Leopold Ullstein startete seine Karriere mit einer kaufmännischen Lehre in der väterlichen Papiergroßhandlung, die in Nachbarschaft zur Synagoge in Fürth, dem "fränkischen Jerusalem", lag. Danach führte er zusammen mit seinen beiden Brüdern den Familienbetrieb erfolgreich weiter. 1855 machte er sich in Berlin mit einer eigenen Firma selbständig.Er begann sich politisch zu engagieren und wurde 1872 als Liberaler in die Stadtverordnetenversammlung der neuen Reichshauptstadt gewählt. 1877 ging er unter die Zeitungsverleger und baute in den Folgejahren ein einflussreiches und bedeutendes Verlagsimperium auf. Ullstein hatte das Ziel, politisch unabhängige Zeitungen herauszugeben, die die Macht des preußischen Obrigkeitsstaates beschränken sollten. Reichskanzler Otto von Bismarck versuchte mit zahlreichen Strafanträgen den Einfluss der liberalen Presse zu schmälern; Leopold Ullstein wusste sich aber zu behaupten. Der Ullstein-Verlag war ab den 1890er Jahren das wichtigste Sprachrohr bürgerlich-liberaler Politik. Neue Ideen trugen sehr zum Umsatz der Firma bei. Mit "Der heitere Fridolin" erschien im Verlag die erste deutsche Kinderzeitschrift. Sehr gefragt waren auch Modezeitschriften, zum Beispiel unter dem Slogan "Sei sparsam Brigitte, nimm Ullstein-Schnitte". Beim Tode des Gründers 1899 beschäftigte das Unternehmen bereits 1600 Menschen. Mit Leopold Ullstein starb 1899 ein Unternehmer, dem es gelang, im preußischen Obrigkeitsstaat liberale Gesinnung und Meinungsvielfalt unter die Leute zu bringen. Seine fünf Söhne führten den Verlag erfolgreich fort.
Leopold kam als jüngster von drei Söhnen des Hajum Hirsch Uhlstein (später "Ullstein" geschrieben) und seiner Frau Hannah, Tochter des Bankiers Wolf Berlin, in Fürth zur Welt. Ab 1833 besuchte er die Israelitische Religionsschule und ab 1836 die Brentano'sche Erziehungsanstalt vor Ort. Mit 14 Jahren trat er die Lehre in der väterlichen Papiergroßhandlung, eine der größten Deutschlands, an. 1847 übernahm er zusammen mit seinen beiden älteren Brüdern die Firma, die aufgrund des florierenden Buch- und Zeitschriftenmarktes stetig wachsende Umsätze verbuchen konnte. 1850 wurde der Geschäftssitz nach Leipzig verlegt, das sich damals zum Zentrum des deutschen Verlagsgewerbes entwickelte. Familiäre Streitigkeiten führten jedoch dazu, dass sich Leopold aus dem Familienunternehmen zurückzog. 1855 erlaubte ihm der Fürther Stadtmagistrat nach Berlin auszuwandern.
Leopold eröffnete 1855 in Berlin eine eigene Papiergroßhandlung und konnte damit schnell erste wirtschaftliche Erfolge verbuchen. 1858 heiratete er Mathilde Berend, die Tochter eines Zahnarztes. Mit ihr hatte er sieben Kinder. Sie verstarb nach 14jähriger Ehe und Ullstein ging eine zweite Ehe mit der Magdeburger Kaufmannstochter Elise Pintus ein. 1871 wurde er zum Stadtverordneten gewählt. In dieser Funktion vertrat Ullstein eine liberale und reformfreudige Position. Er wandte sich gegen Bismarcks konservative und obrigkeitsstaatliche Politik und setzte sich für freie Meinungsäußerung ein. Nachdem seine Wiederwahl gescheitert war, erwarb 1877 Ullstein das Druckerei- und Verlagsgeschäft der Firma Stahl Aßmann, zu dem das "Neue Berliner Tageblatt" gehörte. Ein Jahr später erfolgte die Gründung des Verlagshauses Ullstein & Co. Damit war die Basis für das spätere Verlagsimperium gelegt, das sich zum größten in Deutschland entwickeln sollte. Sein damaliger Partner Joseph Neißer schied nach zwei Jahren wieder aus, so dass Ullstein Alleininhaber wurde.
Die Firma wuchs in der Folgezeit rasch durch den Ankauf und die Gründung neuer Blätter. Bereits 1877 kam die demokratisch-freiheitliche "Berliner Zeitung" hinzu, die 1879 mit dem "Neuen Berliner Tagblatt" zusammengelegt wurde. Ullstein entwickelte sie zum Sprachrohr für liberale und Bismarck-kritische Politik. Er hatte früh erkannt, welch bedeutende Rolle die Zeitungen im politischen Prozess spielen konnten. Unterhaltungsbeilagen, wie das "Deutsche Heim" oder das juristische Beiblatt "Die Gerichtslaube" sorgten zudem für einen ständig wachsenden Leserkreis. Die Gründung der „Abendpost“ erfolgte 1887. Ullstein startete mit ihr das ertragreiche Geschäft mit Inseraten. 1894 kaufte er die "Berliner Illustrierte Zeitung", die damals wichtigste deutsche Wochenzeitung. Vier Jahre später erfolgte die Gründung der „Berliner Morgenpost“, die sich zum größten Abonnementsblatt mit 160.000 Abonnenten entwickelte. Durch das Morgen- und Abendblatt, die beide in seinem Hause erschienen, konnte Ullstein seinen Kunden nun stets die aktuellsten Nachrichten bieten. Das „Wochenblatt“ rundete dieses Angebot ab. Ullstein war damit der mächtigste Zeitungsunternehmer Deutschlands.
Innerhalb weniger Jahre hatte Leopold Ullstein mit viel kaufmännischem Geschick und politischem Gespür den Grundstock für ein Medienimperium gelegt. Bei seinem Tod 1899 beschäftigte der Verlag bereits 1600 Mitarbeiter. Der Verlagsgründer fand seine letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof am Prenzlauer Berg. Seine fünf Söhne führten das Unternehmen äußerst erfolgreich weiter. 1903 wurde der Ullstein Buchverlag gegründet. Seitdem prägt die heilige Eule der Athene, - ein Motiv, das vom Siegelring des Firmengründers stammt, - die Ullstein-Bücher. 1914 gelangten sie nach dem Erwerb der "Vossischen Zeitung" an die Spitze des deutschen Verlagswesens. Mit der Gründung des Propyläenverlags 1919 wurde das Unternehmen auch zum führenden Buchverlag in Deutschland. Eine Reihe von Innovationen erhöhten den Umsatz, so zum Beispiel die Herausgabe der ersten deutschen Kinderzeitschrift mit dem Titel "Der heitere Fridolin", die ab 1921 erschien. In den 1920er Jahren gab es über 50 Ullstein-Ladengeschäfte in Berlin.
1937 erfolgte die Enteignung des Unternehmens durch die Nationalsozialisten. Die Familie flüchtete ins Exil nach London und New York. Danach gelangte der Verlag in den 1950er Jahren zu neuer Blüte. Seit 2004 sind nach mehreren Besitzerwechseln unter dem Dach der Ullstein Buchverlage in Berlin der Ullsteinverlag, Ullstein Taschenbuch, Propyläen, sowie sechs weitere Verlage vereint.
Zum 100-jährigen Jubiläum des Buchverlags erschien im Ullstein-Verlag 2003 der "Ullsteinroman", verfasst von Bestsellerautor Sten Nadolny. Er erzählt von dem Unternehmergeist, dem glänzenden Aufstieg, den Konflikten und dem jähen Absturz der jüdischen Verlegerfamilie im Dritten Reich. In Anerkennung der Verdienste des Verlagsgründers als Verfechter der Meinungsvielfalt und demokratischer Grundwerte sind die Ullsteinstraße und der U-Bahnhof Ullsteinstraße in Berlin-Tempelhof nach ihm benannt. Seit 1991 trägt die städtische Realschule in Fürth seinen Namen. 2013 wählte man auch für das Oberstufenzentrum Industrie und Datenverarbeitung in Berlin den Namen "Leopold-Ullstein-Schule".
(Christine Riedl-Valder)
Literatur
- Bernd Noack: Die Weisheit der Eule. Der Verleger Leopold Ullstein, in: Bernd Noack: Mit Licht und Schatten gepflastert. Elf literarische Erkundungen in Fürth. Gunzenhausen, 2007, S. 11‒19.
- Katrin Bielefeldt: Geschichte der Juden in Fürth. Jahrhundertelang eine Heimat. Nürnberg 2005, S. 20f.
- Manfred Mümmler: Dichter, Denker, Demokraten. Die Stadt Fürth war eine Station auf ihrem Lebensweg. Siebzehn Biographien. Emskirchen 1991, S. 121‒125.
- Bernward Deneke (Hg.): AK "Siehe, der Stein schreit aus der Mauer". Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Eine Ausstellung vom Germanischen Nationalmuseum und Haus der Bayerischen Geschichte im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 1988/1989. Nürnberg 1988, S. 396.
- Adolf Schwammberger: Leopold Ullstein. In: Fränkische Lebensbilder, Neue Reihe, Bd. I. Würzburg 1967, S. 370‒381
- Adolf Schwammberger: Fürth von A bis Z. Ein Geschichtslexikon. Fürth 1967, S. 367f.
- Peter de Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin. Berlin 1959
- Herman Ullstein: The rise and fall of the house of Ullstein. New York 1943
- Georg Bernhard: 50 Jahre Ullstein. Berlin 1927.
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