Biografien
Menschen aus Bayern

Leopold Löwenfeld Mediziner (Neurologie und Psychiatrie)

geboren: 23.01.1847, München
gestorben: 20.12.1923, München

Wirkungsort: München

Der gebürtige Münchner Dr. Leopold Löwenfeld spezialisierte sich nach einem Studium der Medizin auf menschliche Nervenkrankheiten und gilt als Pionier der Sexualpathologie. Sein Bruder war der Jurist und Sozialwissenschaftler Theodor Löwenfeld (1848-1919). Leopold Löwenfeld begeisterte sich für die junge Wissenschaft der Psychoanalyse und stand im engen Austausch mit Prof. Sigmund Freud in Wien, mit dem er auch freundschaftlichen Umgang pflegte. Obwohl Leopold Löwenfeld am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teilgenommen hatte und Berufserfahrung in den USA vorweisen konnte, wurde er – vermutlich auf Grund seines jüdischen Glaubens – nicht als Dozent an der LMU zugelassen. Dennoch publizierte er zahlreiche Werke über Nervenkrankheiten, Psychosen und Hypnose. Für sein Wirken erhielt er den Ehrentitel eines Kgl. Bay. Hofrats. Von 1900 bis 1922 war Löwenfels außerdem noch Herausgeber der Fachzeitschrift "Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens".

Leopold entstammte einer angesehen jüdischen Familie in München, er war der Sohn von Johanna geb. Reh (Daten unbekannt) und des Siegellackfabrikanten Philipp Löwenfeld (gest. 1866). Wie auch sein um ein Jahr jüngerer Bruder Theodor besuchte Leopold das angesehene Wilhelmsgymnasium in München und konnte trotz der schwierigen finanziellen Lage nach dem frühen Tod des Vaters auf die Universität gehen. Während Theodor zunächst Philosophie und dann Jura studierte, widmete sich Leopold der Medizin. Sein Studium in München schloss er 1870 mit der Promotion ab. Als junger Assistenzarzt nahm er mit 23 Jahren am Deutsch-Französischen Krieg teil. Nach dem Krieg ließ er sich kurze Zeit als praktischer Arzt in Binswangen nieder, ging aber dann von 1872 bis 1876 in die USA, um dort sein Glück zu machen. Löwenfeld praktizierte als Nervenarzt in Chicago und gewann dort rasch einen großen Kundenkreis, litt jedoch unter Heimweh und dem rauen Klima der "Windy City". Ab 1877 lebte und arbeitete er wieder in München. 1881 reichte er zur Erlangung der Privatdozentur an der medizinischen Fakultät der LMU München die Schrift "Aktiologie und Pathologie der spontanen Hirnblutungen" ein. Wohl aufgrund eines Einspruch des Internisten und Hochschullehrers Prof. Hugo von Ziemssen (1829-1902) wurde Dr. Löwenfeld abgelehnt, wobei sein Judentum ausschlaggebend gewesen sein dürfte. Dieser Rückschlag war für Löwenfeld eine große persönliche Enttäuschung, führte aber nicht zur Verbitterung. Er lenkte seinen Forschungsdrang zurück auf sein Spezialgebiet, das menschliche Nervensystem und seine Erkrankungen. In diesem Zusammenhang interessierte er sich zunehmend auch für die Psychoanalyse, eine damals noch neue Wissenschaft zur Erforschung und Heilung von Geisteskrankheiten. In späteren Lebensjahren konnte er wegen einer akuten Sehschwäche nicht mehr eigenständig schreiben und arbeitete mit seiner "geistig hochstehenden" Gattin zusammen, der er seine Texte diktierte.

Dr. Leopold Löwenfeld stieß 1895 auf Dr. Sigmund Freuds erste Publikation über die Angstneurose und veröffentlichte noch im gleichen Jahre eine kritische Arbeit in der "Münchener Medizinischen Wochenschrift", auf die Freud in der "Wiener Klinischen Rundschau" erwiderte ("Zur Kritik der Angstneurose", 1895). Noch Jahre später erwähnte Freud, dass dies der einzige wissenschaftliche Streit gewesen sei, auf den er sich jemals eingelassen hätte, und das Ende sei eine Freundschaft mit Löwenfeld gewesen.

Als Herausgeber der "Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens" (Wiesbaden 1901) nahm Löwenfeld eine kurze Darstellung von Freuds neuer Traumlehre in den Sammelband auf. Einige Jahre später hatte sich Löwenfeld bereits soweit zur Psychoanalyse bekannt, dass er Freud dazu einlud, für seine "Psychischen Zwangserscheinungen" (1904) einen Abschnitt über die "Psychoanalytische Methode" zu schreiben (der in der Sammlung kleiner Schriften, I. Folge, abgedruckt wurde). Im Jahr 1906 folgte für die IV. Auflage von "Sexualleben und Nervenleiden" eine weitere Kooperation. Im Jahr 1913 nahm Dr. Leopold Löwenfeld als Gast am IV. Münchener Psychoanalytischen Kongress teil. Auf dem Kongress lud Löwenfeld die Redakteure des medizinischen Journals "Imago" ein, ein Grenzfragenheft über "Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften" (1913) zu schreiben.


(Patrick Charell | Stefan W. Römmelt)

Als Dr. Leopold Löwenfeld mit 77 Jahren in München verstarb, hinterließ er ein halbes Jahrhundert wissenschaftlicher Arbeit. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen:


  • Die Herausgeberschaft des Fachmagazins "Grenzfragen des Nerven und Seelenlebens", 1900-1922.
  • Experimentelle und kritische Untersuchungen zur Electrotherapie des Gehirns insbesonders über die Wirkungen der Galvanisation des Kopfes. München 1881.
  • Über Platzangst und verwandte Zustände. München 1882.
  • Die moderne Behandlung der Nervenschwäche (Neurasthenie), der Hysterie und verwandter Leiden. Mit besonderer Berücksichtigung der Luftcuren, Bäder, Anstaltsbehandlung und der Mitchell-Playfair’schen Mastcur. (insgesamt 4 verm. u. korr. Aufl.) Wiesbaden 1887.
  • Über die Krankenpflege hysterischer Personen. Berlin 1896.
  • Sexualleben und Nervenleiden. Die nervösen Störungen sexuellen Ursprungs. Nebst einem Anhang über Prophylaxe und Behandlung der sexuellen Neurasthenie. 2. völlig umgearbeitete und sehr vermehrte Aufl. (insgesamt 6 verm. u. bearb. Aufl.) Wiesbaden 1899.
  • Der Hypnotismus. Handbuch der Lehre von der Hypnose und der Suggestion. Mit besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für Medicin und Rechtspflege. Wiesbaden 1901.
  • Über das Eheliche Glück. Erfahrungen, Reflexionen und Ratschläge eines Arztes. Wiesbaden 1906.
  • Über die Dummheit. Eine Umschau im Gebiete menschlicher Unzulänglichkeit. Wiesbaden 1909.
  • Student und Alkohol. Vortrag gehalten am 21. Februar 1910. München 1910 (= Schriften des Sozialwissenschaftlichen Vereins der Universität München 6).
  • Über die sexuelle Konstitution und andere Sexualprobleme. Wiesbaden 1911.
  • Bewusstsein und psychisches Geschehen. Die Phänomene des Unterbewusstseins und ihre Rolle in unserem Geistesleben. Wiesbaden 1913.
  • Die Suggestion in ihrer Bedeutung für den Weltkrieg. Wiesbaden 1917.
  • Hypnotismus und Medizin. Grundriss der Lehre von der Hypnose und der Suggestion mit besonderer Berücksichtigung der ärztlichen Praxis. München u. Wiesbaden 1922.

Literatur

  • Nachruf auf Dr. Leopold Löwenfeld. In: Central-Verein-Zeitung: Blätter für Deutschtum und Judentum ; C-V-Zeitung ; Organ des Central-Vereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens Jg. 8 Heft 3 (21.2.1924), S. 75.
  • Nachruf in: Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung Hft. 10 (1924), S. 103.
  • Isidor Fischer (Hg.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre, Bd. 2. Berlin 1933, S. 934.

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