geboren: 05.11.1810,
Burgpreppach
gestorben: 02.12.1882,
Frankfurt a. M.
Wirkungsort:
Burgkunstadt | Frankfurt a. M.
Leopold Stein übernahm 1834 das Bezirksrabbinat Burgkunstadt und zeigte sich schon dort als entschiedener Verfechter des deutschen Reformjudentums. 1843 berief ihn die mehrheitlich liberale Kultusgemeinde in Frankfurt a.M. zum Rabbiner. Sein Motto lautete: "Erhaltung – durch Reform". Dafür überarbeitete Stein die hebräische Liturgie und predigte auf Deutsch. Er publizierte Lehr- und Schulbücher, aber auch Dramen, Lyrik und von 1851 bis 1861 die Zeitschrift "Der Israelitische Volkslehrer". 1861 legte Stein sein Amt nieder und gründete eine Mädchenschule. Aus der Ehe mit Eleonore geb. Wertheimer (1820-1869) gingen acht Kinder hervor, darunter der spätere Mediziner Dr. Sigmund Theodor Stein (1840-1891).
Leopold Stein entstammte einer gelehrten Rabbinerfamilie. Sein Vater Abraham Loeb Sulzdorfer gen. Stein (1756-1846) kam aus Sulzdorf. 1809 hatte er eine Lehrerstelle für die Kultusgemeinde Burgpreppach übernommen, wo Leopold auch zur Welt kam. Später wurde Abraham Stein zum Bezirksrabbiner berufen; die ganze Familie zog zunächst nach Adelsdorf und nach der Verlegung des Amtssitzes 1829 wieder zurück nach Burgpreppach. Leopold Stein sollte der Familientradition folgen und Rabbiner werden. Zunächst besuchte er den traditionellen jüdischen Schulunterricht in der Cheder, jedoch hatte sich das Unterrichtswesen einschneidend verändert: Die bayerische Krone verlangte nun auch von jüdischen Priestern und Lehrern eine nachprüfbare akademische Ausbildung, ansonsten wurde keine Lehrerlaubnis erteilt. Leopold Stein besuchte daher mit 17 Jahren das Gymnasium in Erlangen und Bayreuth, dann absolvierte er von 1831 bis 1835 ein geisteswissenschaftliches Studium an der Universität Würzburg, das er mit seiner Promotion abschloss. Seine theologische Ausbildung endete an der einflussreichen Jeschiwa zu Fürth, wo er die rabbinische Lehrerlaubnis erhielt. Leopold Stein machte sich in religiösen Fragen die moderne, aufgeschlossene Haltung in Fürth und Nürnberg zu eigen, beides Zentren des deutschen Reformjudentums.
Im Jahr 1835 wurde Leopold Stein als Rabbiner nach Altenkunstadt und Burgkunstadt berufen. Neben seiner seelsorgerischen Arbeit übersetzte er biblische und mittelalterliche Dichtungen ins Deutsche und verfasste deutsche Texte für die traditionelle hebräische Liturgie ("Stufengesänge, Dichtungen" 1834, "Die Königskrone" 1839). Zusätzlich veröffentlichte er geistige Erbauungstexte, Dramen und eigene Lyrik, die in Frankfurt a.M. und Berlin gedruckt wurden. 1839 heiratete er Eleonore geb. Wertheimer (1820-1869). Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor, unter ihnen der Mediziner und Naturwissenschaftler Dr. Sigmund Theodor Stein (1840-1891).
1843 erhielt Leopold Stein einen Ruf nach Frankfurt am Main, wo er Stellvertreter des konservativen Oberrabbiners Salomon Abraham Trier werden sollte. Dies scheiterte zunächst an dessen Widerstand. Wegen diesem öffentlich ausgetragenen, erbitterten Streit trat die Familie Rotschild von ihrer versprochenen Förderung eines Synagogenneubaus zurück. Schließlich löste sich die konservative Minderheit von der Frankfurter Kultusgemeinde und nahm sich als orthodoxe Vereinigung einen eigenen Rabbiner. 1845 wurde Leopold Stein zum Präsidenten der Rabbinerversammlung gewählt. Er begleitete die März-Revolution von 1848 mit flammenden Reden. Eine Sammlung seiner weithin gerühmten eloquenten Predigten erschien in Buchform ("Koheleth. Eine Auswahl gottesdienstlicher Vorträge" 1846). Als Verleger brachte er von 1851 bis 1861 zwei jüdisch-theologische Zeitschriften heraus, den "Israelitischen Volkslehrer" und "Den Freitagabend". Zusätzlich veröffentlichte Stein 1857 ein reformiertes jüdisches Liturgiebuch, das von mehreren Kultusgemeinden übernommen wurde, und 1858 ein Religionslehrbuch für die Jugend.
In der Frankfurter Gemeinde betrieb er gegen den Widerstand des weiterhin starken orthodoxen Flügels vor allem den Neubau der 1711 erbauten, noch den beengten Verhältnissen der ehemaligen Judengasse entstammenden Hauptsynagoge. 1854 konnte er endlich ihren Abriss durchsetzen. An ihrer Stelle entstand 1855 bis 1860 ein repräsentativer Neubau. Die Innenausstattung der neuen Hauptsynagoge entsprach den liturgischen Besonderheiten der Reformbewegung: Es gab eine Kanzel und eine Orgel, die von orthodoxen Gläubigen scharf abgelehnt wurde, feste Reihen von Sitzbänken (Subsellien) und eine mit dem Toraschrein zusammengerückte Bima. Bei der feierlichen Eröffnung am 23. März 1860 hielt Stein in Anwesenheit der beiden Bürgermeister und des Senats der Freien Stadt Frankfurt die Festrede. Darin betonte er, dass die neue Synagoge ein Symbol für die Verbundenheit der israelitischen Gemeinde mit der alten Religion und für die Zugehörigkeit zur deutschen Nation sei. Aufgrund dieser Rede kam es zu einem Eklat im Gemeindevorstand. Enttäuscht trat Stein 1861 von seinem Rabbineramt zurück und gründete ein privates jüdisches Mädchenpensionat. 1867 wurde er Mitglied der Freimaurerloge "Zur Einigkeit".
Seine Anhänger und Unterstützer formierten sich 1869 zur deutsch-amerikanischen "Westend-Union-Gemeinde", die Stein als Prediger führte. Eine seiner bekanntesten Schriften ist die zweibändige "Schrift des Lebens" (1872-1877), eine populäre Darstellung der Dogmatik und Ethik des Judentums. Altersbedingt zog sich Leopold Stein 1872 ins Privatleben zurück und starb zehn Jahre später. Er ruht auf dem jüdischen Friedhof von Frankfurt an der Rat-Beil-Straße.
(Patrick Charell)
Literatur
- Michael Brocke / Julius Carlebach (Hg.) / Carsten Wilke (Bearb.): Biographisches Handbuch der Rabbiner, Bd. I/2: Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und großpolnischen Ländern 1781–1871. Kaempf – Zuckermann. München 2004, S. 834 (Nr. 1711).
Weiterführende Links
- Adolf Brüll: "Stein, Leopold". In: Allgemeine Deutsche Biographie (1893), S. 660–661.
- Publikationen von Rabbiner Leopold Stein (Goethe-Universität Frankfurt a.M.)
- Der Israelitische Volkslehrer (Jüdisches Museum Frankfurt a.M.)
- Dr. Leopold Stein - Biografische Daten (Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen)
- Porträt und engl. Kurzbiografie (Leo Beck Institute)
GND: 117243027