frühen Bundesrepublik hatten es die Werke des jüdischen Weltbürgers mit bayerischen Wurzeln schwer, Resonanz zu finden. Feuchtwanger selbst hatte es diesem Teil seiner Leserschaft nicht leichtgemacht. Dabei ist Feuchtwanger als an Luxus gewohnter Großbürger sicherlich nie ein überzeugter Kommunist gewesen. Die Kategorie „linker Optimist“ trifft es vermutlich besser. Es sollte bis 1957 dauern, bis seine Geburtsstadt ihn mit ihrem Kunst- und Literaturpreis würdigte – allerdings ausschließlich für seine künstlerische Leistung und nicht für seine politische Haltung, von der sich der Münchner Stadtrat in einer eigenen Resolution ausdrücklich distanzierte.

Dabei hat Feuchtwanger Oberbayern im Allgemeinen und München im Besonderen in seinem Roman „Erfolg“ (1930) ein unvergleichliches Denkmal gesetzt. Bei diesem Schlüsselroman handelt es sich um das erste große Prosawerk, das sich in einem so kritischen wie breiten Panorama der krisengeschüttelten 1920er Jahre mit dem Aufkommen der nationalsozialistischen Bewegung auseinandersetzt. Schonungslos werden ihre Hintergründe ausgeleuchtet, ihre Lächerlichkeit, ihre Gefährlichkeit und ihre Unmenschlichkeit angeprangert. Feuchtwanger zeichnet in diesem grandiosen Sittenbild nach, wie es zum Erfolg der Nationalsozialisten kommen konnte, der erst durch die Korruptheit von Justiz, Politik und Wirtschaft, durch die heimliche Förderung einiger Großindustrieller sowie die massenhafte Unterstützung durch das Kleinbürgertum möglich geworden war. An der Hand des feinsinnigen literarischen Chronisten wird der Leser Schritt für Schritt in die Zeiten des abnehmenden Lichts und der heraufziehenden Dunkelheit des Zivilisationsbruchs geführt. Und doch ist dieser zeitkritische Roman durchzogen von einer großen Liebe Feuchtwangers zu seiner bayerischen Heimat und ihren Bewohnern. Nur, dass die meisten von ihnen dies bis heute nicht so recht bemerkt haben.


Aus der Serie "Gesichter unseres Landes" von der Hanns-Seidl-Stiftung.

(Philipp W. Hildmann)

Literatur

  • Andrea Kästle: München leuchtete nicht für jeden. Was Gedenktafeln der Stadt verschweigen. München 2024, S. 73-75.
  • Waldemar Fromm u.a. (Hg.): Literaturgeschichte Münchens. Regensburg 2019.
  • Wilhelm von Sternburg: Lion Feuchtwanger. Die Biographie. Berlin 2016.
  • Werner Ebnet: Sie haben in München gelebt. Biografien aus acht Jahrhunderten. München 2016, S. 184
  • Volker Skierka: Lion und Marta Feuchtwanger (1884–1958 und 1893–1987); "Exil". In: Haus der Bayerischen Geschichte (Hg.) / Manfred Treml / Wolf Weigand: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, Bd. 2: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 299-308.

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